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Aktuelles

Artikel und Meldungen im Überblick

Steigende Mieten und Yogakurs statt Sozialberatung

Gentrifizierung als gesundheitlicher Risikofaktor sozial benachteiligter Älterer

Birgit Wolter , Institut für Gerontologische Forschung e.V.
29.01.2015

Während zahlreiche Kom­mu­nen un­ter dem Rück­gang ih­rer Be­völ­ke­rung leiden, verzeichnen ins­be­son­de­re Universitäts- und Großstädte in Deutsch­land einen Be­völ­ke­rungszuwachs. Urbanes Wohnen gewinnt zunehmend an Be­deu­tung, nachgefragt wer­den vor allem Alt­bau­woh­nung­en in sanierten Innenstadtlagen (Adam & Sturm 2014). Eine hohe Nach­fra­ge nach Woh­nung­en in bestimmten Stadtteilen hat zur Fol­ge, dass Mie­ten und Immobilienpreise stei­gen und da­mit für einkommensschwache Be­völ­ke­rungsgruppen nicht mehr bezahlbar sind. Einkommensstarke Be­völ­ke­rungsgruppen zie­hen zu und ein Pro­zess der Gentrifizierung beginnt, d. h. ein „Aus­tausch von statusniedrigen durch statushöhere Be­völ­ke­rungsgruppen“ (Holm 2014: 277). Diese Ent­wick­lung belastet ins­be­son­de­re die langjährige Be­woh­ner­schaft, die sich - häufig im Be­sitz von günstigen Mietverträgen - einem wachsenden Verdrängungsdruck ausgesetzt sieht.  
Im Zuge der Auf­wer­tung von Quar­tieren er­le­ben öko­no­misch schwache Menschen häufig zu­nächst ih­re soziale und räumliche Aus­gren­zung, et­wa weil die soziale Teil­ha­be oder die Versorgung mit Alltagsgütern im Quar­tier nicht mehr oder nur noch eingeschränkt mög­lich sind. Der Fortzug aus dem Quar­tier führt dann im Allgemeinen in weniger nachgefragte (und attraktive) Wohn­la­gen, z. B. an den Stadtrand oder in unsanierte Wohngebiete. Al­te Menschen wer­den durch den Pro­zess der Gentrifizierung zu­sätz­lich stark belastet, weil sie über­wie­gend in der vertrauten Woh­nung und Um­ge­bung alt wer­den möchten (zum Kon­zept des „Ageing in place“ vgl. Rowles & Ravdal 2002).

Warum sind Exklusion und Gentrifizierung gesundheitliche Risikofaktoren für sozial benachteiligte Ältere?

