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Kapitel 2 - Probleme und Ressourcen für ältere Menschen im Quartier erkennen

Für ältere Menschen hat das Wohnumfeld eine große Bedeutung. Mit zunehmendem Alter und stärkeren gesundheitlichen Einschränkungen werden der individuelle Aktionsradius enger und die zu bewältigenden Wege kürzer. Eine wirkungsvolle Förderung der Gesundheit älterer Menschen und Unterstützung ihrer Alltagsbewältigung knüpft daher an ihre lebensweltlichen Bezüge im Quartier an.

Das Quartier als Ort für Gesundheitsförderung

Das Schaubild zeigt, wie vielfaltig Kontakte noch im hohen Alter sein konnen. Die Realitat vieler armer und isoliert lebender alterer Menschen sieht leider anders aus. Wo Geld knapp ist oder die Mobilitat eingeschrankt ist, entscheidet die Infrastruktur des Quartiers, wie vielfaltig die Kontakte im Alltag sind.

Ein wichtiger erster Schritt besteht in einer Bestandsaufnahme der Angebote im Quartier. Hierzu werden Anbieter und Möglichkeiten gesundheitsfördernder Maßnahmen für ältere Menschen recherchiert und in einer Liste zusammengestellt. Für Planungszwecke eignet es sich, die Verteilung der Angebote auch räumlich-visuell mit Hilfe einer Karte und markierten Pinnnadeln dazustellen (nach Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz, 2009, Praxisbeispiel 9, S. 1).

„Ausreichende Ernährung war … kein drängendes Problem für sie. Ihre Schwierigkeiten lagen woanders, sie fühlte sich isoliert und ausgegrenzt, da sie an den Aktivitäten der anderen aus Geldmangel nicht partizipieren konnte. In ihrer ländlichen Region existierte auch keine Infrastruktur, die das hätte ausgleichen können. Die Verkehrsverbindungen waren schlecht und sie war nicht motorisiert. Ihre Misere beschrieb sie so: „Der graue Alltag - das Problem ist der graue Alltag. Es gibt keine Höhen und Tiefen und alles verläuft immer gleich. Das ganze Jahr und darüber hinaus auch. Ich könnte mir vielleicht sogar einmal eine Karte für ein Konzert von meinen Kindern schenken lassen, aber ich käme gar nicht dort hin. Vielleicht hätte ich noch das Geld für die Hinfahrt, aber ich käme nicht mehr zurück. Also bin ich immer hier.“

zitiert nach Richter-Kornweitz, 2009, S. 11

Standortanalyse des Gesundheitsamtes Hamburg Eimsbüttel

Oft sind in einer Kommune bereits Adresslisten mit verschiedenen Angeboten vorhanden. Das Gesundheitsamt Eimsbüttel hat die Abbildung der Angebote auf einer Karte genutzt, sie sortiert und eine Analyse der Maßnahmenstruktur im Stadtteil vorgenommen.

Alle Adressen wurden in einer Liste zusammengefasst und nummeriert. Je nach Inhalt des Angebots erfolgte eine farbliche Zuordnung (z.B. rot für Bewegungsangebote, gelb für soziale und geistig anregende Aktivitäten, grün für Ernährungsangebote, blau für soziale Beratungsangebote). Die Angebote wurden mit farbigen Fähnchen in den Stadtplan eingetragen. Auf diesem wurde die laufende Nummer aus der Liste vermerkt, um so jeder farbigen Markierung das konkrete Angebot zuordnen zu können. Schließlich entstand ein Stadtplan, aus welchem sämtliche Angebote der Umgebung abgelesen werden konnten. Diese Erfassung bildete die Grundlage für weitere Analysen.

Lebensweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung finden auf kommunaler Ebene statt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat daher 2006 das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) beauftragt, eine repräsentative Befragung der Kommunen und Landkreise durchzuführen, um den „Ist-Zustand“ der Gesundheitsförderung und Prävention für die Zielgruppe Seniorinnen und Senioren auf kommunaler Ebene zu erheben. Der größte Anteil der Städte und Gemeinden misst der Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen eine große Bedeutung zu. Erste Schlussfolgerungen für die Seniorenpolitik und die Gesundheitsförderung und Prävention bei älteren Menschen sind in diesem Bericht zusammengefasst und auf den Seiten 60 bis 62 zu finden.

