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Aktuelles

Artikel und Meldungen im Überblick

Alter und soziale Ungleichheit – eine Herausforderung für Kommunen

  • Rudolf Herweck , Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) e.V.
  • Angela Fehr , Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V. (GVG)
28.07.2014

Soziale Ungleichheiten be­ein­flus­sen auch die Ge­sund­heit älterer Menschen. Mit zielgruppen- und settingspezifischem Vorgehen kön­nen Kom­mu­nen zum Aus­gleich sozialer Ungleichheiten und zur erfolgreichen Um­set­zung des nationalen Ge­sund­heitsziels „Gesund älter wer­den“ bei­tra­gen.

„Gesund älter wer­den“: Ein nationales Ge­sund­heitsziel

„Gesund älter wer­den“ wurde im Jahr 2012 als siebtes und jüngstes nationales Ge­sund­heitsziel verabschiedet. Ge­sund­heitsziele sind im Kon­sens entwickelte Vereinbarungen der Akteure im Ge­sund­heitssystem und da­rü­ber hinaus, die im Ko­o­pe­ra­ti­ons­ver­bund gesundheitsziele.de zusammen­geschlossen sind. Seit fast 14 Jahren en­ga­gie­ren sich mehr als 120 Organisationen bei gesundheitsziele.de. Die Be­tei­lig­ten am Ge­sund­heitsziele-Prozess ge­hen Selbstverpflichtungen zur Um­set­zung der Ge­sund­heitsziele in ihren Verantwortungsbereichen ein.

Das nationale Ge­sund­heitsziel „Gesund älter wer­den“ gliedert sich in drei Handlungsfelder und in 13 Einzelziele. Handlungsfeld I befasst sich mit Ge­sund­heits­för­de­rung, Prä­ven­ti­on und dem Er­halt der Au­to­no­mie für ältere Menschen. Handlungsfeld II betrachtet die ge­sund­heit­liche, psychosoziale und pflegerische Versorgung, Handlungsfeld III widmet sich besonderen Herausforderungen. Hierbei geht es um ältere Menschen mit Be­hin­de­rung­en, die psychische Ge­sund­heit älterer Menschen, Demenzerkrankungen, Multimorbidität so­wie Pflegebedürftigkeit.

Al­ter und soziale Ungleichheit

Signifikante Zusammenhänge zwi­schen ungünstigen sozioökonomischen Be­din­gung­en und schlechterer Ge­sund­heit sind bis ins hohe Al­ter be­legt.1 In zahlreichen Ländern (USA, Groß­bri­tan­ni­en, Skan­di­na­vi­en, Deutsch­land) konnten Zusammenhänge zwi­schen Mor­bi­di­tät (Häufigkeit von Hüftfrakturen, subjektive Ge­sund­heit, An­zahl chronischer Krank­heit­en, Funktionsverlust), Mor­ta­li­tät und sozioökonomischen Indikatoren (durchschnittliches Einkommen im Wohnbezirk, Einkommen, Bildungsstatus, Vermögen, Hausbesitz) gezeigt wer­den.2 Für Deutsch­land stellten Lampert et al.3 fest, dass Männer mit 0-60% des durchschnittlichen Einkommens ge­gen­über der höchsten Einkommensgruppe (über 150% des durchschnittlichen Einkommens) ei­ne um 10,8 Jahre reduzierte Le­bens­er­war­tung haben. Die gesunde Le­bens­er­war­tung von Frauen in der niedrigsten Einkommensgruppe ist im Vergleich zu Frauen in der höchsten Einkommensgruppe um 9,2 Jahre reduziert. Zwar sind ältere Menschen heutzutage gesünder als frühere Generationen und die Zeit, die wir in Krank­heit oder Be­hin­de­rung verbringen, hat sich - bei gleichbleibender oder verlängerter allgemei­ner Le­bens­er­war­tung - verkürzt. Von die­ser als „compression of morbidity“ bezeichneten Ent­wick­lung profitieren un­te­re Schich­ten al­ler­dings deut­lich weniger.4

Was kön­nen Kom­mu­nen tun?

