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Angebotsdarstellung

Good Practice

Veröffentlichung: 2009

Aufsuchende Sozialarbeit rund um den Kieler Vinetaplatz

Kurzbeschreibung mit Zielen und Maßnahmen

Die Trink- und Drogenszene, die sich vornehmlich rund um den Vinetaplatz in Kiel-Gaarden trifft, ist ein Ausdruck von Verarmung, Krankheit, Ziel- und Perspektivlosigkeit der betroffenen Menschen. Dieser informelle Treffpunkt von ca. 50 Menschen erzeugt bei den Anwohnerinnen und Anwohnern sowie Geschäftsleuten großen Unmut. Das Amt für Familie und Soziales der Landeshauptstadt Kiel hat das Projekt "Aufsuchende Sozialarbeit rund um den Vinetaplatz" initiiert, um eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation der sozial benachteiligten Menschen „rund um den Vinetaplatz“ und zugleich eine höhere Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils zu erreichen. Die Betroffenen wurden von Anfang an in die Planung und Gestaltung miteinbezogen. Im Rahmen des Projektes ist ein Netzwerk im Stadtteil entstanden, das den Teilnehmenden des Projektes durch entsprechende Hilfs- und Arbeitsangebote sowie durch eine Anlaufstelle einen Weg in einen normalen Alltag und in Arbeitsprozesse bahnt und somit gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht Inzwischen sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Arbeitsprozesse eingebunden. Nach Ablauf der ersten Projektphase 2005 bis 2007 hat die Landeshauptstadt Kiel den Kinder- und Jugendhilfeverbund Kiel (KJHV) mit der Weiterführung und Weiterentwicklung des Projektes für zunächst drei Jahre beauftragt. Der KJHV verfügt über sozialpädagogische Fachkräfte, die umfassende Erfahrungen mit suchtmittelabhänigen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen haben.


Kontakt

Frau Ulrike Borns
Stephan-Heinzel-Straße 2
24116 Kiel (Schleswig-Holstein)

E-Mail: u.borns@kjhvmail.de


Projektträger

Amt für Familie und Soziales der Landeshauptstadt Kiel
Stephan-Heinzel-Straße 2
24116 Kiel


Hintergrund
Zahlreiche internationale Untersuchungen und repräsentative Erhebungen belegen, dass arbeitslose Menschen im Vergleich zu Beschäftigten im Durchschnitt einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand aufweisen. Ebenso zeigen sich Unterschiede hinsichtlich eines erhöhten Suchtmittelkonsums und ungünstigen Gesundheitsverhaltens, bei der Anzahl von Krankheitsfällen und Unfällen, in einer höheren Inanspruchnahme von ambulanten oder stationären Leistungen sowie in einer geringeren Vorsorge. Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit nimmt der Anteil von Arbeitslosen mit gesundheitlichen Einschränkungen schon nach drei Monaten rapide zu, insbesondere bei Männern. Arbeitslose mit gesundheitlichen Einschränkungen haben im Vergleich zu den übrigen Arbeitslosen häufiger multiple Vermittlungshemmnisse wie ein höheres Alter, einen niedrigen Bildungsgrad oder eine fehlende Berufsausbildung (Hollederer, Brand 2006).

Der Kieler Stadtteil Gaarden wird aufgrund des rapiden Strukturwandels der letzten Jahrzehnte mit der Folge des Abbaus von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe von einem daraus resultierenden hohen Anteil an Bezieherinnen und Beziehern von Grundsicherungsleistungen nach dem SGB gekennzeichnet. Über 50% der im Sozialzentrumsbereich Gaarden lebenden Menschen erhalten Transferleistungen (Arbeitslosengeld, Grundsicherung für Arbeitssuchende, Sozialgeld). Der Ausländeranteil in Gaarden ist mit ca. 25% dreimal so hoch wie im übrigen Stadtgebiet und von der Tendenz her steigend. Viele Menschen leben hier auf vergleichsweise engem Raum zusammen. Wirtschaftlicher und sozialer Abstieg, bedingt durch Arbeitslosigkeit und damit gekoppelter Perspektivlosigkeit, sind oft verbunden mit der Selbstaufgabe der Betroffenen. Die Trink- und Drogenszene, die sich vornehmlich rund um den Vinetaplatz in Gaarden trifft, ist ein Ausdruck von Verarmung, Krankheit, Ziel- und Perspektivlosigkeit der betroffenen Menschen. Gleichzeitig erzeugt der Treffpunkt bei den ansässigen Gremien, Geschäftsinhabern, Bürgerinnen und Bürgern Ablehnung aufgrund von Verschmutzung und Lärmbelästigung.
Vorgehen
In dem Zeitraum 2002 bis 2003 hatte das Amt für Familie und Soziales der Stadt Kiel ein erstes Projekt „Straßensozialarbeit in Gaarden“ initiiert, das zwar erste Wirkungen hinsichtlich des Konsumverhaltens bei den alkohol- und drogenabhängigen Menschen vom Vinetaplatz gezeigt aber keine nachhaltigen Veränderungen im Stadtteil geschaffen hat. Viele gute Ideen, die dort im Dialog mit den sozial benachteiligten Männern und Frauen entstanden waren, fanden bei der Konzeption des nachfolgenden, hier beschriebenen Projektes „Aufsuchende Sozialarbeit rund um den Vinetaplatz“ Berücksichtigung.