Online Verfügbar unter: www.bzga.de/botmed_60633000.html

Ein gesundheitsförderliches Quartier macht es den Menschen leichter, einen gesunden Lebensstil zu verfolgen. Belastungen im Quartier (z.B. Verkehr, Barrieren, Konflikte) können gesenkt werden. Die Mitwirkung an der Gestaltung des Quartiers und die Einbindung in soziale Netzwerke steigern Selbstwertgefühl und Sinnhaftigkeit und haben damit gesundheitsfördernde Wirkungen. In Heft 2 der Arbeitshilfen „Probleme erkennen - Lösungen finden“ und Heft 3 „Ein Projekt entwickeln“ wurde bereits vorgestellt, in welchen Schritten die gesundheitsförderliche Entwicklung eines Quartiers angegangen werden kann und wer als Partner bei der Unterstützung dieser Prozesse in Betracht kommt.

Im Folgenden werden Erfahrungen aus der Bedarfsanalyse mit älteren Menschen in Quartieren der Sozialen Stadt vorgestellt. Neben Belastungen werden auch Ressourcen vorgestellt, die für diesen Prozess fruchtbar gemacht werden können.

Das Quartier durch die Brille Älterer sehen

Um das Quartier gesundheitsförderlich für Ältere zu gestalten, ist es sinnvoll, den Stadtteil aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Die Identifizierung von Versorgungslücken und Barrieren wird erheblich erleichtert, wenn ältere Menschen direkt nach ihren Wünschen und Vorstellungen gefragt werden (siehe Partizipation, Heft 1, S. 15). Auch die dann folgende Gestaltung von hilfreichen und unterstützenden Alltagsbedingungen im Quartier wird durch die Beteiligung der Bewohner und Bewohnerinnen wirkungsvoller und nachhaltiger.

Gehen Sie in ein Altenheim oder zu einem Seniorentreff und fragen Sie die Betreuenden, welche zwei Älteren mit Ihnen einen Spaziergang machen würden, um Barrieren und Hindernisse zu identifizieren.

Die Teilhabe älterer Menschen an der Entwicklung und Gestaltung von Angeboten ermöglicht „passgenaue“ Projekte und schafft so eine höhere Motivation und Identifikation. Die Teilnehmendenzahlen steigen und eine größere Wirksamkeit von gesundheitlichen Maßnahmen kann erreicht werden. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Bestandsaufnahme zu machen, Sozialraumanalysen, Begehungen, Berollung. Ein guter Einstieg ist die Frage „Wie sieht mein Quartier eigentlich aus Sicht von älteren Menschen aus?“. Dazu ist es sinnvoll, eine Bestandsanalyse mit ihnen zu machen. Aber wie finden sich die Älteren, mit denen man sich das Quartier ansehen kann?

Gerade arme, vereinsamte oder ausgegrenzte Gruppen geraten leicht aus dem Blick. Da sie besondere gesundheitliche Risiken tragen, müssen ihre Belange ausdrücklich Beachtung finden.

Grundsätzlich sollte man an einer Quartiersbegehung möglichst alle im Quartier wohnenden Gruppen älterer (und auch jüngerer) Menschen beteiligen. Die Auswahl hängt daher von der Bewohnerschaft ab. Sind es ältere Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen, sollte man versuchen, möglichst viele Nationalitäten zu beteiligen. Gibt es große Einkommens- oder Bildungsunterschiede, sollte auch das bei der Auswahl der Teilnehmenden berücksichtigt werden. Dabei muss auch auf schwer erreichbare Zielgruppen zugegangen und ihnen die Wichtigkeit ihrer Meinung verdeutlicht werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich vor allem die ohnehin schon engagierten und mit guten Ressourcen ausgestatteten Bewohnerinnen und Bewohner beteiligen.

Beispiele für Belastungen im Quartier

Vor allem in sozial benachteiligten Stadtquartieren kann es auf Grund von mangelhafter Infrastruktur, physischen und psychischen Barrieren, Nachbarschaftskonflikten und Umweltbelastungen zu zusätzlichen Erschwernissen für die Bewältigung des Alltags kommen. Dies kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit älterer Menschen haben.