Mit zunehmendem Al­ter be­ein­flus­sen die Ge­ge­ben­heit­en in der Wohnumwelt die Voraussetzungen für gesundes, autonomes Al­tern in wachsendem Maße. Die World Health Or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) verweist in ih­rem Pro­gramm der „Agefriendly Cities“ auf die Be­deu­tung von altersfreundlichen Lebenswelten und Städten für Ge­sund­heit und Teil­ha­be alter Menschen. Dabei sind ge­ra­de alte Menschen mit geringen Res­sour­cen (kör­per­lich/ge­sund­heit­lich, öko­no­misch, so­zi­al) be­son­ders stark auf ei­ne unterstützende räumliche und so­zi­ale Um­welt an­ge­wie­sen.
Die Auf­wer­tung ei­ner Wohngegend führt meist da­zu, dass sich die Angebotslandschaft und In­fra­struk­tur auf die Ansprüche der öko­no­misch stärkeren Ziel­grup­pen einstellt. Al­te Menschen mit geringem Haushaltseinkommen kön­nen ih­re Alltagsbedürfnisse und Wünsche nach Teil­ha­be im Quar­tier nur noch eingeschränkt er­fül­len. Der Zu­gang zu Hilfe- oder Präventionsangeboten wird durch den Weg­fall vertrauter Strukturen und Personen häufig zu­sätz­lich erschwert. Das Be­dürf­nis, an­de­re Menschen in ähnlichen Le­bens­la­gen oder mit ähnlichen Lebensstilen in der Nä­he zu haben („desire for sameness“), kann im­mer we­niger befriedigt wer­den (Phillipson 2010: 600 ff.).
Der Verlust so­zi­aler Netzwerke, identitätsstiftender Beziehungen und hilfreicher An­ge­bo­te (Yogakurs statt Sozialberatung) trifft so­zi­al benachteiligte alte Menschen um­so mehr, da sie we­nige Res­sour­cen be­sit­zen, um auf diese Ent­wick­lung­en zu re­a­gie­ren. Soziale Un­gleich­heit und Aus­gren­zung wer­den da­durch verstärkt. Eine unsichere Wohnsituation bzw. die Sor­ge vor Miet­er­hö­hung­en stel­len zu­dem ei­ne hohe psy­chische Be­las­tung dar. Gleichzeitig sind die Mög­lich­keit­en von älteren Menschen mit geringem Einkommen, ei­ne an­de­re, bes­ten­falls altersgerechte Woh­nung auf dem frei­en Woh­nungs­markt zu fin­den, stark eingeschränkt.
Sowohl der Verbleib in ei­nem sich sol­cher­art verändernden Quar­tier als auch der Um­zug in ei­ne neue Wohnumgebung birgt erhebliche ge­sund­heit­liche Risikofaktoren für vulnerable Ziel­grup­pen. Der Verlust so­zi­aler Kontakte kann zu Iso­la­ti­on, Rückzug und Ein­sam­keit füh­ren. Ein Um­zug im Al­ter kann, vor allem wenn er un­ge­wollt erfolgt, zu­dem ein kritisches Lebensereignis dar­stel­len, das phy­sisch und psy­chisch be­las­tend wirkt. Die Aus­wir­kung­en von städtebaulicher Auf­wer­tung und Gentrifizierung auf die Ge­sund­heit und Teil­ha­bechancen alter Menschen sind bislang nur we­nig sys­te­ma­tisch untersucht. Die bekannten Zusammenhänge zwi­schen ei­ner förderlichen Wohnumwelt und gesundem Al­tern be­grün­den aber be­reits jetzt die For­de­rung, die Fol­gen von Auf­wer­tungsprozessen durch präventive Stra­te­gien zu mil­dern.

Sozialraumorientierte Wohnumfeldanpassung als Stra­te­gie

Die Auf­wer­tung ei­nes Quartiers sollte mit Au­gen­maß er­fol­gen, d. h. räumliche und soziale Barrieren sollten abgebaut, An­ge­bo­te den Bedarfen an­ge­passt und die Bausubstanz erneuert wer­den. Dabei sollten aber die beste­henden Erfordernisse des Quartiers und der Be­woh­ner­schaft, be­son­ders derjenigen, die auf ein unterstützendes Wohnumfeld an­ge­wie­sen sind, im Zen­trum ste­hen. Der Kom­mu­ne kommt bei diesen städtebaulichen Entwicklungsprozessen ei­ne Steuerungsrolle zu. Eine enge Zu­sam­men­ar­beit von Stadtentwicklung, Gesundheits- und Sozialverwaltung ist ei­ne Voraussetzung, um so­wohl die planerischen als auch die sozialen und gesundheitsförderlichen Belange zu­kunfts­ori­en­tiert, z. B. in ei­nem quartiersbezogenen Leit­bild, zu be­rück­sich­ti­gen.