Vor diesem Hintergrund hat das Amt für Familie und Soziales unter Beteiligung der Platznutzerinnen und Platznutzer ein neues Konzept entwickelt, welches in enger Kooperation mit dem Jobcenter durchgeführt wird und von diesem finanziell gefördert wird. Es umfasst folgende Bausteine: Aufsuchende Sozialarbeit, Sozialtraining für Erwachsene und die Anlaufstelle Flexwerk. Zielsetzung des Projektes ist die Erhöhung der Lebensqualität und Verbesserung der gesundheitlichen Situation der sozial benachteiligten Menschen sowie eine Beruhigung und Aufwertung des Platzes, von der alle Beteiligten im Stadtteil (Anwohner, Geschäftsleute usw.) profitieren. Die Stadt Kiel trägt die Personal- und Mietkosten, das Jobcenter finanziert die Qualifizierungsmaßnahmen und die Entlohnung der Mehraufwandsentschädigungen bei den durch das Projekt entstandenen Arbeitsgelegenheiten („Ein-Euro–Jobs“) für die teilnehmenden Empfänger und Empfängerinnen von ALG II.

Im Mai 2005 wurde unter der Leitung des Sozialzentrums Gaarden, das das Jobcenter und den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) unter einem Dach vereint, der „Arbeitskreis Vinetaplatz“ implementiert. Alle in diesem Zusammenhang relevanten Akteure des Stadtteils wurden an einen Tisch geholt, um sich über konkrete Maßnahmen abzustimmen und diese zu organisieren. Da es sich bei der Zielgruppe um ALG II-Empfängerinnen und -Empfänger handelt, die neben der Unterstützung durch entsprechende Hilfsangebote im Rahmen von Arbeits- und Qualifizierungsmaßnahmen berufliche Schlüsselqualifikationen „wiedererlernen“ und aktiv an der eigenen Vermittlungsfähigkeit mitwirken sollen, spielt das Jobcenter Gaarden bei der Projektplanung und -umsetzung eine wichtige Rolle. Übergeordnetes Ziel des Projektes ist die Erhöhung der Lebensqualität für die sozial benachteiligten Menschen, die den Vinetaplatz als täglichen Treffpunkt nutzen. Mittelfristiges Ziel ist es, diese Menschen sowohl konkret zu unterstützen und zu beraten als auch durch Arbeitsprojekte zu aktivieren, damit vorhandene oder wiederentdeckte Ressourcen genutzt werden können.

Bei der Projektentwicklung verständigten sich die beteiligten Akteure unter Beteiligung der Zielgruppe auf ein Bündel von Maßnahmen (Aufsuchende Sozialarbeit, Sozialtraining, Schaffung der Anlaufstelle „Flexwerk“). Zu Beginn der praktischen Umsetzung des Projektes luden die Aufsuchende Sozialarbeit, das Jobcenter Gaarden und der Kinder- und Jugendhilfeverbund zu einer Infoveranstaltung über die geplanten Aktivitäten in Gaarden ein, an der 20 alkohol- und drogenabhängige Menschen vom Vinetaplatz teilnahmen.

