Inhalt
Berliner Bündnis gegen Depression
Hintergrund
Depressionen sind, wie die meisten seelischen Erkrankungen, ein Thema, welches in der Öffentlichkeit nach wie vor tabuisiert wird. Dabei gehören depressive Störungen zu den Volkskrankheiten und können jeden treffen. Etwa 15 bis20 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen Depression mit tiefgreifenden Folgen, denn vor allem schwer depressive Menschen sehen oftmals den einzigen Weg aus dieser Erkrankung in einem Suizid. Inzwischen übersteigt die jährliche Anzahl an Suiziden die der Verkehrstoten. Vor allem die Unkenntnis über das Krankheitsbild und dessen Behandlung führt dazu, dass Menschen mit einer depressiven Erkrankung keine Hilfe aufsuchen. Ein anderes Problem liegt in der adäquaten Versorgung dieser Menschen.
Depressionen können unabhängig von Alter, Beruf, sozialem Status oder ethnischer Zugehörigkeit jeden treffen. Vielfach wird die Erkrankung von den Betroffenen gar nicht als solche erkannt, bzw. hinter den Beschwerden eine körperliche Erkrankung vermutet. Teilweise sehen Betroffene wie auch deren Angehörigen eine Depression als vorübergehende Lebenskrise bzw. spielen diese als alltägliche Verstimmung herunter. Manche Betroffenen nehmen jedoch auch aus Scham oder Angst vor Ausgrenzung keine professionelle Hilfe in Anspruch. Aber auch Ärzte erkennen nicht immer, wenn es sich um eine Depression handelt, mit der Folge, dass die Erkrankung nicht entsprechend therapiert wird und nur ca. zehn Prozent aller behandlungsbedürftigen Betroffenen erhalten eine ausreichende Versorgung.
Eine besondere Personengruppe unter den Betroffenen bilden Migrantinnen und Migranten. Zwar besteht kein direkter Zusammenhang zwischen ethnischer Zugehörigkeit und Depression, jedoch sind Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund des Migrationsprozesses einer Reihe von Belastungsfaktoren ausgesetzt, die eine Depression begünstigen können, wie zum Beispiel der Verlust sozialer und materieller Ressourcen oder die Konfrontation mit der fremdem Sprache und Kultur. Zudem nehmen diese Menschen seltener Gesundheitsleistungen in Anspruch, was unter anderem auf Informationsdefizite und fehlende Verständigungsmöglichkeiten zurückzuführen ist, aber auch darin begründet liegt, dass psychische Erkrankungen in diesen Bevölkerungsgruppen teilweise noch stärker tabuisiert werden, als es im deutschen Kulturkreis der Fall ist. Darüber hinaus kann es infolge einer Unkenntnis über kulturelle Hintergründe und durch ein unterschiedliches Verständnis zu Gesundheit, Krankheit und Behandlungskonzepten zu Missverständnissen bei der Diagnose und Behandlung kommen, was sowohl bei den Betroffenen als auch beim medizinischen Personal Frustration hervorruft und unter Umständen bis zum Abbruch der Behandlung führen kann.
Das Berliner Bündnis gegen Depression will mit seinem Projekt einen Beitrag zur Gesundheitsförderung und Prävention leisten und die gesundheitliche Situation depressiver Menschen, insbesondere von Migrantinnen und Migranten, verbessern sowie die Anzahl richtig und ausreichend behandelter Betroffener steigern.
Projektbeschreibung
2001 wurde in Nürnberg das „Bündnis gegen Depression“ gegründet. Es ist inzwischen aufgrund der positiven Erfahrungen in vielen weiteren Regionen vertreten. So konnte in der Nürnberger Region ein signifikanter Rückgang suizidaler Handlungen (-24 Prozent), von Suizidversuchen (-26 Prozent) und Suiziden erreicht werden. Eine repräsentative Telefonumfrage ergab, dass das Wissen über die Erkrankung in der Bevölkerung im Vergleich zu einer Kontrollregion zugenommen hat.