Mangelhafte Infrastruktur

Reine Wohnquartiere (z.B. Wohngebiete ohne Geschäfte, Gesundheitseinrichtungen, Beratungsstellen, Kultureinrichtungen) zwingen ihre Bewohner und Bewohnerinnen dazu, ihre täglichen Erledigungen in anderen Gegenden zu tätigen. Ältere Menschen, die selbst nicht mehr Auto fahren, sind abhängig von Bus, Bahn und Taxi oder von privaten Fahrdiensten durch Bekannte und Verwandte, bzw. von Bringdiensten. Damit steigen ökonomische und soziale Belastungen sowie die Gefahr, dass Ältere auf die Fahrten ganz verzichten und sich in die eigene Wohnung zurückziehen. Darüber hinaus sind die öffentlichen Räume in reinen Wohngebieten im Allgemeinen weniger belebt als die Straßen und Plätze in gemischten Quartieren. Öffentliches Leben nimmt ab, das Gefühl von Unsicherheit steigt und die Angst vor Übergriffen nimmt zu.

Barrieren im Wohnumfeld/Verkehr

Öffentliche Einrichtungen, die nicht schwellenfrei zugänglich sind, Bordsteine, die nicht abgesenkt sind und Über- oder Unterführungen, die nur über Treppen zu nutzen sind, stellen für ältere Menschen mit Gehhilfe, Rollator oder Rollstuhl kaum zu bewältigende Hindernisse dar. Auch stark befahrene Straßen ohne sichere Fußgängerüberquerung, zu kurze Ampelphasen, geparkte Autos auf Gehwegen und Übergängen sowie die Ausweisung von Radwegen auf Bürgersteigen steigern die Unsicherheit älterer Menschen im öffentlichen Raum und bilden Barrieren bei täglichen Wegen. Eine schwellenarme Gestaltung und die Steuerung des ruhenden und fahrenden Verkehrs erleichtern nicht nur älteren Menschen, sondern auch Kindern oder Eltern die Nutzung des öffentlichen Raumes.

Umweltbelastungen

Nicht nur für ältere Menschen, sondern für Menschen aller Altersgruppen bilden Lärm, Luftverschmutzung oder Müll im öffentlichen Raum eine Belastung in ihrem Wohnalltag. Wie auch bei Nachbarschaftskonflikten sind ältere Menschen wegen ihrer teilweise engen Aktionsräume den Belastungen stärker ausgesetzt und verfügen im Allgemeinen über weniger Ausweichmöglichkeiten. Unangenehme Veränderungen in der Nachbarschaft werden von langjährigen älteren Bewohnern und Bewohnerinnen häufig als Zeichen des Niederganges eines Quartiers interpretiert. Solchen negativ wahrgenommenen Veränderungen hilflos ausgeliefert zu sein, verstärkt das Gefühl, dem Leben nicht mehr gewachsen zu sein und entmutigt bei der Alltagsbewältigung.

Nachbarschaftskonflikte

Konflikte im Wohnhaus und im Quartier stellen für ältere Menschen eine immense Belastung dar. Da sie im Allgemeinen einen großen Teil ihrer Zeit in der eigenen Wohnung und ihrem Wohnumfeld verbringen, sind sie den Konflikten unmittelbar und andauernd ausgesetzt. Die psychische Belastung durch nachbarschaftlichen Streit, das Bewusstsein, durch die Nachbarn und Nachbarinnen im Notfall keine Hilfe zu erhalten, bis hin zur Angst vor Bedrohung und Gewalt durch andere Bewohner und Bewohnerinnen im Quartier beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Unsicherheit durch häufigen Bewohnerwechsel und Angst vor den Veränderungen, die neue Nachbarn und Nachbarinnen mit sich bringen, können zu Rückzug führen oder Streit fördern.

Bürgerbeteiligung Lindau-Zech

Die Bürgerbeteiligung Lindau-Zech ist eine Stadtteilinitiative in Bayern. Sie arbeitet in einem sozial benachteiligten Viertel der Kleinstadt Lindau (24.000 Einwohner), welches ursprünglich auch baulich in einem desolaten Zustand war. Zech hat ca. 1.650 Einwohner, davon ca. 30 Prozent mit Migrationshintergrund (wenig Ältere in dieser Gruppe) und einem sehr hohen Anteil älterer deutschstämmiger Bewohner (31 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner sind über 60-Jährige).