Aufsuchende Sozialarbeit:
Die Kontaktaufnahme mit den alkohol- und drogenabhängigen Menschen rund um den Vinetaplatz findet vor Ort auf den Plätzen im Stadtteil statt. Zu Projektbeginn wurden Handzettel mit Informationen über das Projekt und die sozialpädagogischen Fachkräfte verteilt. Die Aufgabe der Aufsuchenden Sozialarbeit liegt vor allem darin, in Gesprächen die Gründe des Konsumverhaltens der Betroffenen auf den öffentlichen Plätzen zu erfragen und zusammen mit den Beteiligten Unterstützungs- und Aktivierungsmöglichkeiten zu entwickeln, die eine Veränderung ihrer Lebenssituation herbeiführen können. Eine Sozialarbeiterin und ein Sozialarbeiter sind wochentags zwischen 11 Uhr und 18 Uhr auf den genannten Plätzen – schwerpunktmäßig auf dem Vinetaplatz – präsent und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Sie bieten Beratung und praktische Unterstützung zum Beispiel bei Schuldenregulierung, im Umgang mit Ämtern und Behörden, Ärzten und Suchtberatungen, bei der Wohnungssuche oder Abwendung von Strafvollzug an.

Mithilfe der Methode des „Motivational Interviewing“ wird auf niedrigschwellige Weise versucht, den Kontakt zu den suchtmittelabhängigen Menschen herzustellen, sie zu stabilisieren und sie zur Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen zu motivieren. Wesentlich ist dabei, dass sie durch die Reflexion des eigenen Konsumverhaltens die mit Veränderungsprozessen einhergehende Ambivalenz verstehen, die Argumente für eine Veränderung selbst entwickeln und zu einer Entscheidung kommen, anstatt von Außenstehenden zu einer Verhaltensänderung überredet zu werden. Der Arbeit liegt ein akzeptierender Ansatz zugrunde, der nicht vorrangig Abstinenz zum Ziel hat. Vielmehr geht es darum, die Menschen, die bereits durch fast alle Maschen des gesellschaftlichen Netzes gefallen sind, überhaupt zu erreichen und – wie in den meisten Fällen geschehen – sie zu einem kontrollierten, selbstbestimmten Konsumverhalten zu motivieren.

Überdies kommt den vor Ort tätigen Sozialarbeitern die wichtige Aufgabe zu, beide Seiten, also die Interessen der alkohol- und drogenabhängigen Menschen und die der Anwohnenden und Geschäftsleute, zu moderieren. Wesentlich ist hierbei, ein grundsätzliches Verständnis sowie Akzeptanz für die Situation der jeweils anderen Seite zu bewirken.

Sozialtraining mit Erwachsenen:
Jahrelange Arbeitslosigkeit bringt häufig psychischen und körperlichen „Muskelschwund“ mit sich. Ehemals erlernte Fähigkeiten und Fertigkeiten, Sozialkompetenzen und anderes werden nicht mehr benötigt und verlernt. Im Sozialtraining mit Erwachsenen sollen diese verschütteten Kompetenzen und Ressourcen wieder entdeckt und über die Angebote zur Beschäftigung wieder erlernt werden. Die damit einhergehende Tagesstrukturierung in Verbindung mit einer stabilisierenden Gruppenstruktur spielt hierbei eine wichtige Rolle. Arbeits- und Leistungsziele werden täglich gemeinsam festgelegt und es wird mit jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer ein Förderplan entwickelt. Die Dauer der Arbeitszeit richtet sich nach den Möglichkeiten der Einzelnen und wurde gemeinsam mit dem Jobcenter vereinbart. Die Betroffenen werden vorwiegend in Arbeits- und Beschäftigungsprojekten im Stadtteil für den Stadtteil eingesetzt. Darüber hinaus werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch in die Vorbereitung und Durchführung von Großveranstaltungen der Stadt wie beispielsweise des Kids Festivals, der Kiel-Sailing-City, der Spiellinie und des Bürgerfests zum „Tag der deutschen Einheit“ eingebunden.

Ursprünglich war geplant, in einer zweiten Umsetzungsphase die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Zielgruppe durch Vorbereitung auf Betriebspraktika, Qualifizierungsmaßnahmen oder Minijobs zu fördern. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Angestellten Akademie wurde ein Angebot geschaffen, bei dem Abstinenz vor und während der Arbeitszeit Voraussetzung für die Teilnahme war. Diese Hürde war jedoch zu hoch, nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass dies bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht zu schaffen war und dieser Baustein deshalb nicht umgesetzt werden konnte.