Krankheitsgeschehen und Alterungsprozesse sind be­ein­fluss­bar. Dies betrifft auch, aber nicht nur, die medizinische und pflegerische Versorgung älterer Menschen. Ebenso wie ungünstige Umwelt- oder Lebensverhältnisse die Ge­sund­heit älterer Menschen verschlechtern, wir­ken günstige Be­din­gung­en gesundheitsförderlich. Erforderlich für ei­ne Ge­sund­heits­för­de­rung sind Kon­zepte, die an den Lebenswelten älterer Menschen an­set­zen und ins­be­son­de­re Ri­si­ko­grup­pen in den Blick neh­men. AGNES, Aktivierende Ge­sund­heits­för­de­rung durch nachbarschaftliches En­ga­ge­ment im Stadt­teil, ist ei­nes von zahlreichen Bei­spielen für die Um­set­zung der Teilziele von „Gesund älter wer­den“. Das Pro­jekt wurde von 2009 bis 2012 vom BMBF als Modellprojekt im Stadt­teil Leip­zi­ger Osten durchgeführt. Ein Ge­sund­heitsladen mit kostenloser Sozial-, Pfle­ge- und Wohnungsberatung diente als Anlaufpunkt mit Fo­kus auf so­zi­al benachteiligte Ältere und Ältere mit Migrationshintergrund. Ver­an­stal­tung­en informierten zu Themen wie Er­näh­rung und Sturzprävention, Treffen und Kur­se stärkten das En­ga­ge­ment der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und ih­re Verankerung in der Nach­bar­schaft. Das Netz­werk „Seniorenarbeit im Leip­zi­ger Osten“ mit Vertreterinnen und Vertretern aus Verei­nen und so­zi­alen Ein­rich­tung­en, der Stadt­ver­wal­tung und der Wohnungswirtschaft, setzten den begonnenen Aus­tausch nach En­de des Pro­jektes fort.5

Gesellschaftliche Teil­ha­be trägt zur Gesunderhaltung und zur Le­bens­qua­li­tät bei.6 Durch entsprechende kommunale Unterstützungs- und Bil­dungsangebote kön­nen ältere Menschen zu ehrenamtlichen, politischen oder sportlichen Aktivitäten ermutigt wer­den. Dabei be­din­gen Teil­ha­be und Mobilität sich wech­sel­sei­tig. Barrierefreie Woh­nung­en, öffentlicher Personennahverkehr, die bewegungsförderliche Ge­stal­tung des öffentlichen Raums, ausgestattet mit Parks, mit Ruhemöglichkeiten und mit öffentlichen Toiletten, för­dern die Mobilität und die Teil­ha­be älterer Menschen. Ein Bei­spiel da­für ist das Modellprojekt WohnQuartier4 - „Die Zu­kunft altersgerechter Quartiere ge­stal­ten“, das aus Mitteln der Stif­tung Wohl­fahrts­pfle­ge NRW gefördert wird. An zwei Standorten, in Es­sen und Rem­scheid, set­zen die Kooperationspartner HOCHTIEF Construction AG, Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordrhein und Diakonisches Werk Rhein­land ein Kon­zept um, wel­ches die vier Faktoren Wohnen/Wohnumfeld, Ge­sund­heit/Ser­vice/Pfle­ge, Par­ti­zi­pa­ti­on/Kom­mu­ni­ka­ti­on und Bil­dung/Kunst/Kul­tur in­te­griert. Das Pro­jekt zielt auf die Durch­füh­rung kleinräumig angelegter Sozialplanung und Praktizierung quartiersbezogener partizipativer Arbeitsansätze, bei de­nen ältere Menschen be­son­ders angesprochen und einbezogen wer­den.

Ausblick

Kommunen kön­nen ei­nen wesentlichen Bei­trag da­zu leis­ten, älteren Menschen mehr Mobilität, mehr Teil­ha­be, mehr Selbst­stän­dig­keit und so­mit mehr Ge­sund­heit zu er­mög­li­chen. „Gesund älter wer­den“ als nationales Ge­sund­heitsziel bietet ei­ne Fül­le von An­re­gung­en, Maß­nah­men und Umsetzungsvorschlägen für kommunale Aktivitäten. Wünschenswert wä­re die Fest­le­gung ei­nes Leitbilds oder die Er­ar­bei­tung ei­nes Gesamtkonzepts ei­ner gesundheitsförderlichen Politik für und mit älteren Menschen. Die Ein­be­zie­hung älterer Menschen in kommunale Pla­nung­en (Be­fra­gung­en, Monitoring, partizipative Sozialplanung) ist von großer Be­deu­tung für das Gelingen ei­nes solchen Gesamtkonzeptes.

Literaturangaben

1 Ben-Shlomo Y. Rising to the challenges and opportunities of life course epidemiology. International Journal of Epidemiology. 2007; 36:482-483.; Breeze E. Health inequalities in old age in Britain. In: Dangour A, Grundy E, Fletcher A, editors. Ageing well. Nutrition, health, and social interventions. London: CRC Press; 2007. S. 85-126; Nicholson A, Bobak MM, Michael Rose R, Marmot M. Socioeconomic influences on self-rated health in Russian men and women - a life course approach. Social Science & Medicine. 2005; 61:2345-2354.

2 Avlund K, Damsgaard MT, Osler M. Social position and functional decline among non-disabled old men and women. European Journal of Public Health. 2004; 14(2):212-216; Bacon WE, Wilbur CH. Occurrence of hip fractures and socioeconomic position. Journal of Aging and Health. 2000; 12(2):193-203; Berkman CS, Gurland BJ. The relationship among income, other socioeconomic indicators, and functional level in older persons. Journal of Aging and Health. 1998; 10(1):81-98.