Eine Polarisierung zwischen Ausländerfamilien und den älteren Deutschen war u.a. Anlass für die Initiierung des Projektes. Die Auftaktveranstaltung des Bürgertreffs wurde von rund 150 Bewohnerinnen und Bewohnern besucht. Unter Beteiligung aller involvierten Akteure (Wohnungsunternehmen, Oberbürgermeisterin, Stadtverwaltung usw.) konnten die Anliegen und Projektideen der Bewohnerinnen und Bewohner mit diesen erörtert werden. So wurde zweimal wöchentlich von Migrantinnen ein Mittagstisch für 60-70 Personen organisiert, der stark von Kindern und Älteren genutzt wurde. Ein Sonntagskaffee für Alt und Jung wurde abwechselnd durch die älteren Deutschen und durch die Migranten organisiert.

Ältere übernahmen Hausaufgabenbetreuung für Kinder. Ein Bürgerrat zur Vernetzung der Institutionen und Bürgerbeteiligung wurde gegründet.

Für Ältere und ihre Gesundheit bedeutsam waren die Themen Versorgung und neue Wohnformen. Die Schule beteiligte sich mit Anti-Gewalt- und Konflikttraining und stellte die Turnhalle für andere Gruppen zur Verfügung. Eine selbst organisierte Gruppe Seniorengymnastik entstand.

Weitere Informationen hierzu unter www.leben-in-zech.de/soziale-stadt/

Ressourcen erschließen

Das Ziel quartiersbezogener Aktivitäten der Gesundheitsförderung und Prävention sollte darin bestehen, vorhandene Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen und dabei auch den älteren Menschen bewusst zu machen, über welche Potenziale sie verfügen. Schließlich können gerade ältere Menschen, die schon lange in einem Quartier wohnen, Erinnerungen bewahren, Traditionen überliefern und so die lokale Identität stärken. Die Erfahrungen aus ihrem Berufsleben, ihrem Alltagsleben und durchlebten Krisen bilden ein Potenzial, das nicht nur ihnen, sondern auch ihren (jüngeren) Nachbarn und Nachbarinnen bei der Alltagsbewältigung helfen kann. Lebenserfahrung ist, ebenso wie verfügbare Zeit, eine wichtige Ressource älterer Menschen.

Die zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie die lokalen oder individuellen Defizite unterscheiden sich von Quartier zu Quartier, bzw. von Person zu Person erheblich. Aus diesem Grund ist eine enge Vernetzung der Akteure vor Ort, das Gespräch mit den alten Menschen im Quartier und die Offenheit für die Weiterentwicklung des Bestehenden grundlegend für eine nachhaltige Gesundheitsförderung. Im nächsten Kapitel wird im Abschnitt „Infrastruktur und Netzwerke“ auf diesen Aspekt eingegangen.

Schlüsselpersonen im Quartier

Besonders wichtig sind Schlüsselpersonen, d.h. Menschen aus der Nachbarschaft, die im Quartier gut vernetzt und anerkannt sind. Sie kennen die Probleme vor Ort und sind bereit, sich für die Weiterentwicklung des Quartiers einzusetzen. Im Allgemeinen verfügen sie über bessere oder andere Ressourcen als ihre Nachbarn und Nachbarinnen und nehmen deshalb eine einflussreiche Stellung im Wohnumfeld ein. Zu den Ressourcen zählzum Beispiel Erfahrungen in der Beantragung von Leistungen, bessere Sprachkenntnisse oder schriftliche Ausdrucksmöglichkeiten, eine bessere Mobilität, handwerkliche Fähigkeiten oder eine hohe soziale Kompetenz. Diese Personen zu identifizieren und sie an der Planung und Durchführung von Angeboten zu beteiligen, sollte ein grundlegendes Anliegen von Anbietern gesundheitsförderlicher Maßnahmen sein.

