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Aktiv für Gesundheit und Chancengleichheit

Kinderarmut bekämpfen

Veraltete Familienbilder überwinden

Michael David , Diakonie Deutschland; Nationale Armutskonferenz
16.01.2018

In Deutsch­land le­ben rund drei Millionen Kinder in Ar­mut. Zwei Millionen beziehen Hartz-IV-Leis­tung­en.

Lässt sich da­raus fol­gern, dass das Ar­mutsrisiko von Kin­dern und Fa­mi­lien all­ge­mein be­son­ders hoch ist? Tatsächlich ist die Be­dro­hung durch Ar­mut sehr un­gleich­mä­ßig verteilt. Hauptbetroffene sind Allei­nerziehende und ih­re Kinder.

Ungleiches Ar­mutsrisiko

Relative Einkom­mensarmut wird vom Statistischen Bun­des­amt mit 60 Pro­zent des mittleren Einkom­mens ei­ner Stich­pro­be ge­mes­sen. Während das durchschnittliche Ar­mutsrisiko al­ler in Deutsch­land le­benden Menschen bei 16,5 Pro­zent liegt, ist es für Allei­nerziehende und ih­re Kinder dop­pelt so hoch. 40 Pro­zent le­ben mit Hartz-IV-Leis­tung­en.

Fa­mi­lien mit zwei verheirateten Elternteilen und nicht mehr als zwei Kin­dern haben da­ge­gen ein halb so hohes Ar­mutsrisiko wie der gesellschaftliche Durch­schnitt. Leben in ei­nem Haushalt drei oder mehr Kinder, liegt das Ar­mutsrisiko über dem Durch­schnitt und steigt mit jedem weiteren Kind deut­lich an.

Fa­mi­lienförderung: Veraltete Normen

Das zeigt: of­fen­bar gilt in der Fa­mi­lienpolitik noch im­mer die gesellschaftliche Norm: wer heiratet und bis zu zwei Kinder bekommt, macht wohl al­les rich­tig. Dagegen ist Hartz IV das Auf­fang­be­cken für ei­ne verfehlte Fa­mi­lienpolitik. Wer in an­de­ren Fa­mi­liensituationen lebt, wird di­rekt und täg­lich von Ar­mut bedroht.

So ist ei­ne geschlechtsspezifische Be­nach­tei­li­gung Richt­schnur der familienpolitischen Leis­tung­en. Im Wesentlichen erfolgt die Fa­mi­lienförderung über Steuernachlässe. Und die wir­ken in der bürgerlichen Klein­fa­mi­lie am besten. Allei­nerziehende - zu 90 Pro­zent Frauen - sind da­ge­gen schlechter dran als Verheiratete oh­ne Kinder.

Und die­ses Problem setzt sich auch im Al­ter fort. Das Ar­mutsrisiko von Se­ni­o­rin­nen ist über­durch­schnitt­lich, das von Senioren un­ter­durch­schnitt­lich. Das ist Fol­ge von Tren­nung­en, Todesfällen und ei­nem Fa­mi­lienmodell, das noch im­mer ei­nen Er­näh­rer ins Zen­trum stellt.

Die Fa­mi­lienförderung wirkt dann am stärksten, wenn Frauen we­nig er­werbs­tä­tig sind. Die Spätfolgen hat nie­mand im Blick, solan­ge die Klein­fa­mi­lie noch intakt mit Er­näh­rermodell funktioniert.

Konsequenzen im All­tag

Für den All­tag von Kin­dern folgt hieraus ei­ne bittere Er­fah­rung. Fa­mi­lienmodelle, die sich veralteten Normen nicht beu­gen, füh­ren oft zu bitteren Konsequenzen für die Kinder und ih­re Fa­mi­lien.

Da sind im Bildungs- und Teilhabepaket 70 Eu­ro zu Schuljahresbeginn und 30 zum Halbjahr für Schulmaterial vorgese­hen. Mit ei­ner Stu­die hat die Di­a­ko­nie Nie­der­sach­sen nachgewiesen, dass tat­säch­lich zum Schuljahresbeginn bis zu 200 Eu­ro fäl­lig wer­den.