Anlaufstelle „Flexwerk“:
Bereits in der Projektplanungsphase wurde als größter Bedarf von Seiten der Betroffenen eine Anlaufstelle im Stadtteil genannt. Zu diesem Zweck hat die Stadt Kiel Geschäftsräume am Vinetaplatz angemietet, die dann im Weiteren von der Zielgruppe in Eigenarbeit saniert, renoviert und eingerichtet worden sind. Im Flexwerk können wie bei einer Tagelöhneragentur Arbeitsangebote durch Firmen, Verbände, Vereine und Bürger des Stadtteils ausgehängt werden. Vor Ort gibt es Serviceangebote wie Frühstück und Mittagstisch, die von der Zielgruppe selbst organisiert und zubereitet werden. Außerdem werden eigene Arbeitsprojekte in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und dem Jobcenter entwickelt und als Arbeits- und Qualifizierungsmöglichkeiten durchgeführt wie zum Beispiel das Projekt „Ein Garten für Generationen“. Hier ist die Aufgabe, ein brachliegendes städtisches Grundstück wieder nutz- und erlebbar zu machen. Die Anlaufstelle „Flexwerk“ organisieren die Betroffenen weit gehend selbst. Sie ist als Projekt des Stadtteils auch in den dortigen Gremien vertreten.

Überdies besteht für alle Bürgerinnen und Bürger Gaardens die Möglichkeit, in den Räumlichkeiten des Flexwerks Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen, beispielsweise in den Bereichen Sucht, Schulden, psychosoziale Betreuung und Gesundheit. Es findet regelmäßig ein Frauenfrühstück statt. Bei den Teilnehmerinnen handelt es sich vorwiegend um Frauen, die aufgrund jahrelangen Drogenmissbrauchs besonderer Unterstützung bedürfen. Für Kinder Alkohol und Drogen konsumierender Eltern gibt es im Flexwerk ein Gruppenangebot mit regelmäßigen gemeinsamen Aktivitäten und Spielen.

Nach Ablauf der ersten Projektphase im Herbst 2007 hat die Landeshauptstadt Kiel den Kinder- und Jugendhilfeverbund Kiel (Kjhv) mit der Weiterführung und Weiterentwicklung des Projektes für zunächst drei Jahre beauftragt.
Good Practice in
Partizipation

Das Projekt ist wesentlich durch eine partizipative Vorgehens- und Arbeitsweise gekennzeichnet, ohne die es nicht umsetzbar gewesen wäre, so die Einschätzung der Projektverantwortlichen. Zu Projektbeginn fand eine Befragung der Zielgruppe zu den Themen Belastungen, Gesundheit und zum künftigen Unterstützungsbedarf statt. Zusätzlich wurde in der Planungsphase eine Zukunftswerkstatt zusammen mit 27 alkohol- und drogenabhängigen Platznutzerinnen und Platznutzern durchgeführt, deren Ergebnisse maßgeblich in die weitere Planung miteinbezogen wurden.

Als wichtigsten Bedarf hat die Zielgruppe in der Zukunftswerkstatt einen Treffpunkt, ein Café genannt. Die in der Folge entstandene Anlaufstelle „Flexwerk“ haben die Betroffenen in Eigenarbeit saniert, renoviert und eingerichtet. Heute wird sie weit gehend eigenständig organisiert und betrieben. In diesem Rahmen finden regelmäßig Besprechungen mit dem sozialpädagogischen Personal unter Einbeziehung des Jobcenters statt, bei denen ein Austausch über aktuelle Anliegen und auch über künftige Arbeitsprojekte erfolgt.

Die Projektteilnehmerinnen und –teilnehmer beteiligen sich an der Pflege ihrer Orte beispielsweise mit Reinigungsaktionen auf dem Vinetaplatz. Durch die Übernahme so genannter „Patenschaften“, bei denen Betroffene sich für die Sauberkeit und Ruhe vor den ihnen jeweils „übertragenen“ Geschäften am Vinetaplatz verantwortlich zeigen, wird gegenseitige Toleranz und Verständnis gefördert und es vollzieht sich ein allmählicher Imagewechsel in der Allgemeinbevölkerung den Betroffenen gegenüber.

Ein weiteres Beispiel für die partizipative Arbeitsweise des Projektes war eine Fotoausstellung. Menschen vom Vinetaplatz sollten mit Einmalkameras ihre Welt fotografieren und damit ihre Gedanken, Gefühle und ihr persönliches Erleben in Form von Bildern ausdrücken. Betroffene und Projektteam haben anschließend gemeinsam entschieden, welche Bilder und persönlichen Kommentare im Rahmen der „Vernissage auf dem Vinetaplatz 2008“ präsentiert werden sollten. Soweit die Arbeiten nicht fremd vergeben wurden, haben sich die Projektteilnehmenden auch an allen handwerklichen Arbeiten beteiligt. Während der zweitägigen Ausstellung direkt auf dem Vinetaplatz wurden im Beiprogramm Spieleaktionen für Kinder angeboten.