Der türkische Inhaber eines kleinen CopyShops hat für die älteren Leute im Haus die Funktion einer kleinen Sozialberatungsstelle. Er hilft, wenn es mal mit Einkäufen schwierig ist oder vermittelt Kontakt zu Beratungsstellen. So vermittelte er den Hausbesuch einer Beraterin, als es darum ging, für einen älteren krebskranken Mann eine neue geeignete Wohnung zu finden.

Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum
Adalbertstraße

„Die Tätigkeit im Ehrenamt ist für mich wichtig. Aber ein solches muss man sich leisten können, z.B. die teuren Fahrtkosten.“

(zitiert nach Kuratorium
Deutsche Altenhilfe. 4/2009. S. 28)

„Als Gesellschaft verschätzt man sich schnell in den Potenzialen und Ressourcen eines Menschen. Eine ältere Migrantin ist Analphabetin und hat schlechte Deutschkenntnisse. Aber sie ist es eben gewohnt sich mit Leuten, egal welcher Nationalität, zu verständigen. In der Seniorenstätte ist sie immer zuständig für die Gästebegrüßung. Da muss man nicht fließend Deutsch sprechen. Das ist mehr eine Frage der Persönlichkeit.“

Filiz Müller-Lenhartz,
AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße

Ehrenamt als lokale Ressource

Ehrenämter können helfen, Potenziale und Ressourcen älterer Menschen zur Gestaltung ihres Quartiers zu erschließen. Zugehörigkeit zu erleben, eine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit auszuführen, das Erleben von Kompetenz, Teilhabe und Anerkennung ist in jedem Lebensalter von großer Bedeutung für die psychische Gesundheit. Die Möglichkeit, lebenslang erworbenes Wissen einbringen zu können und Anerkennung zu erhalten, schafft zivilgesellschaftliches Engagement. In vielen Quartieren gibt es zahlreiche spannende Aufgaben und Möglichkeiten für Ältere, sich einzubringen. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden häufig mit Menschen aus Mittel- oder Oberschicht in Verbindung gebracht.

Entscheidend für ehrenamtliche Tätigkeiten sind jedoch nicht formale Bildung und Kompetenzen, sondern das Zusammenpassen von Aufgabe und Person. Sozial benachteiligte Ältere bringen wie ältere Menschen aus gehobenen Milieus Kompetenzen und milieuspezifisches Expertenwissen in vielen Bereichen mit. In bestimmten Kontexten sind sie erfolgreicher als Ehrenamtliche anderer Schichten, z.B. weil sie auf Augenhöhe kommunizieren können, weniger Berührungsängste haben und/oder ein größeres Verständnis für die Lebenssituation anderer sozial Benachteiligter mitbringen.

Die verschiedensten Gründe können für ehrenamtliche Tätigkeiten motivieren, wie ein Bedürfnis nach sozialer Anbindung und Anerkennung, Sinnerfüllung durch das Gefühl „gebraucht zu werden“, soziales und politisches Selbstverständnis und eine Hilfemotivation. Auch der Kompetenzerwerb und/oder die Anwendung von vorhandenem Fachwissen können von Bedeutung sein.

Ehrenamt braucht gute Rahmenbedingungen

Bei der Ansprache von (älteren) Menschen, die man fürs Ehrenamt gewinnen möchte, sind folgende Aspekte wichtig: Die Aufgabe und die gewünschte Qualifikation müssen deutlich werden, dementsprechend ist eine genaue Aufgabenbeschreibung zu erstellen: Dort sollten die Tätigkeiten der Ehrenamtlichen ausführlich beschrieben werden und die Rahmenbedingungen innerhalb der Organisation oder Einrichtung berücksichtigt werden. Dies begünstigt eine eindeutige Festlegung des Zuständigkeitsbereichs der Ehrenamtlichen. Die Abgrenzung zu hauptamtlich Tätigen sollte deutlich definiert sein.

