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Kapitel 1 - Gesundheit im Alter

3D-Würfel

Selbstständigkeit und Wohlbefinden im Alter - das wünscht sich jeder. Und für viele Menschen wird dieser Wunsch auch Wirklichkeit werden. Was aus der Sicht von Prävention und Gesundheitsförderung für ein langes Leben in guter Gesundheit getan werden kann, wird in diesem Heft vorgestellt.

Besonderes Anliegen sind uns dabei jene Menschen, die auf Grund von Armut und mangelnder Teilhabe das hohe Risiko einer geringeren Lebenserwartung und einer schlechten Gesundheit im Alter haben. Sie können in besonders hohem Maß von Gesundheitsförderung profitieren.

Der Blick unserer Gesellschaft auf das Alter und die Potenziale älterer Menschen hat sich verändert. Für uns ist heute das Alter nicht mehr nur eine Phase zwangsläufigen gesundheitlichen Abbaus. Gesunde Lebensstile, schon im Kindesalter, haben Einfluss auf die Gesundheit im Alter. In jedem Lebensalter bestehen hohe präventive Potentiale zur Verbesserung der Gesundheit.

Neben körperlichen Aspekten haben in den vergangenen Jahren auch psychische und soziale Dimensionen des Alterns mehr Beachtung gewonnen. Hier haben günstige Rahmenbedingungen, z.B. soziale Kontakte, gute Beziehungen in der Familie und zu Freundinnen und Freunden, Engagement im Quartier, Hobbys etc. Einfluss auf die Gesundheit und Lebensqualität im Alter.

Unter günstigen Bedingungen können dadurch körperliche und mentale Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Die präventiven Potentiale werden bislang bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Dies betont der Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2009. Durch erfolgreiche Prävention steigt, neben der Chance auf ein längeres Leben, vor allem auch die Aussicht auf möglichst viele Jahre in guter Gesundheit.

Chronische Erkrankungen im Alter können verhindert oder ihr Ausbruch verzögert werden. Die größten Präventionspotenziale haben dabei Menschen, die auf Grund von Armut und anderen Formen fehlender Teilhabe höhere gesundheitliche Risiken tragen. Der Sachverständigenrat empfiehlt daher ausdrücklich sie zu erreichen bzw. mit einzubeziehen und ergänzt: „Erfolgreiche Maßnahmen in transsektoralen Bereichen, wie Bildung, Umwelt, Verkehr, Wohnen, Arbeitsplatz sowie Einkommens und Vermögenspolitik können die Bemühungen der Gesundheitspolitik wirksam unterstützen“ (Sachverständigenrat, 2009).

Gesundheit ist in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich auf „Freisein von Krankheit“ zu beziehen, „sondern auch auf die Verwirklichung individueller Bedürfnisse und Werte, auf Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden sowie auf Kompetenzüberzeugungen und Bewältigungsstrategien“. Auch wenn im Alter körperliche Kräfte abnehmen, so kann „im seelisch-geistigen Bereich … das höhere Lebensalter sogar mit einem Zuwachs an Wissen, Erfahrungen und Handlungskompetenz einhergehen“ (Kruse, 2007).

„Was sich jeder Mensch wünscht: gesund bleiben und alt werden, dass man das Leben genießen und am Leben teilhaben kann ...“

(Sigrid, 65 Jahre)

Was heißt hier ‚Alter’?

