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Aktuelles

Artikel und Meldungen im Überblick

Der Public-Health-Index — Ergebnisse der Diskussion beim Kongress Armut und Gesundheit

13.05.2026

Der AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum haben im Dezember 2025 erstmals ein umfassendes Ranking zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen veröffentlicht. Im Public Health Index, der nun alle zwei Jahre aktualisiert werden soll, belegt Deutschland Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa. In der Einzelbetrachtung der vier untersuchten Handlungsfelder landet Deutschland bei Tabak, Alkohol und Ernährung jeweils auf den hinteren Rängen, bei Bewegung im unteren Mittelfeld.

Das Ergebnis ist eindeutig: Deutschland schöpft das Potenzial wirksamer Prävention bislang nicht aus und weist strukturelle Defizite in der Präventionspolitik auf. Ein besonders zugespitztes Beispiel: Während Deutschland in der Tabakprävention zu den Schlusslichtern gehört, wird gleichzeitig ab 2026 ein jährliches Lungenkrebs-Screening für Hochrisikogruppen eingeführt — ein kostenintensives Reparaturinstrument statt konsequenter, verhältnisorientierter Prävention.

Sabine Bösing (BAG Wohnungslosenhilfe), Oliver Huizinga (AOK-Bundesverband), Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule Bochum), Thomas Moormann (Verbraucherzentrale Bundesverband), Prof. Dr. Peter von Philipsborn (Universität Bayreuth) und Prof. Dr. Hajo Zeeb (BIPS) diskutierten auf dem Kongress Armut und Gesundheit anlässlich dieses unrühmlichen vorletzten Platzes Deutschlands im Public-Health-Index über die politischen Chancen für eine Neuausrichtung der Präventionspolitik. Dabei stand nicht die Analyse im Mittelpunkt, sondern die Frage: Welche konkreten Maßnahmen müssen jetzt umgesetzt werden — und wie lassen sich politische Mehrheiten dafür gewinnen?

Die Diskussionsrunde betrachtete den Index und die daraus resultierenden Forderungen unter dem Fokus gesundheitlicher Chancengleichheit. Was könnten die vorgeschlagenen Maßnahmen bewirken? Woran scheitert es bisher? Auch Bedarfe für eine Weiterentwicklung des Public Health Indexes und der Gesundheitspolitik wurden übergreifend diskutiert: Wie kommen wir zu einer Public Health-Strategie für Deutschland?

Präventionsmaßnahmen und Strategien

Konsens bestand darin, dass strategische Debatten allein nicht ausreichen. Es braucht einen doppelten Ansatz: kurzfristig wirksame Maßnahmen umsetzen und parallel eine verbindliche Gesamtstrategie entwickeln, die nicht an Ressortgrenzen scheitert. Diese muss mit klaren Steuerungs- und Koordinationsbefugnissen ausgestattet sein, ihre Steuerung sollte idealerweise im Bundeskanzleramt liegen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass der oft gegen Präventionsmaßnahmen in Stellung gebrachte Vorwurf der Bevormundung einer differenzierten Betrachtung bedarf. Viele Maßnahmen, die als Eingriffe in individuelle Freiheit bezeichnet werden, eröffnen tatsächlich neue Handlungsspielräume. Prävention bedeutet in erster Linie, gesundes Verhalten überhaupt möglich und einfach und attraktiv zu machen. Denn Gesundheitsverhalten ist häufig nicht das Ergebnis freier und informierter Entscheidungen, sondern stark durch Umwelt, Preise und Verfügbarkeit geprägt.

Maßnahmen wie Tempolimits oder Steuererhöhungen auf ungesunde Produkte sind zwar politisch umkämpft, sie sind aber sehr wirksam, und sie können positive Signale der Wertorientierung setzen. Sie haben zudem ein hohes Potenzial zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit, weil sie strukturelle Bedingungen verändern — im Gegensatz zu rein individuellen Maßnahmen, die soziale Ungleichheiten oft noch verstärken.

Auch aus liberaler Sicht sind präventive Maßnahmen nicht freiheitsfeindlich, sondern freiheitsfördernd, weil sie Menschen vor vermeidbaren Gesundheitsrisiken schützen und ihnen neue Möglichkeiten eröffnen. Das verbreitete Framing von „Bevormundung“ greift daher fachlich zu kurz: Viele dieser Maßnahmen erweitern reale Handlungsspielräume und damit tatsächliche Freiheit, statt sie einzuschränken.