  • Stra­te­gie „Par­ti­zi­pa­ti­on und sozialraumbezogene Bedarfsermittlung“
    Bedarfe und Defizite müs­sen vor Ort erhoben wer­den und die Be­woh­ner­schaft an den Aufwertungsprozessen aktiv beteiligt wer­den. Die entsprechenden Beteiligungsinstrumente, wie Zukunftswerkstätten, Bewohnergremien oder Stadtteilkonferenzen sind be­kannt und er­probt. Damit im Sinne der Partizipationsstufen (Unger & Wright 2007) ei­ne tatsächliche Beteiligung der Be­völ­ke­rung erfolgt, sollten ei­ne einfache Spra­che (Tipps zu leichter Spra­che) verwendet, transparente Strukturen geschaffen und wichtige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eingebunden wer­den. Ein Bei­spiel für ein niedrigschwelliges Beteiligungsangebot für ältere Menschen sind die Kiezspaziergänge in Moabit, bei de­nen Defizite im Quar­tier erhoben und vor Ort diskutiert wer­den.
  • Stra­te­gie „Ko­o­pe­ra­ti­ve Leitbildentwicklung“
    Die Ei­ni­gung auf ein verbindliches Leit­bild sollte die Grund­la­ge für die weitere Quartiersentwicklung sein. Hierzu sollte ein starkes, bereichsübergreifendes Bünd­nis zwi­schen der Kom­mu­ne, lokalen Akteuren, Privateigentümerinnen und -eigentümern von Im­mo­bi­lien und Wohnungswirtschaft so­wie der Be­woh­ner­schaft ge­schlos­sen wer­den. Die frühzeitige Ko­o­pe­ra­ti­on aller beteiligten Grup­pen an der Ent­wick­lung ei­nes Quartiers fördert die Nach­hal­tig­keit, so­zi­ale Verträglichkeit und Ak­zep­tanz von Veränderungen. Dabei tra­gen die kommunalen Vertreterinnen und Vertreter die Verantwortung für die am Gemeinschaftswohl orientierte Prozesssteuerung und Mo­de­ra­ti­on. Ein Bei­spiel für die Durch­füh­rung ei­nes kommunalen Dialogs un­ter Beteiligung der un­terschiedlichen Akteursgruppen bietet das 10. Sozialpolitische Hearing der Stadt Kiel.
  • Stra­te­gie „Gezielte Im­ple­men­tie­rung von gesundheitsförderlichen und Teilhabe-Angeboten für vulnerable Ziel­grup­pen“
    Eine gezielte Im­ple­men­tie­rung und För­de­rung von An­ge­bo­ten für vulnerable Ziel­grup­pen in Quar­tieren, die sich im Aufwertungsprozess be­fin­den, kann die Aus­gren­zung von be­nach­tei­lig­ten alten Menschen verhindern oder mil­dern. Die Kom­mu­ne sollte ih­re Handlungsmöglichkeiten hier nicht oh­ne Not aus der Hand ge­ben, z. B. durch die Privatisierung öffentlicher An­ge­bo­te. Zudem sollten ressourcenstarke Akteure und Be­woh­nerin­nen und Bewohner im Quar­tier zum En­ga­ge­ment für vulnerable Bevölkerungsgruppen ermutigt wer­den. Ein Bei­spiel für die För­de­rung von Eh­ren­amt und den Trans­fer von Sozialkapital ist das Projekt „Q8“ der Evangelischen Stif­tung Alsterdorf in Hamburg.

Weitere Informationen zum Thema können Sie den Seiten
des Instituts für Gerontologische Forschung entnehmen.


Für weiterführende Literaturhinweise klicken Sie bitte auf "mehr"

Adam, B.; Sturm, G. (2014) Was bedeutet Gentrifizierung und wel­che Rol­le spielt die Auf­wer­tung städtischer Wohnbedingungen? In: BBSR. Zwischen Er­halt, Auf­wer­tung und Gentrifizierung. Informationen zur Raumentwicklung. Heft 4, 267 - 275

Holm, A. (2014) Gentrifizierung - mitt­ler­wei­le ein Mainstreamphänomen? In: BBSR. Zwischen Er­halt, Auf­wer­tung und Gentrifizierung. Informationen zur Raumentwicklung. Heft 4, 277-289

Phillippson, C. (2010) Ageing and Urban Society: Growing Old in the „Century of the Ci­ty“. In: Dannefer, D.; Phillipson, C. (Hg.) The SAGE Handbook of Social Gerontology. Lon­don. 597-606

Rowles, G.; Ravdals, H. (2002) Ageing, place and meaning in the face of changing circumstances. In: Weiss, R.; Bass, S. (Hg.) Challenges of the Third Age: Meaning and Purpose in Later Life. Ox­ford: Ox­ford University Press

