KGC Berlin
Soziale Lage und Gesundheit in Berlin
Die soziale Lage eines Menschen hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit. Faktoren wie Einkommen, Bildung, Beruf und Wohnverhältnisse bestimmen maßgeblich, welche Chancen auf ein gesundes Leben bestehen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit ist wissenschaftlich vielfach belegt. Die Unterschiede von Gesundheitschancen und -risiken zeigen sich in Mortalität (Sterblichkeit), Morbidität (Krankheit), Gesundheitsverhalten, subjektiver Gesundheit sowie in der Inanspruchnahme von Leistungen der Gesundheitsversorgung. Wirksame Gesundheitsförderung erfordert strukturelle Veränderungen in den Lebenswelten und einen genauen Blick auf die Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen. Laut dem GISD-Index (German Index of Socioeconomic Deprivation), der sozioökonomisch begründete gesundheitliche Unterschiede deutschlandweit vergleichbar macht, zählt Berlin zu den deutschen Großstädten mit hoher sozioökonomischer Deprivation und ungünstigen Bedingungen für die gesundheitliche Chancengleichheit.
Ungleiche Startbedingungen, ungleiche Gesundheitschancen
Soziale Determinanten prägen die Startbedingungen von Kindern erheblich. Einkommen und Bildungsstand der Eltern, die Wohnsituation sowie der Zugang zur Gesundheitsversorgung beeinflussen maßgeblich die Entwicklung. Gerade in der frühen Kindheit werden wichtige Weichen für Gesundheit und Lebenserwartung gestellt. Ungünstige Lebensumstände spiegeln sich in schlechteren Gesundheits- und Entwicklungschancen wider: Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (SES) haben ein erhöhtes Risiko für niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburt, sind häufiger von Übergewicht betroffen und zeigen größere Entwicklungsrückstände. Chronischer Stress infolge von Diskriminierung, instabilen Lebensbedingungen und finanziellen Belastungen beeinträchtigt zudem die psychische Gesundheit der gesamten Familie. Darüber hinaus weisen diese Kinder im Jugendalter ein erhöhtes Risiko für gesundheitsschädigendes Verhalten auf. So entstehen bereits zu Beginn des Lebens ungleiche Gesundheitschancen, die sich im weiteren Lebensverlauf häufig verfestigen.
Armut in Berlin
Armut stellt unter den Indikatoren des sozioökonomischen Status (SES) das größte Gesundheitsrisiko dar [1]. Zur Bemessung von Armut wird bisher häufig die Einkommensarmut, auch monetäre Armut genannt*, herangezogen. Armut ist jedoch komplexer als finanzielle Deprivation: Sie umfasst auch eine Unterversorgung in Bildung, Gesundheit und Sozialkapital. Mit Stand 2023 gilt jeder fünfte Berliner als einkommensarm, also etwa 20 % der Bevölkerung – deutlich über dem deutschen Durchschnitt von 16,1 %. [10]. Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind in Berlin Menschen im Status längerer Erwerbslosigkeit (51 %), Alleinerziehende (bis zu 36 %) und Menschen mit Migrationsgeschichte, insbesondere ohne deutsche Staatsangehörigkeit (bis zu 34 %). Unter den Altersgruppen sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre besonders stark betroffen. Die Situation älterer Menschen ist schwer einzuschätzen: Obwohl die Armutsbetroffenheit steigt, bleibt sie noch unter dem Berliner Durchschnitt; bei gleichzeitig hoher Dunkelziffer. Die Armutsverteilung in Berlin zeigt deutliche räumliche Unterschiede: In Pankow ist etwa jede achte Person einkommensarm (12,6 %), in Neukölln und Lichtenberg mehr als jede vierte (26,3 % bzw. 26,2 %). Auch innerhalb der Bezirke sind die Ungleichheiten erheblich: In besonders benachteiligten Quartieren leben bis zu zwei Drittel der Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften nach SGB II.
*Armutsbetroffenheit, monetäre Armut oder Einkommensarmut: Diese Begriffe umschreiben in diesem Text den statistisch häufig genutzten und gleichzeitig verwirrenden Wert der sog. „Armutsgefährdung", definiert als Einkommen unter 60 % des deutschen Medianeinkommens. Nach dem von der EU gesetzten Standard liegt aber genau hier die Armutsgrenze. Ein offizieller Grenzwert für „Armutsbetroffen“ existiert nicht. Die im Text verwendeten Begriffe sind daher treffender als der Begriff „Armutsgefährdung“. Der Schwellenwert lag in Deutschland für 2025 bei 1.444 Euro netto für eine Person, für eine alleinerziehende Person mit Kind bei 1.877 Euro netto [20].