Nachhaltigkeit

Für die Gruppe sozial benachteiligter Menschen mit Suchtproblemen im öffentlichen Raum sind bislang keine zufriedenstellenden Strategien und Erfahrungen bekannt bzw. dokumentiert. Die meist praktizierte Herangehensweise – Vertreiben und Verdrängen – führt lediglich zu einer Verlegung des Aufenthaltsortes der betroffenen Personen. Mit dem Projekt wird in Kiel-Gaarden eine sozial aufbauende, stadtteilorientierte Art des Handelns gewählt, die die vor Ort sich aufhaltenden Menschen mit Blick auf das Gemeinwesen in den Mittelpunkt stellt, sie konkret bei der Planung und Umsetzung miteinbezieht und auf diese Weise versucht, für alle Beteiligten eine gute Lösung zu finden. Innovativ ist insbesondere die Zusammensetzung der am Netzwerk beteiligten Partner: von dem Jobcenter, dem Amt für Wohnung und Grundsicherung, dem Gesundheitsamt, dem Ortsbeirat, den ortsansässigen Kaufleuten bis hin zur Drogenhilfeeinrichtung, dem Büro Soziale Stadt und nicht zuletzt der Zielgruppe selbst, die entscheidend an der Entwicklung und Umsetzung des Projektes beteiligt war.

Die Fortentwicklung des Projektes „Aufsuchende Sozialarbeit rund um den Vinetaplatz“ hin zu einem Treffpunkt, dem so genannten „Flexwerk“, trägt der Grundidee der Nachhaltigkeit dieses Projektes Rechnung. Neben der Erreichung kurzfristiger Ziele wie Stabilisierung im physischen, psychischen und sozialen Bereich der betroffenen Menschen und der Integration von Menschen mit Abhängigkeitsproblemen im Stadtteil Gaarden können im Rahmen der Anlaufstelle Flexwerk mittel- und langfristige Ziele wie Entwicklung individueller Lebensperspektiven, Aktivierung der Selbsthilfepotenziale, Vermeidung von sozialer Verelendung und Teilhabe an der allgemeinen Lebens- und Arbeitswelt realisiert werden. Auf dem Vinetaplatz wurde im Laufe des Projektes das Vineta-mobil, ein Bus mit einer Spielstation für Jung und Alt (wie zum Beispiel einer Boule-Bahn), eingesetzt, das den Platz nachhaltig verändert hat. Es wird von den Betroffenen selbst organisiert und erhöht die Attraktivität und den Freizeitwert des Platzes auf eine Weise, die ein Gegengewicht zur weiteren Verelendung und Verschmutzung darstellt.

Auf der Ebene des Sozialverhaltens und Handelns der Betroffenen sind im Laufe des Projektes Veränderungen bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich geworden Sie suchen Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen auf dem Vinetaplatz auf, teilen ihnen ihre positiven Erfahrungen aus dem Projekt mit und bahnen diesen Menschen damit den Weg für eine Nutzung und Mitgestaltung der Angebote.

Dokumentation und Evaluation

Im Rahmen der Modellprojektlaufzeit wurden vom Amt für Familie und Soziales der Stadt Kiel zwei Befragungen (2005 und 2007) durchgeführt, die die subjektive Einschätzung der Betroffenen zu Projektbeginn und zum Ende der Modellphase ermitteln. Handlungsleitend hierbei war die Fragestellung: In welchen Bereichen sind bei den alkohol- und drogenabhängigen Menschen vom Vinetaplatz soziale und gesundheitliche Ressourcen vorhanden und welche gesundheitlichen und sozialen Unterstützungen benötigen sie? Es wurde jeweils eine quantitative Fragebogenerhebung mit geschlossenen Fragen durchgeführt. Der Fragebogen wurde in Anlehnung an eine Studie der Universität Flensburg entwickelt1. Insgesamt wurden elf Kategorien festgelegt, wovon in der Befragung zu Projektbeginn die letzte als offene Frage nach dem persönlichen Angebotsbedarf formuliert war. Im Arbeitskreis Vinetaplatz sind auch die Streetworker regelmäßig befragt worden. Dieses wurde ebenso sie die Beiträge des Sozialtrainings protokolliert. Das Tagebuch der Streetworker sowie die Protokolle des AK Vinetaplatz wurden zur Auswertung mit einbezogen.