Alte Menschen lassen sich kaum in eine Kategorie pressen und bilden eine sehr heterogene Gruppe mit verschiedensten Bedürfnissen und Ansprüchen. Neben der Altersgruppe sind beispielsweise auch Aspekte wie Geschlecht, soziale Lage, ethnische Hintergründe und Bildung von besonderer Bedeutung, um die Lebenssituation älterer Menschen einschätzen zu können. Hinzu kommt, dass die Selbstwahrnehmungen und -einschätzungen in dieser Lebensphase sich sehr unterscheiden können. Möglichst lange zu leben ist für viele Menschen ein wichtiges Lebensziel, aber alt zu sein oder so von außen definiert zu werden, ist vielfach nicht leicht. Rein kalendarische und naturwissenschaftliche Sichtweisen des Alters sind zumeist defizitorientiert, indem sie die Abnahme von körperlicher Leistungsfähigkeit in den Vordergrund stellen. Gesellschaftlich und wissenschaftlich weniger durchgesetzt haben sich dagegen bislang psychologische oder soziologische Kompetenzmodelle des Alter(n)s, in denen Reifungs- und Kompetenzausbildungen sowie die Chancen einer lebenslangen Entwicklung, auch im Umgang mit Verlusten, stärker akzentuiert werden.

ältere Frau, die nachdenklich nach oben schaut

© absolut_100 / istockphoto.com

In diesem Heft geht es vorrangig um Zielgruppen, die sich in einer Lebenphase befinden, in der sich die Gesundheit häufiger und nachhaltiger krankheitsbedingt verschlechtern kann. Mit fortgeschrittenem Alter kommt es häufig auch vermehrt zu chronischen Erkrankungen, die ein beschwerdefreies Leben unmöglich machen. Wir orientieren uns an der Definition aus der Gesundheitsberichterstattung und unterscheiden die „jungen Alten“ (65 Jahre bis unter 80 Jahre) und die Gruppe der „alten Alten“ (80 Jahre und älter). Nicht zwangsläufig ist ihr Alltag von Krankheit und Hilfsbedürftigkeit geprägt. Viele ältere Menschen sind gesund oder können ihren Alltag trotz gesundheitlicher Einschränkungen gut bewältigen.

Eine gesellschaftliche Herausforderung, die hohes Gesundheitsförderungspotenzial hat, ist die Entwicklung positiver Altersbilder. Dies sind Altersbilder, welche die positiven Aspekte betonen, wie z.B. im Lebenslauf entwickelte Kompetenzen. Negative Altersbilder, welche (gesundheitliche) Einschränkungen und Verluste in den Vordergrund stellen, können dazu führen, dass das Leben im Alter auf diese negativen Aspekte fokussiert wird und objektiv vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten nicht wahrgenommen werden und ungenutzt bleiben (Sachverständigenkommission, 2001).

„Notwendig ist, mehr als bislang in jedem Verlaufsstadium eines Krankheitsgeschehens präventive Potentiale alter Frauen und Männer auszuschöpfen“

(Sachverständigenrat zur Begutachtung
der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2009, S. 609)

Links zum Thema Altersbilder

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Demografische Entwicklungen: Weniger, älter und bunter - Herausforderungen für die Kommunen

Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Altergruppen an der Gesamtbevölkerung von 2006 bis 2050.

Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Altergruppen an der Gesamtbevölkerung von 2006 bis 2050. (Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2009, S. 65)

Die Altersstruktur und Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft verändern sich. Die Gesamtbevölkerung in Deutschland wird sich verringern, dafür steigen relativ gesehen, die Anteile älterer Menschen und von Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb der Bevölkerung. Sind heute die Anteile der Jüngeren (unter 20 Jahre) und der Älteren (65 Jahre und älter) noch ungefähr gleich, so erwarten Fachleute, dass der Anteil der Älteren sich im Jahr 2050 verdoppelt haben wird (Hoffmann, Menning, Schelhase, 2009, S. 26).

Die Veränderungen in der Altersstruktur unserer Gesellschaft werden für viele Kommunen die Erhöhung von Ausgaben zur Folge haben. Die gestiegene Lebenserwartung und das Altern der geburtenstarken Jahrgänge wird sich insbesondere auf die erwartete relative Zunahme hochbetagter Menschen auswirken, die vielfach unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden und Unterstützung durch Pflegeleistungen benötigen. Einen Überblick zum Wandel der Altersstruktur in Deutschland gibt die nachfolgende Grafik. Hier zeigt sich deutlich ein Anstieg der Altersgruppe der über 84-Jährigen. Dies hat wahrscheinlich auch einen Anstieg der professionell zu versorgenden Pflegefälle zur Folge.