Seit April 2005 gibt es in Berlin das „Berliner Bündnis gegen Depression“, deren Schirmherren Prof. Rita Süssmuth und der Türkische Generalkonsul von Berlin, Ahmet Nazif Alpman, sind. Da türkeistämmige Bewohner den größten Anteil nichtdeutscher Gruppen in Berlin bilden, hat das Berliner Bündnis seinen Schwerpunkt zunächst auf diese Personengruppe gelegt und jene Bezirke in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt, die einen hohen Anteil an türkischen Mitbewohnern aufweisen. Das Projekt versucht auf mehreren Ebenen, die Information und Versorgung von Menschen mit depressiven Erkrankungen zu verbessern:
Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt bildet zunächst die Öffentlichkeitsarbeit: Im Sommer veranstaltete das Bündnis gegen Depression auf dem Geländes der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus zum Beispiel ein Sommerfest mit Vorträgen und Informationsständen über depressive Erkrankungen und deren Behandlung. Die Presse, unter anderem auch türkische Sender, wird genutzt, um die breite Öffentlichkeit über das Thema zu informieren und aufzuklären. Zudem wurden verschiedene Materialien wie Flyer und Ratgeberbroschüren erstellt, in denen über Krankheitssymptome, Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten informiert wird. Plakate machen auf die Problematik aufmerksam und tragen zur Sensibilisierung bei. Alle Informationen gibt es in türkischer und vielen weiteren Sprachen, wobei es ein besonderes Anliegen des Berliner Bündnisses war, auch kulturelle Hintergründe und Aspekte in die Übersetzung und Erstellung der Materialien einfließen zu lassen.
Sehr niedrigschwellig angelegt ist ein kleiner Fragebogen: Interessierte und Person, die sich vielleicht noch unsicher sind, ob sie an einer Depression leiden und/oder den Gang zu einem Arzt scheuen, können anhand eines kurzen Fragebogens unter dem Titel ››Nur „schlecht drauf“? Oder steckt eine Depression dahinter‹‹ ermitteln, ob bei ihnen Zeichen einer Depression vorliegen.
Ein weiteres Modul bilden Fortbildungsveranstaltungen für die Mitarbeiter der verschiedenen Bündnispartner aus den Bereichen Medizin, Pflege, Psychologie und Sozialpädagogik. Ferner werden interaktive Workshops für deutsche und türkische Hausärzte durchgeführt, um das Wissen über die Erkrankung zu erweitern und durch die Vermittlung kultureller Hintergründe die Versorgung der Migrantinnen und Migranten zu verbessern. Vielfach wird bei der Arbeit mit anderen Bevölkerungsgruppen zu wenig beachtet, dass jeder Kulturkreis Unterschiedliches unter Gesundheit oder Krankheit versteht, Krankheitssymptome wie Traurigkeit anders bewertet werden und sich das auch über den Gesundheitszustand anders ausdrückt, was zu Missverständnissen bei der Diagnose führen kann. Ebenso hat jede Kultur auch ihre eigene Strategie, auf ein Symptom oder eine Krankheit zu reagieren, was bei der Therapie berücksichtigt werden muss.
Konkrete Beratungs- und Hilfsangebote finden Betroffene und deren Angehörige in der Depressionssprechstunde der Psychiatrischen Institutsambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Erhebungsfragebögen für Ärzte sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache sollen dazu beitragen, eine Depression schnell und zuverlässig zu erfassen.
Die Einbeziehung türkischer Vereinigungen in die Aktivitäten und der direkte Kontakt zu türkischen Gruppen ermöglichen einen direkten Zugang zu dieser Personengruppe. Zu den Kooperationspartnern zählen neben verschiedenen Institutionen aus dem allgemeinmedizinischen und psychiatrischen Bereich, Wohlfahrtsverbände und die Polizei, der Arbeitskreis Türkischsprachiger Psychotherapeuten, die Berliner Gesellschaft Türkischer Mediziner e.V., die türkische Gemeinde zu Berlin sowie der Türkischen Bund Berlin-Brandenburg.
Kontakt
Dr. med. Meryam Schouler-Ocak
Psychiatrische Institutsambulanz der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus (Klinikdirektor Prof. Dr. A. Heinz)
Große Hamburger Straße 5-11
10115 Berlin
Telefon: 030-2311 - 2120
Telefax: 030-2311 - 2790
E-Mail: kontakt@berlinerbuendnisgegendepression.de
Website: www.berlinerbuendnisgegendepression.de
Weitere Informationen
Ausführliche Projektbeschreibung als PDF (127 KB)
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