Insgesamt haben jeweils 27 Personen von ca. 50 regelmäßigen Platznutzern und – nutzerinnen an der Evaluation teilgenommen. 2005 gaben die Befragten zu 48 Prozent einen schlechten oder sehr schlechten Gesundheitszustand an. In der Abschlussevaluation 2007 zeigt sich eine starke Verbesserung der Einschätzung. Nur noch 19 Prozent der Befragten haben sich mit einem schlechten oder sehr schlechten Gesundheitszustand eingeschätzt. 40 Prozent der Benachteiligten geben 2007 einen guten oder sehr guten Zustand ihrer Gesundheit an (gegenüber 2005 mit nur 11 Prozent). Die stärksten Belastungen sehen die Betroffenen in ihrer finanziellen Situation, dem Umgang mit Behörden und der Arbeitslosigkeit. Aufgrund der Teilnahme am Projekt hat sich der Belastungsfaktor „Umgang mit Behörden“ reduziert. Hinsichtlich der Bewältigung konnte bei der Nutzung der genannten Strategien wie z.B. versuchen, Probleme zu lösen oder Professionelle Hilfe suchen, ein Anstieg verzeichnet werden. Besonders fällt auf, dass der Versuch, Probleme zu lösen, um 50 Prozent gegenüber 2005 gestiegen ist und dass sich die Negativstrategien wie Rauchen, Trinken und Medikamenteneinnahme der stark abhängigen Benachteiligten sichtbar verringert haben. So gaben 2005 noch 100 Prozent der Befragten an, bei Belastung Alkohol zu trinken, 2007 war der angegebene Wert auf 63 Prozent gesunken. Obwohl diese Selbsteinschätzungen überhöht wirken mögen, so verdeutlichen sie dennoch, dass aktives Problemlöseverhalten für ca. ¾ der Teilnehmenden am Projekt zunehmend als Handlungsalternative in den Blick gerückt ist bzw. sie sich darin versuchen. Hieran schließt an, dass insgesamt 81 Prozent in der Abschlussbefragung angaben, die Probleme ihres Lebens bewältigen zu können – das Ergebnis steht in starkem Kontrast zu den Werten aus dem Jahr 2005 (32 Prozent). Die Antworten im Bereich „soziale Unterstützung“ zeigen, dass die wichtigsten Bezugspersonen neben Partnern, Angehörigen und Freunden Bekannte vom Vinetaplatz sind. Der Vinetaplatz nimmt eine bedeutende Stellung für die sozialen Kontakte dieser Menschen ein.

Als vorrangige Handlungsempfehlung der Evaluation wurde die Etablierung einer regelmäßigen ärztlichen Sprechstunde in der Anlaufstelle genannt. Die Bereitschaft, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist nach wie vor sehr gering, so dass viele Erkrankungen nicht erkannt und/oder verschleppt werden. Nur in akuten Notfällen wird von den Befragten ein Arzt oder das Krankenhaus aufgesucht. Durch ein solches niedrigschwelliges Angebot in der Anlaufstelle Flexwerk wäre eine große Hemmschwelle für die Zielgruppe überwunden und der Gesundheitszustand der Betroffenen könnte sich weiter verbessern.


Literatur
Bihler, M. (2002). Aktuelle Veränderungen im öffentlichen Raum. Seminararbeit FB Stadtsoziologie Humboldt Universität. Berlin.

Prof. Dr. Henkel, D. (2002). Sucht im Kontext von Arbeitslosigkeit und Arbeit. Dokumentation d. Fachtagung „Therapie und Arbeit II – Netzwerke zur sozialen und beruflichen Integration Suchtkranker“ am 17.4.2002. Hannover.

Hollederer, A. & Brand, H. (2006). Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit. Bern: Huber.
Laufzeit des Angebotes

Beginn: Mai 2005

Abschluss: kein Ende geplant


Schwerpunkte des Angebotes
  • Sucht
  • Kommunale Strategie / Netzwerkarbeit

Stand

24.05.2018

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Projektträger

Amt für Familie und Soziales der Landeshauptstadt Kiel

Projektlaufzeit

Beginn: Mai 2005

Abschluss: kein Ende geplant

Kontakt

Frau Ulrike Borns
Stephan-Heinzel-Straße 2
24116 Kiel (Schleswig-Holstein)

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