Für Kan­ti­nen­es­sen bei Kin­dern errechnet der Hartz-IV-Re­gel­satz Kosten von we­niger als ei­nem Eu­ro im Monat. Mel­den Eltern ih­re Kinder für die schulische Verpflegung an, müs­sen sie ei­nen Eu­ro Eigenanteil zah­len - am Tag.

Hausaufgaben sind oh­ne In­ter­net kaum zu ma­chen. Die günstigste Va­ri­an­te für ei­nen In­ter­netanschluss - ei­nen Kombianschluss mit Datenflatrate und W-Lan - se­hen die Be­rech­nung­en in der Grundsicherung aber nicht vor.

Ge­sun­de Er­näh­rung ist nicht der Maß­stab für den Re­gel­satz, Klei­dung, für die man nicht auf dem Schul­hof gehänselt wird, noch we­niger. Und: nicht einmal Fes­te sind vorgese­hen. Kon­fir­ma­ti­on, Kom­mu­ni­on oder an­de­re religiöse Feiern kom­men in den Be­rech­nung­en ge­nau­so we­nig vor wie Weih­nachts­baum und Ad­vents­kranz. Es gibt auch kei­ne einmaligen Zah­lung­en da­für.

Dafür besteht für Kinder ab dem 15. Ge­burts­tag ei­ne Re­chen­schafts­pflicht ge­gen­über dem Job-Center. Ist es schließ­lich nicht viel günstiger, die Schule abzubrechen, kein Ab­itur zu ma­chen und in ei­nen prekären Job zu ge­hen?

Was ist zu tun?

Heute hat die Fa­mi­lienförderung ei­nen um­so höheren Ef­fekt, je höher das Fa­mi­lieneinkom­men ist. Der Net­to­er­trag liegt bei mehr als 280 Eu­ro, wäh­rend al­le, die knapp über den Berechnungsgrenzen für So­zi­al­leis­tun­gen lie­gen, we­niger als 200 Eu­ro Kin­der­geld be­kom­men. Für Ehepaare kom­men zu den Kinderfreibeträgen noch Splittingvorteile da­zu.

Die So­zi­al­leis­tun­gen - Re­gel­satz, Kinderzuschlag oder Wohn­geld - glei­chen diese Ungleichgewichte nicht aus. Das Kin­der­geld wird voll angerechnet, die Sätze für Kinder un­ter 15 Jahren lie­gen un­ter­halb der Steuer-Förderbeträge.

Hinzu kommt: 40 Pro­zent der Leistungsberechtigten be­an­tra­gen gar kei­ne So­zi­al­leis­tun­gen - aus Scham, Un­wis­sen­heit oder Angst vor Kon­trol­le. Da geht es oft um ergänzende Leis­tung­en zu geringem Einkom­men und um zusätzliche Lü­cken von um die 100 Eu­ro im monatlichen Fa­mi­lieneinkom­men, die dann lie­ber in Kauf genommen wer­den. Bei den Leis­tung­en nach dem Bildungs- und Teilhabepaket ist die Nicht-Inanspruchnahme noch viel höher aus­ge­prägt. Das liegt an den kom­pli­zierten Re­ge­lung­en.

Besondern schlecht dran sind junge Mütter, die sich für ein Kind ent­schei­den, ob­wohl sie von An­fang an oh­ne Part­ner le­ben. Für sie ist die gegenseitige Verrechnung von Sozial- und Fa­mi­lienleistungen ei­ne existenzbedrohliche Fal­le.

Da muss die Ge­burt gemeldet, die Aus­stel­lung der Ge­burts­ur­kun­de abgewartet, dann Kin­der­geld und Mindestelterngeld beantragt wer­den. Das Ganze wird dann kom­pli­ziert mit dem Hartz-IV-Re­gel­satz verrechnet. Dabei kommt es oft zu Fehlern - und da wird oft et­was angerechnet, was von ei­ner an­de­ren Stel­le noch gar nicht ausgezahlt wurde. Für die Mütter mit Babys bedeutet das: Tafelbesuch vom ersten Tag an.