(Quellen: Alle Werte, sofern nicht anders angegeben, aus [11]: Berliner Sozialbericht 2025)
Vorzeitige Sterblichkeit
Wer früher stirbt, war länger arm: Armut führt nicht nur zu mehr Lebensjahren in Krankheit, sondern auch zu einer vorzeitigen Sterblichkeit. Zwischen sozioökonomischem Status und der Lebenserwartung kann deutschlandweit ein linearer Zusammenhang nachgewiesen werden. Die durchschnittliche Lebenserwartungslücke zwischen Männern mit dem niedrigsten sozioökonomischen Status (SES) im Vergleich mit Männern mit dem höchsten SES beträgt in Deutschland derzeit 7,2 Jahre. 2005 waren es noch 5,7 Jahre. Bei Frauen liegt die Differenz bei etwa 4,3 Jahren [2].
Für Berlin wurde ein solcher linearer Zusammenhang auch zwischen der vorzeitigen Sterblichkeit unter 65 Jahren und dem Erwerbs- und Sozialindex nachgewiesen. Wieder zeigt sich hier die soziale Ungleichheit der Berliner Bezirke: Die vorzeitige Sterblichkeit unter 65 Jahre je 100.000 Einwohner*innen ist in Steglitz-Zehlendorf mit 130 Sterbefällen am niedrigsten und mit 200 Sterbefällen in Lichtenberg am höchsten. Noch klarer wird die Ungleichheit in der kleinräumigen Betrachtung: In Mitte beispielsweise, ist die vorzeitige Sterblichkeit in den benachteiligten Planungsräumen „Beusselkiez“ oder „Lützowstraße“ nahezu zehnmal höher als im begünstigten Planungsraum „Unter den Linden“ (siehe Abbildung).
Soziale Ungleichheit und Umweltbelastungen
Die Umwelt- und Klimakrise belastet arme und vulnerable Bevölkerungsgruppen überproportional stark und führt damit zu einer Verschärfung gesundheitlicher Ungleichheiten. In urbanen Räumen zeigt sich dies besonders deutlich: Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status leben häufiger in verkehrsbelasteten Lagen, sind öfter Luftschadstoffen, Lärm und Hitze ausgesetzt und verfügen seltener über wohnortnahe Grün- und Erholungsflächen. Das Konzept der „Umweltgerechtigkeit" zielt darauf ab, diese Mehrfachbelastungen in benachteiligten Quartieren zu verringern und systematisch abzubauen. Der Berliner Umweltgerechtigkeitsatlas bietet dafür eine Datengrundlage. Hier werden die Indikatoren Luftschadstoffbelastung, Lärm, bioklimatische Belastung (Hitze) und Grünflächenversorgung in Beziehung zur strukturellen sozialen Benachteiligung in den Planungsräumen (PLR) gesetzt. Die Befunde sind dabei eindeutig: In den Planungsräumen mit der ungünstigsten Sozialstruktur werden bis zu 85 % der Flächen als belastet eingestuft. Ein überwiegender Anteil davon ist mehrfach belastet. Lediglich 15 % der Flächen gelten als unbelastet. In den Planungsräumen mit der günstigsten Sozialstruktur sind dagegen über 80 % der Flächen unbelastet. Mehrfachbelastungen treten dort nur vereinzelt auf.
Zugänge zur Gesundheitsversorgung
Die Zugänge zu medizinischer Versorgung, Präventionsangeboten und Maßnahmen der Gesundheitsförderung sind in Deutschland ungleich verteilt. Vulnerable Menschen haben häufig einen erschwerten Zugang. Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben infrastrukturellen Barrieren, wie langen Wegen zu Arztpraxen oder fehlender Barrierefreiheit, spielen auch kulturelle und sprachliche Hürden eine zentrale Rolle. Hinzu kommen Diskriminierungserfahrungen und Unterschiede im Versicherungsstatus, die den Zugang zusätzlich erschweren. Darüber hinaus stellt die Orientierung in dem komplexen und bürokratischen Gesundheitssystem eine besondere Herausforderung dar.