Motive fürs Ehrenamt

Frau Lange ist 82 Jahre alt und wohnt in einem ehemaligen Seniorenwohnhaus, in dem immer noch viele Ältere leben. Sie organisiert seit zwei Jahren in den dortigen Gemeinschaftsräumen einmal wöchentlich ehrenamtlich eine Bingo-Veranstaltung. Für Frau Lange ist es wichtig, durch ihr Ehrenamt soziale Kontakte zu pflegen und eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Herr Ahmad, 66 Jahre alt, stammt aus einem arabischen Land. Er lebt seit vielen Jahren in Deutschland und ist aufgrund eines Nierenschadens auf besondere medizinische Versorgung angewiesen. Er ist dankbar für die medizinische Unterstützung, der er sein Leben verdankt. Durch sein ehrenamtliches Engagement hat er das Gefühl, anderen Menschen, die weniger gut versorgt sind, zu helfen: Er hat einen Verein mit Ehrenamtlichen gegründet, um medizinische Hilfe in Form von Hilfsmitteln wie Brillen, Rollstühlen etc. zu sammeln, die an bedürftige Menschen in außereuropäische Länder geschickt werden.

Zitiert nach Dr. Kerstin Kammerer, Institut für Gerontologische Forschung e.V.

Checkliste: Aufgabenbeschreibung Ehrenamt

  • Beschreibung der Aufgabe und Bezeichnung, z.B. „Spaziergangspaten“, „Netzwerkkoordinatoren“.
  • Die Arbeitszeit festlegen.
  • Den Arbeitsort festlegen (Ressourcen, die zur Verfügung stehen, z.B. eigener Schreibtisch).
  • Kooperation mit Beschäftigten und Koordination der Einarbeitung Ehrenamtlicher: Es sollte ein Einverständnis hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen geben und sie sollten als Bereicherung wertgeschätzt werden. Das Ehrenamt kostet Zeit und Geld und ist kein Selbstläufer. Es sollte eine kontinuierliche Ansprechperson geben und eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden.
  • Qualifizierung: Supervision, Feedback, Aus- und Weiterbildung: Die Möglichkeit zur Weiterbildung kann ein wichtiger Anreiz für Ehrenamtliche sein und eine Bereicherung für die Einrichtung.
  • Spesenentschädigung: Auslagen (z.B. Fahrtkosten) sollten den Ehrenamtlichen erstattet werden.
  • Den Versicherungsschutz klären. Hinweise dazu gibt z.B. www.freiwillig.info oder www.bagso.de
  • Berücksichtigung individueller Interessen und Bedürfnisse der Ehrenamtlichen. Freiwillige sollten an der Gestaltung ihrer Arbeitsbedingungen teilhaben können.

Im Rahmen des Modellprojekts „Erfahrungswissen für Initiativen“ EFI wurden in zehn Bundesländern ältere Menschen für ehrenamtliches Engagement qualifiziert. Lokale Einrichtungen für bürgerschaftliches Engagement, z.B. Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen und Selbsthilfekontaktstellen unterstützen diese senior Trainerinnen und - Trainer in ihrem Engagement. Weitere Informationen und die Broschüre „seniorTrainerin engagiert im Gemeinwesen“ finden Sie unter www.stmas.bayern.de/senioren/aktive/efi.php

Wichtig für die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen sind zudem offene Kommunikationsstrukturen, Orientierung am Dialog, Bürgernähe und Barrierefreiheit. Die Qualifizierung von Engagierten erhöht ihre Wirkungsmöglichkeit und ist Form gesellschaftlicher Anerkennung (vgl. www.bagso.de).

Wichtig ist auch, dass eine Anerkennungskultur für ehrenamtliches Engagement besteht. Es gibt viele Unterstützungsleistungen auch von Älteren, z.B. für den Nachbarn oder die Nachbarin einkaufen zu gehen oder der alten Frau morgens die Zeitung mitzubringen. Hier sollte man sich Gedanken machen, wie so etwas öffentlich gemacht und damit auch „beworben“ werden kann.

Checkliste: Ehrenamtliche werden gewonnen über

  • Öffentlichkeitsarbeit, z.B. Artikel über das Projekt mit Aufruf in lokalen Medien
  • Freiwilligenagenturen
  • „Soziales Netzwerk“ einer Einrichtung
  • Aufrufe auf Veranstaltungen, die sich mit dem Ehrenamt oder dem Arbeitsgebiet befassen
  • Anzeigen und lokale Aushänge z.B. bei Einrichtungen für Seniorinnen und Senioren

Tipps zum Weiterlesen

[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]

Links zum Thema Probleme und Ressourcen für ältere Menschen im Quartier erkennen

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