Soziale Mindestsicherung: drei Aspekte

Darum wol­len wir ei­ne einheitliche Mindestsicherung er­rei­chen. Das bedeutet dreierlei:

  • Zum Ersten sollte ein An­trag bei ei­ner Stel­le gestellt und ein Be­scheid erteilt wer­den. Wie Ämter un­ter­ei­nan­der So­zi­al­leis­tun­gen verrechnen, sollte die Leistungsbeziehenden nicht beinträchtigen. Sie sollen ei­ne Sum­me zu ei­nem Zeit­punkt be­kom­men.
  • Zum Zweiten muss das Exis­tenz­mi­ni­mum einheitlich ermittelt und ausgezahlt wer­den. Jedes Kind ist gleich viel wert. Darum sollte ein gleich hoher Grundbetrag jedes Kind er­rei­chen.
  • Zum Dritten muss Be­dürf­tig­keit und nicht Steuerentlastung das handlungsleitende Prinzip der Fa­mi­lienförderung wer­den. Wer ne­ben dem Grundbetrag noch Wohn­geld oder weitere ergänzende Hilfen wie für Schulmaterial, Mobilität oder Frei­zeit und Kul­tur braucht, soll diese be­kom­men - ein­fach, un­bü­ro­kra­tisch und in Höhe der tat­säch­lichen Kosten.

Rat­schlag Kinderarmut

In diesem Sinne setzt sich die Di­a­ko­nie Deutsch­land mit vielen an­de­ren Wohlfahrtsverbänden, Sozialverbänden, dem Kinderschutzbund, dem Kinderhilfswerk und weiteren Part­ner*innen mit dem „Rat­schlag Kinderarmut“ für ei­ne Neuausrichtung der Fa­mi­lienpolitik ein. Mehr als 37.000 Personen haben ei­ne Pe­ti­ti­on un­terschrieben, die wir im Wahl­kampf an die großen demokratischen Parteien über­ge­ben haben. In den Jamaika-Verhandlungen hatte sich we­nigs­tens die Einsicht durchgesetzt, dass et­was beim Schulbedarfspaket und beim schulischen Mittagessen getan wer­den muss.

Jede zukünftige Bun­des­re­gie­rung wird sich da­ran mes­sen las­sen müs­sen, ob sie in der Fa­mi­lienpolitik mit veralteten Normen und Fa­mi­lienvorstellungen weiterwurschtelt - oder die Hilfen ge­zielt da­hin bringt, wo sie am nötigsten sind.

Der Au­tor Michael Da­vid ist bei der Di­a­ko­nie Deutsch­land für das Ar­beits­feld So­zi­al­po­li­tik ge­gen Ar­mut und soziale Aus­gren­zung zu­stän­dig und Spre­cher der AG Grundsicherung der Nationalen Ar­mutskonferenz.

Sowohl die Nationale Ar­mutskonferenz als auch die Di­a­ko­nie Deutsch­land sind Mit­glied im Ko­o­pe­ra­ti­ons­ver­bund Ge­sund­heit­liche Chan­cen­gleich­heit.

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  • 13.04.2026 - 14.04.2026

    Hannover

    Künstliche Intelligenz in der Prävention

    31. Deutsche Präventionstag

    Der 31. Deutsche Präventionstag lädt dazu ein, das Thema „Künstliche Intelligenz in der Prävention“ umfassend und zukunftsorientiert zu beleuchten. Im Fokus stehen dabei zentrale Fragen:

    • Welche Herausforderungen bringt KI im Kontext von Kriminalität und Sicherheit, aber auch im gesamtgesellschaftlichen Miteinander mit sich?
    • Welche tiefgreifenden Veränderungen gehen mit ihrem Einsatz einher – und wer ist davon in welcher Weise betroffen?

    Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorn:

    • Wie lässt sich KI gezielt und verantwortungsvoll für die Präventionsarbeit nutzen?