Unger, H. v.; Wright, M. (2007): Stu­fen der Par­ti­zi­pa­ti­on in der Ge­sund­heits­för­de­rung. Ein Mo­dell zur Be­ur­tei­lung von Beteiligung. Infodienst für Ge­sund­heits­för­de­rung 3-2007, S. 4-5

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  • Berlin

    Fachtag: Generationengerechtigkeit ausbuchstabiert

    Kinder- und Jugendhilfe und Seniorenorganisationen im Dialog Generationengerechtigkeit

    Generationengerechtigkeit ist in aktuellen politischen Debatten zu einem zentralen Begriff geworden. Häufig wird er jedoch verkürzt verwendet: als moralisches Argument in der Haushalts-, Finanz- oder Rentenpolitik, etwa in Diskussionen über Neuverschuldung oder die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass Generationengerechtigkeit weit mehr umfasst als finanzpolitische Abwägungen. Eine solche Engführung kann Generationenkonflikte eher verstärken, statt gemeinsame Interessen sichtbar zu machen und die tatsächlichen Ursachen von Ungerechtigkeit zu benennen.

    In dieser Veranstaltung bieten die Organisationen des Hauses der Jugendarbeit und Jugendhilfe e.V. und die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. ein Forum, um gemeinsam mit den Teilnehmenden den Begriff der Generationengerechtigkeit in unterschiedlichen politischen und sozialen Themenfeldern zu vertiefen und das Verbindende zwischen den Generationen herauszuarbeiten.

    Die Anmeldemöglichkeit folgt nach der Sommerpause. Bitte beachten Sie bereits jetzt, dass die Teilnahme kostenpflichtig ist. Der Teilnahmebeitrag beträgt 10,00 Euro pro Person; die Teilnehmendenzahl ist begrenzt. Weitere Informationen finden Sie hier.

    Kategorie: Fachtagung
    Veranstalter: Hauses der Jugendarbeit und Jugendhilfe e.V. und BAGSO
  • 14.10.2026

    Berlin

    Gesundheit x Mobilität – Radverkehr als Investition in unsere Zukunft

    ADFC-Symposium 2026

    Die Veranstaltung bringt Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung, Gesundheitswesen, Stadtentwicklung und Zivilgesellschaft zusammen, die Mobilität gesünder, gerechter und zukunftsfähiger gestalten wollen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Fahrrad noch stärker als Hebel für Gesundheit, Lebensqualität und lebenswerte Städte und Gemeinden genutzt werden kann – auf Grundlage aktueller Erkenntnisse, internationaler Beispiele und konkreter Ansätze für die Praxis.

    Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier. Die Teilnahme ist kostenlos.

    Kategorie: Symposium
    Veranstalter: Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V.
  • Düsseldorf

    Mut zur Haltung: Zukunft schon heute gesund und sozial gestalten

    DVSG-Bundeskongress 2026

    Mit einem selbstbewussten und selbstkritischen Blick wird der DVSG-Bundeskongress 2026 unter dem Motto „Mut zur Haltung: Zukunft schon heute gesund und sozial gestalten“ den Fokus auf zukünftige Herausforderungen richten. Wir wollen soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Gesundheit für alle in einer sich rasant wandelnden Welt.

    Beim DVSG-Bundeskongress sollen aktuelle Probleme im Zusammenhang mit der Gesundheitsversorgung diskutiert und mögliche Lösungen vorgestellt werden. Nicht nur der Fachkräftemangel und wachsende Versorgungslücken erfordern visionäre Ansätze. Gleichzeitig müssen die gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick genommen werden: Eine alternde Bevölkerung, zunehmende Multimorbidität, vielfältige Lebensformen, höherer Betreuungsbedarf und Pflegebedürftigkeit verlangen nach angepassten Konzepten und Angeboten. Der Anstieg von Singlehaushalten und gesellschaftliche Entfremdungen, etwa geprägt durch Einsamkeit, Polarisierung und Radikalisierung, verändern die Lebenslagen vieler Menschen. Diese Trends erfordern umfassenden sozialen Zusammenhalt und gesunde Lebenswelten.

    Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Kategorie: Kongress
    Veranstalter: DVSG - Deutsche Vereinigung für die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit

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