Übrigens sind nicht nur Steuererhöhungen eine mögliche, intelligente Umsetzung des Prinzips „Durch Steuern steuern“. Auch Steuererleichterungen können und sollten hier eingesetzt werden, beispielsweise bei Obst und Gemüse. Entscheidend ist: Politische Steuerung muss konsequent an gesundheitlichen Zielen ausgerichtet werden — über Preise, Infrastruktur und Regulierung.

Nicht zuletzt können Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung ganz konkret Leben retten. Als Beispiele wurde hier auf die bei ihrer Einführung in den 1970er-Jahren höchst umstrittene Gurtpflicht und auf den Erfolg der Tempo-30-Stadt Helsinki, die im Jahr 2025 null Verkehrstote hatte, verwiesen.

Zentrale Ergebnisse der Diskussion:
  • Der Abbau gesundheitlicher Ungleichheit sollte im Zentrum der Präventionspolitik stehen.
  • Gesund zu leben darf keine tägliche Kraftprobe sein - ist aber für viele Menschen in prekären Lebenslagen Realität. Maßnahmen müssen unterschiedliche Ausgangslagen systematisch berücksichtigen.
  • Menschen in prekären sozialen Lagen müssen an der Entwicklung von Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen beteiligt werden. Prävention gelingt nur partizipativ.
  • In der Prävention müssen individualisierte Ansätze und verhältnisorientierte Maßnahmen konsequent zusammengedacht werden - mit einem klaren Fokus auf die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebenswelten (Settings).
  • Wir brauchen eine ressortübergreifende Public-Health-Strategie mit einer verbindlichen Governance-Struktur.
  • Es wird angeregt, Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung, Lärm und Verkehrsgestaltung künftig im Public Health Index zu berücksichtigen.
  • Steuern und Anreize sind zentrale Instrumente, um gesunde Entscheidungen nach dem Motto “Make the healthy choice the easy choice” zu einfacheren Entscheidungen zu machen.
  • Maßnahmen zur Eindämmung gesundheitsgefährdender Produkte schützen insbesondere vulnerable Gruppen (z.B. Kinder).
  • Co-Benefits - etwa für Wirtschaft, Sozialstaat oder Demokratie - müssen stärker herausgestellt werden, um die politische Umsetzung zu erleichtern.
  • Breite Bündnisse sind notwendig - inklusive Arbeitgebenden und arbeitgebernaher Ökonominnen und Ökonomen.
  • Gesundheitsförderung ist auch Demokratieförderung. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer diversen Einwanderungsgesellschaft ist sie von zentraler Bedeutung.
  • Die Public-Health-Community muss stärker in den Dialog mit andersdenkenden Akteuren treten, um tragfähige Mehrheiten zu erreichen.

Ein zentrales Hindernis bleibt die politische Kommunikation: Deutschland verfügt über ein schwach ausgeprägtes Public Health-Verständnis und über keine gemeinsame Erzählung, die Gesundheit als gesamtgesellschaftlichen Wert vermittelt. Viele Diskussionen verlaufen entlang ideologischer Linien — etwa zwischen Gleichheit und Eigenverantwortung — statt Brücken zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bauen.

Hinzu kommt: Zwar fließen im Rahmen von §20 SGB V bereits Mittel in settingorientierte Ansätze, gleichzeitig setzen die bestehenden Anreizstrukturen im Gesundheitswesen aber weiterhin stärkere Impulse für individual- und risikoorientierte Präventionsangebote (z. B. Check-Ups, Früherkennungsuntersuchungen oder biomarkerbasierte Diagnostik) als für strukturelle gesundheitsförderliche Maßnahmen. Auch das erschwert die politische Umsetzung wirksamer Prävention.

Erfolgreiche Nachbarländer setzen hingegen auf breite politische Bündnisse und auf positive Narrative: Prävention als Investition in die Tragfähigkeit unseres Gesundheitssystems und unseres Sozialstaatsmodells, in die Funktionsfähigkeit unserer Wirtschaft oder auch in den Kinderschutz. Wenn wir politische Mehrheiten erreichen wollen, müssen wir stärker strategisch argumentieren — nicht nur normativ. Es ist nicht entscheidend, dass Maßnahmen aus den „richtigen“ Gründen umgesetzt werden, sondern dass sie überhaupt umgesetzt werden.