    Dabei geht es nicht nur um technologische Potenziale, sondern auch um die ethische und praktische Frage, wie ein bewusster, reflektierter Umgang mit KI in der Prävention gelingen kann.

    Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Kategorie: Kongress
  • 14.04.2026

    digital via Zoom

    ‚Health in All Policies in der Kommune erfolgreich anstoßen‘

    Ein offenes Online-Treffen des Nachwuchsnetzwerks Öffentliche Gesundheit

    Anknüpfend an die Satellitenveranstaltung zum Kongress Armut und Gesundheit ‚Das Ganze ist mehr! Zusammenarbeit in der Kommune‘ möchten wir gemeinsam der Frage nachgehen, wie ressortübergreifende Zusammenarbeit für verhältnisorientierte Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene angestoßen werden kann – auch aus (Nachwuchs-)Positionen ohne formale Entscheidungsbefugnis.

    Wir freuen uns, dass wir als Referentin für den ersten Teil der Veranstaltung Zsuzsanna Majzik gewinnen konnten. Als Sozialmanagerin und Public Health Expertin leitet sie das Sachgebiet Sonder- und Strategische Themen am Gesundheitsreferat München. Sie wird Einblicke in den Entstehungsprozess der kürzlich überarbeiteten ressortübergreifenden Fachleitlinie Gesundheit der Landeshauptstadt München geben und aus ihrer langjährigen Erfahrung als Prozessbegleiterin in Kommunen berichten.

    In der zweiten Hälfte steht der Austausch unter den Teilnehmenden im Mittelpunkt: Welche Erfahrungen gibt es beim Anstoß von Health in All Policies auf kommunaler Ebene? Welche Gelingensfaktoren und Hürden spielen eine Rolle?

    Eingeladen sind alle, die sich dem Nachwuchs zugehörig fühlen (ganz unabhängig vom Alter) oder mit dem Nachwuchs in Austausch treten und Erfahrungen teilen möchten.

    Zoom-Meeting Zugangsdaten:
    Zeit: 14. Apr. 2026 06:00 PM Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien
    Meeting-ID: 628 0257 0413
    Kenncode: 374575
    Beitreten – So geht's

    Kategorie: Veranstaltung
    Veranstalter: Nachwuchsnetzwerk Öffentliche Gesundheit (NÖG)
  • digital

    1. Bayerischer Kongress Prävention und Gesundheitsförderung

    Fokus: Gesundheitskommunikation und Gesundheitskompetenz

    Mit jährlich wechselnden Akzenten wird der neue Bayerische Kongress Prävention und Gesundheitsförderung die Ziele des Masterplans Prävention in den Blick nehmen. Der Fokus der ersten hybriden Veranstaltung am 15. April 2026 liegt auf Gesundheitskommunikation und Gesundheitskompetenz – zwei Themen, die für Präventionserfolge unverzichtbar sind. 

    Neben spannenden Vorträgen werden der Austausch und die Vernetzung der bayerischen Akteur*innen im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung in den Fokus gerückt. Nationale und internationale Expert*innen setzen neue Impulse und vertiefen das praktische Wissen in Workshops, Austauschformate schaffen Raum für fachlichen Dialog. Der Schwerpunkt des Auftakts für die neue Kongressreihe zu Gesundheitsförderung und Prävention in Bayern liegt auf "Gesundheitskommunikation und Gesundheitskompetenz".

    Die Veranstaltung vor Ort ist bereits ausgebucht. Nutzen Sie die Möglichkeit online dabei zu sein. Anmeldungen für die Online-Teilnahme sind bis zum 9. April 2026 möglich. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Veranstalter: Bayerisches Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung

… weitere Termine

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Reichen Sie gern Ihren Artikel zur soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung bei der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes ein! Für die Erstellung eines Artikels finden Sie hier einen Leitfaden mit unseren formalen und inhaltlichen Anforderungen.  

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Die Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes Gesundheitliche Chancengleichheit erreichen Sie jederzeit hier.

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