Passgenaue Pflege?!
Bedarfe und Lösungsansätze für die pflegerische Versorgung älterer Menschen im ambulanten Bereich
Bereits heute ist jede fünfte Person in Deutschland mindestens 65 Jahre alt. Prognosen zu Folge wird der Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung auch weiter zunehmen. Mit einer wachsenden Gruppe älterer Menschen steigen auch der Bedarf an pflegerischer Unterstützung und letztlich die Ausgaben im Gesundheitswesen.
In Deutschland waren 2022 insgesamt 4,96 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon wurden 4 von 5 Betroffenen zu Hause versorgt – Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen waren Frauen. Diese Zahlen berücksichtigen allerdings nur Personen, die nach Antragstellung bei der gesetzlichen oder privaten Pflegeversicherung als „pflegebedürftig“ eingestuft werden und einen Pflegegrad erhalten. Was diese Zahlen jedoch nicht aufzeigen, ist die Dunkelziffer der Menschen, die ohne Pflegegrad von Angehörigen und ihrem sozialen Umfeld unterstützt werden. Die Zahl der zuhause lebenden Personen, die zur Abdeckung ihres Pflegebedarfs keine finanzielle Unterstützung erhalten, ist vermutlich ähnlich hoch wie die der Pflegebedürftigen im ambulanten Bereich mit Pflegegrad. Oft ist dieser Status lediglich eine Zwischenstation vor der Antragstellung und dem Übergang in das offizielle Pflegesystem. Dieser Übergang geht mit einem erhöhten personellen und finanziellen Mittelbedarf einher. Daher ist detailliertes Wissen zu dieser Gruppe essenziell, um deren Bedarfe und passgenaue Lösungsansätze für eine gute Versorgung identifizieren zu können.
Sicherstellung der pflegerischen Versorgung als zentrale Herausforderung für das Gesundheitswesen
Die oben skizzierte Entwicklung stellt nicht nur eine zentrale Herausforderung für das Gesundheits- und Pflegesystem dar, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf unser soziales Gefüge. Neben Fragen nach neuen Wohnformen beschäftigen sich politische Entscheidungsträger:innen und Gesundheitsfachkräfte besonders mit der Frage, wie sich die begrenzten Ressourcen im Gesundheits- und Sozialbereich bedarfsgerecht einsetzen lassen. Um angemessene Pflege sicherzustellen beziehungsweise den Bedarf an pflegerischer Unterstützung von vornherein zu reduzieren, müssen wirksame Ansätze identifiziert und in der Praxis umgesetzt werden.
Daher ist es unabdingbar, die Bedürfnisse und Bedarfe von Menschen mit Pflegebedarf genau zu kennen. Dies erlaubt, die immer knapper werdenden personellen und finanziellen Mittel zielgerichtet einzusetzen. Die Dissertation adressiert diese zentrale gesellschaftliche Herausforderung auf verschiedenen Ebenen. Sie identifiziert relevante Pflegebedarfe älterer, zuhause lebender Menschen (Paper 1) sowie Ansätze für deren bedürfnisorientierte und passgenaue Pflege (Paper 2 und Paper 3). Damit lenkt die Arbeit erstmals einen umfassenden Blick auf die Personengruppe in Deutschland, die unabhängig von einem Pflegegrad pflegerische Unterstützung in Anspruch nimmt.
1. "Typisch Frau – Typisch Mann" – Faktoren für eine Inanspruchnahme von Pflegeleistungen
Männer und Frauen unterscheiden sich. Diese Unterschiede spiegeln sich auch im Gesundheitsbereich wider. Frauen leben länger als Männer, aber sie leben auch für eine längere Zeit als Männer mit körperlichen Beeinträchtigungen. Das Gesundheitsverhalten beider Geschlechter unterscheidet sich ebenfalls. Frauen nehmen im Allgemeinen sowohl medizinische Leistungen (z. B. Arztbesuche) als auch Präventionsangebote (z. B. Bewegungskurse) häufiger in Anspruch als Männer. Doch unterscheidet sich auch das Verhalten von älteren Frauen und Männern, Pflegeleistungen zu nutzen? Und gibt es geschlechterspezifische Faktoren, die damit zusammenhängen, pflegerische Unterstützung in Anspruch zu nehmen? Die Antwort lautet – „ja“. Sowohl Frauen als auch Männer werden in einem größeren Zeitumfang durch Laienpflege als durch professionelle Pflegekräfte unterstützt. Allerdings nehmen Männer insgesamt mehr Pflegezeit, insbesondere durch Laien, in Anspruch als Frauen. Dies liegt wohl daran, dass ihre Partnerinnen weiterhin die meiste Unterstützung für ihren Partner leisten und fußt auf verfestigten Rollenbildern. Bei älteren Paaren übernimmt die Frau weiterhin den Großteil der Haushaltsaufgaben. Außerdem hatte sie oft seit jeher die „Care“-Arbeit in der Familie inne und war zum Beispiel als Hauptperson für die Kindererziehung zuständig. Daher ist sie eher dazu bereit, auch ihren Partner zu pflegen. Älteren Männern fehlt zudem häufig die Bereitschaft oder die Fähigkeit, für die pflegerische Unterstützung ihrer Partnerinnen. Zugleich haben Frauen häufig komplexere Gesundheitseinschränkungen als Männer. Somit beanspruchen Frauen mehr professionelle Pflegezeit als Männer.