Die politische Kommunikation könnte noch stärker die Co-Benefits erläutern: Was gewinnt die Politik ganz konkret, wenn evidenzbasierte Gesundheitsmaßnahmen umgesetzt werden? Eine Zuckersteuer mit hohen Zustimmungsraten in der Bevölkerung oder die Gestaltung öffentlicher Räume als Beitrag zur Demokratieförderung sind Beispiele dafür.

Public Health braucht nicht nur Evidenz, sondern auch strategisch überzeugende politische Argumente.

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  • 27.10.2026 - 28.10.2026

    Essen

    65. DHS Fachkonferenz Sucht

    "Öffentlicher Raum und verborgene Welten"

    Durch Drogenkonsum im öffentlichen Raum und die damit verbundene Verelendung werden Abhängigkeitserkrankungen als gesellschaftliches Problem immer augenfälliger. Die sichtbaren Folgen, etwa in Parks, an Bahnhöfen oder in Wohnvierteln, stellen Bund, Länder und Kommunen vor besondere Herausforderungen. Abhängigkeit - von illegalen wie von legalen Drogen - und abhängiges Verhalten ist zwar weit verbreitet, aber dennoch oft tabuisiert. Mit schwerwiegenden Konsequenzen: Viele Betroffene suchen aus Angst vor Stigmatisierung keine Hilfe. Der "Treatment Gap" wächst, besonders durch digitale und verborgene Abhängigkeitsformen. Auch Angehörige und Kinder bleiben oft unsichtbar. Unter dem (Arbeits-)Titel "Öffentlicher Raum und verborgene Welten" thematisiert die 65. DHS Fachkonferenz SUCHT vom 27. bis 28. Oktober 2026 dieses Spannungsfeld. An den beiden Konferenztagen möchten wir Raum für umfassende Information, intensiven Austausch und praktische Vernetzung bieten – auch zur wachsenden Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Veranstaltung findet im Haus der Technik in Essen statt. 

    Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Kategorie: Fachkonferenz
    Veranstalter: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
  • 06.11.2026

    Online via Webex

    Wie alt fühlst Du dich? Und welchen Einfluss hat das auf Deine Gesundheit?

    Die Forschung zeigt: Altersbilder begleiten uns ein Leben lang. Sie entstehen früh, beeinflussen unser Verhalten und prägen sogar, wie wir selbst älter werden. Doch wie können wir negative Altersstereotype überwinden und zu einem differenzierteren Blick auf das Alter gelangen?

    Darüber sprechen wir beim nächsten LGK-Talk „Alt sind immer die anderen?! – Wie Altersbilder unsere Gesundheit beeinflussen und wie wir unsere Vorstellungen vom Alter(n) verändern können“ mit Dr.in Antje Rauers (Friedrich-Schiller-Universität Jena), PD Dr. David Weiss (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Dr.in Aline Schönenberg (Universitätsklinikum Jena). Freuen Sie sich auf spannende Erkenntnisse, neue Denkanstöße und einen frischen Blick auf das Älterwerden!

    Mehr Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier. Eine Anmeldung ist bis zum 30 Oktober 2026 möglich.

    Kategorie: Gesprächsrunde
    Veranstalter: LGK Thüringen
  • Hannover

    Gemeinsam Wege aus der Gewalt

    Wenn Konflikte bei Kindern und Jugendlichen kippen

    Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, gewaltfrei aufzuwachsen. Doch das Thema Gewalt bei Kindern und Jugendlichen nimmt medial immer mehr Raum ein – sei es durch aktuelle Zahlen der Kriminalstatistik oder durch Vorfälle in der Schule. Auch in Kitas werden mehr Gewaltvorfälle gemeldet. Die Formen von Gewalt sind dabei vielfältig – körperlich, psychisch und auch digital. Die Fachtagung „Gemeinsam Wege aus der Gewalt – Wenn Konflikte bei Kindern und Jugendlichen kippen“ am 12. November 2026 in Hannover geht den Ursachen der zunehmenden Gewaltentwicklung auf den Grund und nimmt dabei die komplexen Ursachen, wie psychische Belastungssituationen, sozioökonomische Herausforderungen und eigene Gewalterfahrungen, in den Blick. Was kann bereits in der Frühförderung in den Kitas angebahnt werden? Wie kann Schule mit diesen Herausforderungen umgehen? Welche langfristigen Auswirkungen haben Gewalterfahrungen auf die psychische Gesundheit? Und welche Ansätze gibt es, um digitaler Gewalt resilient zu begegnen? Die Veranstaltung findet in der Ärztekammer Niedersachsen statt.

    Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Kategorie: Veranstaltung
    Veranstalter: Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V.

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