Quellen
[1] Geyer, S. (2025). Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit. In: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. Berlin: BIÖG. Verfügbar unter: https://doi.org/10.17623/BIOEG:Q4-i109-1.0 [Zugriff: 20.04.2025]
[2] Hoebel, J.; Michalski, N.; Baumert, J.; Nowossadeck, E.; Tetzlaff, F. (2025). Die Lebenserwartungslücke: Sozioökonomische Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. In: Robert Koch-Institut (Hrsg.). Journal of Health Monitoring, 10(1). Berlin: RKI. Verfügbar unter: https://doi.org/10.25646/13003 [Zugriff: 20.04.2025]
[3] Hoebel, J.; Müters, S. (2024). Sozioökonomischer Status und Gesundheit: Datenlage, Befunde und Entwicklungen in Deutschland. WSI-Mitteilungen, 77(3), S. 172–180. DOI: 10.5771/0342-300X-2024-3-172. Verfügbar unter: https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/11674/0342-300X-2024-3-172.pdf [Zugriff: 20.04.2025]
[4] Michalski, N.; Soliman, L.; Reis, M.; Tetzlaff, F.; Nowossadeck, E.; Hoebel, J. (2022). German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD): Revision, Aktualisierung und Anwendungsbeispiele. In: Robert Koch-Institut (Hrsg.). Journal of Health Monitoring, S5. Berlin: RKI. DOI: 10.25646/10294. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/JHealthMonit_2022_S5_Revision-GISD.html [Zugriff: 20.04.2025]
[5] AOK-Bundesverband (2026). Warum Armut ein Gesundheitsrisiko sein kann. AOK-Magazin. Verfügbar unter: https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/herz-und-kreislauf/armut-und-gesundheit-wie-soziale-ungleichheit-krank-machen-kann/ [Zugriff: 20.04.2025]
[6] Kooperationsverbund gesundheitliche Chancengleichheit (2024). Handreichung zur gesundheitlichen Lage sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher, verfügbar unter: AOK-Bundesverband (2026). Warum Armut ein Gesundheitsrisiko sein kann. AOK-Magazin. Verfügbar unter: https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/herz-und-kreislauf/armut-und-gesundheit-wie-soziale-ungleichheit-krank-machen-kann/ [Zugriff: 20.04.2025]
[7] Ravens-Sieberer, U.; Kaman, A.; Erhart, M.; Devine, J.; Napp, A.-K.; Reiss, F.; Behn, S. (2025). Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen: Ergebnisse der COPSY-Längsschnittstudie von 2020 bis 2024. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. DOI: 10.1007/s00103-025-04045-1. Verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-025-04045-1 [Zugriff: 20.04.2025]
[8] AOK-Bundesverband (2025). Armut als Risikofaktor für die psychische Gesundheit. AOK-Magazin. Verfügbar unter: https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/armut-risikofaktor-fuer-die-psychische-gesundheit/ [Zugriff: 20.04.2025]
[9] Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Berlin (Hrsg.) (2025). Berliner Sozialbericht 2025. Berlin: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. Verfügbar unter: https://www.berlin.de/sen/soziales [Zugriff: 20.04.2025]
[10] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2024). Lebensbedingungen und Armutsgefährdung. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/_inhalt.html [Zugriff: 20.04.2025]
[11] Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Berlin, Referat Gesundheitsberichterstattung (Hrsg.) (2022). Vorzeitige Sterblichkeit in Berlin – Zusammenhang mit sozialer Lage und Umweltbelastungen. Kurz Informiert, 2022/04. Berlin: Senatsverwaltung. Verfügbar unter: https://www.berlin.de/sen/gesundheit/_assets/gesundheitsberichterstattung/kurz-informiert/ki_2022_04_vorz_sterblichkeit.pdf [Zugriff: 20.04.2025]
[12] Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin (Hrsg.) (2024). Berliner Umweltgerechtigkeitsatlas 2023/2024. Berlin: Senatsverwaltung. Verfügbar unter: https://www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/nachhaltigkeit/umweltgerechtigkeit/umweltgerechtigkeitsatlas/ [Zugriff: 20.04.2025]
[13] Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) (Hrsg.) (2024). Umweltgerechtigkeit. In: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Berlin: BIÖG. Verfügbar unter: https://leitbegriffe.bioeg.de/alphabetisches-verzeichnis/umweltgerechtigkeit/ [Zugriff: 20.04.2025]
[14] Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) e. V.; Barmer (Hrsg.) (2025). Factsheet: Gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels. Berlin: KLUG. Verfügbar unter: https://www.klimawandel-gesundheit.de/wp-content/uploads/2025/04/20250327_Factsheet_Gesundheitliche-Auswirkungen_mit_Deckblatt_barrierefrei-1.pdf [Zugriff: 20.04.2025]
[15] Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2023). Gesundheitliche Chancengleichheit und Klimawandel: Sachstandsbericht. Journal of Health Monitoring, S6. Berlin: RKI. Verfügbar unter: https://doi.org/10.25646/11769 [Zugriff: 20.04.2025]
[16] Klein, J.; von dem Knesebeck, O. (2021). Soziale Ungleichheiten in der gesundheitlichen Versorgung. In: Schaeffer, D.; Pelikan, J. M. (Hrsg.). Medizinische Soziologie in Deutschland, S. 213–228. Berlin: Springer. Verfügbar über: https://doi.org/10.5680/olmps000069 [Zugriff: 20.04.2025]
[17] Bartig, S.; Kalkum, D.; Le, H. M.; Lewicki, A. (2023). Diskriminierungsrisiken und Diskriminierungsschutz im Gesundheitswesen – Wissensstand und Forschungsbedarf für die Antidiskriminierungsforschung. Berlin: Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Verfügbar unter: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Expertisen/diskrimrisiken_diskrimschutz_gesundheitswesen.html; [Zugriff: 20.04.2026]
[18] Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2026). Diskriminierung im Gesundheitswesen. In: Journal of Health Monitoring. Berlin: RKI. Verfügbar unter: https://doi.org/10.25646/13695 [Zugriff: 20.04.2025]
[19] Paritätischer Gesamtverband (2025). Armutsbericht 2025: Verschärfung der Armut. Verfügbar unter: https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/armutsbericht_2025_web_fin.pdf [Zugriff: 20.04.2026]
[20] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2026). Armutsschwelle im Vergleich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/armutsschwelle-zvgl.html [Zugriff: 20.04.2025].