Neben dem Wissen, wie viel Zeit für welche Art von Pflegeleistung beansprucht wird, ist es entscheidend, die mit der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen verbundenen Faktoren zu kennen. Unabhängig vom Geschlecht ergab die Analyse eines Papers der Dissertation, dass höheres Alter, mehr Erkrankungen sowie ein schwererer Behinderungsgrad die wesentlichen Faktoren für die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen sind. Dies zeigt sich auch bei Menschen, die über die Zeit beobachtet wurden und erstmalig pflegerische Unterstützung in Anspruch nehmen. Das Ergebnis deutet daraufhin, dass die aufgezeigten Faktoren mit hoher Wahrscheinlichkeit zu irgendeinem späteren Zeitpunkt dazu führen werden, dass Pflegeleistungen in Anspruch genommen werden.
Der Geschlechtervergleich belegt, dass für Frauen ein beeinträchtigter Gesundheitszustand in Form von Behinderung der zentrale dafür Faktor ist, eher professionelle Pflege als Laienpflege in Anspruch zu nehmen. Im Zuge der steigenden Lebenserwartung und der damit einhergehenden schwereren Verläufe von Behinderung sollte sich das Gesundheitssystem auf den steigenden Bedarf nach professionellen Pflegeleistungen bei Frauen vorbereiten.
Bei Frauen wie auch Männern hing das Alleinleben besonders stark damit zusammen, professionelle Pflegeleistungen in Anspruch zu nehmen. Bei Männern war der Zusammenhang allerdings deutlich stärker ausgeprägt und der zentrale Aspekt dafür, pflegerische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Wenn wir die steigende Zahl an Ein-Personen-Haushalten im Alter bedenken, stehen wir somit vor einer großen Herausforderung. Um dem gesundheitspolitischen Leitsatz „ambulant vor stationär“ weiterhin gerecht werden zu können, braucht es passgenaue Unterstützungsstrukturen und neuartige Wohnformen für genau diese Zielgruppe. Des Weiteren sollten insbesondere ältere Männer die Zielgruppe für präventive Angebote zur Förderung der Alltagskompetenz (z. B. Haushaltskenntnisse) sein. Nur so können alle in unserer Gesellschaft so lange wie möglich im gewohnten Umfeld zu Hause leben und versorgt werden.
2. Beugt Bewegung einer Inanspruchnahme von Pflegeleistungen vor?
Neben dem umfassenden Verständnis zu Faktoren, die mit einer Inanspruchnahme von Pflegeleistungen in Verbindung stehen, ist es zentral, passende Lösungsansätze für eine gute Versorgung älterer Menschen zu erkennen und zu entwickeln. Einer dieser Ansätze, der die Dissertation beispielhaft beleuchtet, ist die Prävention. Idealerweise lässt sich so die Notwendigkeit für pflegerische Unterstützung verhindern oder zumindest verzögern. Falls bereits Pflegebedarf besteht, kann mit passenden präventiven Ansätzen der Unterstützungsaufwand minimiert oder zumindest stabilisiert werden. Studien zeigen, dass gesunde Lebensweisen einen positiven Beitrag auf unsere Gesundheit haben. Zu diesen zählt auch regelmäßige Bewegung. Hier stellt sich die Frage, ob diese auch eine Auswirkung auf die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen hat. Und falls ja: Welche Bewegungsarten tragen im Alter dazu bei, weniger pflegerische Unterstützung zu beanspruchen?
Die Nationalen Bewegungsempfehlungen in Deutschland weisen darauf hin, dass der größte Gesundheitseffekt auf Bevölkerungsebene dann erreicht wird, wenn „Nicht-Beweger:innen“ zu minimaler Bewegung motiviert werden. Laut der WHO ist das Wissen zum Bewegungsverhalten in relevanten Untergruppen jedoch unzureichend, um Handlungsempfehlungen für diese Menschen abzuleiten. In Deutschland wurden zuhause lebende ältere Menschen mit Pflegebedarf bisher nicht genauer betrachtet. Zugleich bedarf es kostengünstiger, wirksamer Lösungsansätze um die Zukunftsherausforderung „Pflegebedarf“ zu meistern. Die Analyse von Menschen zwischen 65 und 97 Jahren verdeutlichte, dass jede untersuchte Bewegungsart (Spazierengehen, Ausdauersport, Krafttraining) mit einer selteneren Nutzung pflegerischer Unterstützung einherging. Der stärkste Zusammenhang bestand bei regelmäßigem Ausdauersport in Verbindung mit Spazierengehen. Der Geschlechtervergleich zeigte, dass der positive Einfluss von Bewegung bei Frauen weniger stark ausgeprägt ist als bei Männern. Es wird diskutiert, dass Männer eine höhere Intensität von Bewegung betreiben und dies folglich zu größeren Effekten führt. Die Forschungsarbeit fand zudem heraus, dass sich ältere Menschen generell unzureichend bewegen. Dieses Phänomen betraf verstärkt die Menschen, welche bereits Pflegeleistungen nutzten. Die empirischen Untersuchungen erlauben erste Handlungsempfehlungen für Subgruppen von älteren, zuhause lebenden Menschen. Die identifizierten Gruppen sollten gezielt bei der Planung und Entwicklung gesundheitsförderlicher und präventiver Maßnahmen mitgenommen und damit ihre Bedürfnisse zielgerichtet angesprochen werden. Außerdem sollen einfache Verhaltensweisen, wie etwa Spazierengehen, in deren Alltag integriert werden und förderliche Verhältnisse, wie z. B. Grünflächen, im direktem Wohnumfeld installiert werden.