3 Lampert T, Kroll LE, Dunkelberg A. Soziale Ungleichheit der Lebenserwartung in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte. 2007; (42):11-18.

4 Kroll LE, Lampert T, Lange C, Ziese T. Entwicklung und Einflussgrößen der gesunden Lebenserwartung. Berlin: WZB-Discussion-Paper; 2008.

5 Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO). Gesund älter werden. Initiativen und Projekte zur verbesserung der Lebensqualität und der Gesundheit älterer Menschen. Publikation Nr. 36, 2013

6 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Beitrag der älteren Menschen zum Zusammenhalt der Generationen. Berlin: Deutscher Bundestag; 2006.; Wilson J. Volunteering. Annu. Rev. Sociol. 2000. 26:215-40.

Sie fin­den Faktenblätter zum The­ma "Gesund älter wer­den" auf der Webseite www.gesundheitsziele.de in der lin­ken Na­vi­ga­ti­on un­ter Nationale Gesundheitsziele > Gesund älter wer­den.

Laden Sie die Faktenblätter zu den 13 Gesundheitszielen herunter (externe Links):

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  • Online via Webex

    Town Hall für Gesundheitsämter "Demokratieförderung und resiliente Strukturen im öffentlichen Gesundheitsdienst"

    Die Gesundheitsförderung steht vor der Herausforderung, auch in einem gesellschaftlichen Klima zunehmender Polarisierung, Desinformation, der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse und populistischer Tendenzen handlungsfähig zu bleiben. Diese Entwicklungen stellen nicht nur demokratische Institutionen, sondern auch die Praxis der Gesundheitsförderung vor erhebliche Herausforderungen. Zentrale Werte und Prinzipien wie gesellschaftlicher Zusammenhalt und Verständigung, Rechtsstaatlichkeit, Faktenorientierung, Teilhabe, Solidarität und Chancengleichheit, auf denen Gesundheitsförderung beruht, geraten zunehmend unter Druck und werden verstärkt in Frage gestellt. Die Folgen sind vielfältig: Sie reichen von der Instrumentalisierung gesundheitsförderlicher Aktivitäten über die Kürzung oder Streichung von Fördermitteln bis hin zu Anfeindungen gegenüber gesundheitsförderlichen Projekten und Einschüchterungsversuchen gegenüber den dort tätigen Fachkräften. Diesen Herausforderungen wollen wir uns stellen und gemeinsam mögliche Lösungen austauschen und diskutieren.

    Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

    Kategorie: Veranstaltung
    Veranstalter: BIÖG
  • Berlin

    Fachtag: Generationengerechtigkeit ausbuchstabiert

    Kinder- und Jugendhilfe und Seniorenorganisationen im Dialog Generationengerechtigkeit

    Generationengerechtigkeit ist in aktuellen politischen Debatten zu einem zentralen Begriff geworden. Häufig wird er jedoch verkürzt verwendet: als moralisches Argument in der Haushalts-, Finanz- oder Rentenpolitik, etwa in Diskussionen über Neuverschuldung oder die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass Generationengerechtigkeit weit mehr umfasst als finanzpolitische Abwägungen. Eine solche Engführung kann Generationenkonflikte eher verstärken, statt gemeinsame Interessen sichtbar zu machen und die tatsächlichen Ursachen von Ungerechtigkeit zu benennen.

    In dieser Veranstaltung bieten die Organisationen des Hauses der Jugendarbeit und Jugendhilfe e.V. und die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. ein Forum, um gemeinsam mit den Teilnehmenden den Begriff der Generationengerechtigkeit in unterschiedlichen politischen und sozialen Themenfeldern zu vertiefen und das Verbindende zwischen den Generationen herauszuarbeiten.

    Die Anmeldemöglichkeit folgt nach der Sommerpause. Bitte beachten Sie bereits jetzt, dass die Teilnahme kostenpflichtig ist. Der Teilnahmebeitrag beträgt 10,00 Euro pro Person; die Teilnehmendenzahl ist begrenzt. Weitere Informationen finden Sie hier.

    Kategorie: Fachtagung
    Veranstalter: Hauses der Jugendarbeit und Jugendhilfe e.V. und BAGSO
  • 14.10.2026

    Berlin

    Gesundheit x Mobilität – Radverkehr als Investition in unsere Zukunft

    ADFC-Symposium 2026

    Die Veranstaltung bringt Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung, Gesundheitswesen, Stadtentwicklung und Zivilgesellschaft zusammen, die Mobilität gesünder, gerechter und zukunftsfähiger gestalten wollen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Fahrrad noch stärker als Hebel für Gesundheit, Lebensqualität und lebenswerte Städte und Gemeinden genutzt werden kann – auf Grundlage aktueller Erkenntnisse, internationaler Beispiele und konkreter Ansätze für die Praxis.

    Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier. Die Teilnahme ist kostenlos.

    Kategorie: Symposium
    Veranstalter: Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V.

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