3. Nachweise für (kosten)effektive Therapien in der Pflege
Letztlich können wir nicht vollständig verhindern, dass Menschen im Alter pflegebedürftig werden. Gerade Erkrankungen wie Demenz zählen zu den Volkskrankheiten im Alter, die mit einem besonders hohen und intensiven Pflegebedarf einhergehen. Um es Betroffenen zu ermöglichen, weiterhin so lange wie möglich zuhause im gewohnten Umfeld zu leben und somit dem Leitsatz „ambulant vor stationär“ gerecht zu werden, gibt es Strukturen wie Tagespflegeeinrichtungen. Wichtig für eine Verstetigung derartiger Angebote ist, dass die Therapien nicht nur positive Effekte auf die Gesundheit und Alltagskompetenz der Besucher:innen haben, sondern auch die Kosten vertretbar sind („kosteneffektiv“).
Das dritte Paper konnte zeigen, dass sich Kosteneffektivität auch bei Pflegetherapien zeigen lässt. In einer Studie mit 32 Tagespflegeeinrichtungen in ganz Deutschland erhielten die Besucher:innen von 16 Einrichtungen eine speziell entwickelte Pflegetherapie (MAKS – motorisch, alltagspraktisch, kognitiv, sozial). Das Ziel der Therapie bestand darin, mit Hilfe strukturierter Maßnahmen und des sich regelmäßig wiederholenden sowie gleichbleibenden Ablaufs den Gesundheitszustand von Menschen mit Demenz und kognitiven Einschränkungen zu erhalten oder sogar zu verbessern. Die Besucher:innen der anderen 16 Einrichtungen erhielten zeitgleich punktuelle, gängige Beschäftigungstherapien (z. B. Ballspiele). Die Forschungsergebnisse unterstreichen, dass die speziell entwickelte MAKS-Therapie sowohl effektiv als auch kosteneffektiv ist. Alltagskompetenz wie auch kognitive Fähigkeiten der MAKS-Teilnehmenden waren nach einem halben Jahr deutlich besser als in der Vergleichsgruppe. Dieser Zugewinn war sogar mit geringeren Kosten verbunden. Ein entscheidender Faktor für die Kosteneffektivität dürfte gewesen sein, dass das Pflegepersonal in den jeweiligen Einrichtungen geschult wurde und die Therapie selbst durchführte. Dadurch konnte z. B. auf externe Trainer:innen-Kosten verzichtet werden und somit die Therapie nachhaltig und flexibel in das bestehende pflegerische Gesamtkonzept eingebettet werden. Diese Aspekte sollten bei zukünftigen Entwicklungen von pflegerischen Maßnahmen stets mitgedacht werden.
Ein Mehrwert für die Gesellschaft
Die Dissertation leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Bedarfe zuhause lebender älterer Menschen umfassend zu verstehen und mögliche (kosten)effektive Lösungsansätze für ihre Unterstützung aufzuzeigen. Da der größte gesellschaftliche Effekt im Gesundheitswesen dadurch erzielt wird, diejenigen mit besonders hohem Hilfebedarf und folglich hoher Belastung für das Gesundheitswesen zu unterstützen, sind die Erkenntnisse gesamtgesellschaftlich von hoher Relevanz. Gerade im aktuellen politischen Diskurs z. B. zum steigenden Fachkräftemangel in der Pflege oder Strukturänderungen wie der Krankenhausreform zeigt sich, dass der Leitsatz „ambulant vor stationär“ mit Hilfe unterschiedlichster Ansätze gestärkt werden muss. Ambulante Einrichtungen wie Tagespflegeeinrichtungen müssen ausgebaut und neue Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser implementiert werden, um dem isolierten Leben zu Hause entgegenzuwirken. Des Weiteren braucht es hochqualifiziertes Pflegepersonal wie Community Health Nurses, sogenannte Gemeindeschwestern. Sie wirken im direkten Wohnumfeld der hilfebedürftigen Älteren und verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz von Prävention bis hin zur Versorgung der Menschen und ihrer relevanten Subgruppen und kennen passende Zugangswege zu den schwer erreichbaren Zielgruppen. Letztlich gibt diese Arbeit älteren Menschen eine wertschätzende Bühne. Denn sie stehen für all diejenigen, die unsere Gesellschaft bereichert haben und weiterhin bereichern werden. Und nun oder in naher Zukunft Unterstützung benötigen, um in Würde altern zu können.