Im Land Berlin wird für das Jahr 2030 mit einer Zunahme der pflegebedürftigen Personen um 80 Prozent gerechnet. In Folge von Arbeitslosigkeit oder geringfügiger Beschäftigung wird erwartet, dass dann 40.000 Pflegebedürftige Unterstützung im Rahmen des SGB XII (Sozialhilfe, Hilfe zur Pflege) benötigen. Dies entspricht einem Anstieg um ca. 70 Prozent (Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, 2009).

älterer Mann, der einen Rollator schiebt, auf dem ein kleiner Junge sitzt

© manu / fotolia.com

Weniger junge Menschen werden künftig mit immer mehr älteren Menschen länger zusammen leben. Diese Veränderungen der Bevölkerungsstruktur lassen sich relativ gut prognostizieren. Das ermöglicht es, bereits heute Strategien zu entwickeln, um diesen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Voraussetzungen dafür sind jedoch, dass Gesundheit zu einem Thema in den Kommunen wird und die Verantwortlichen als Verbündete für dieses Thema gewonnen werden (Altgeld, 2009, S. 222). In den Arbeitshilfen wird das Beispiel einer kommunalen Planung für und mit älteren Menschen ausführlich dargestellt.

Gemeinsames Ziel der Akteure im Quartier sollte es dabei sein, die Rahmenbedingungen für Gesundheit im Alter und gesunde Lebensstile zu verbessern.

Dabei ist besonders die Situation armer und isolierter älterer Menschen zu beachten. Sie haben häufig eine schlechtere Gesundheit auf Grund früherer Belastungen. Teilt man die Bevölkerung nach ihrem Einkommen in fünf Gruppen ein: Die Lebenserwartung nimmt über alle Einkommensgruppen mit steigendem Einkommen zu (sozialer Schichtgradient). Bei Männern der höchsten Einkommensgruppe treten gesundheitliche Beeinträchtigungen im Schnitt 14,3 Jahre später ein (Lampert, 2009, S. 130 f.).

Unsere Gesellschaft erlebt heute schon eine deutlich längere Phase des Altwerdens und Altseins. Dies hat individuelle Auswirkungen auf die Arbeit, die Gesundheitsversorgung, die Familie, soziale Beziehungen und die finanzielle Situation. Wichtig sind daher gute soziale Netzwerke und Unterstützungssysteme, die helfen, eventuell entstehende Benachteiligungen auszugleichen. Erfolge, die hier im Bereich der Gesundheitsförderung erreicht werden, verschaffen den Einzelnen einen Gewinn an Lebensqualität und zahlen sich auch für die Kommunen und das Quartier aus.

Vieles, was mit Blick auf die ältere Generation auf den Weg gebracht wird, ist auch für andere Bevölkerungsgruppen, z.B. Kinder, Eltern und Menschen mit Behinderungen von Nutzen.

Ausrufezeichen

Allein die wohlwollende Zustimmung und allgemeine Zusage „wir helfen, wo wir können“ ist nicht ausreichend! Städtische Behörden arbeiten nach klaren Aufgabenprofilen mit vorgegebenen Prioritäten.

Sie werden neue Aufgaben und Themen - wie auch neue Formen der Zusammenarbeit - nur unterstützen, wenn sie dazu aufgefordert oder gar verpflichtet werden.

Um diese Unterstützung zu gewinnen, muss die Projektidee von einer nachvollziehbaren „Kosten-Nutzen-Rechnung“ begleitet werden. Es muss verdeutlicht werden, welche negativen Folgen eine weitere Zunahme altersbedingter Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit für die Stadt hat. Außerdem muss erläutert werden, warum das zur Rede stehende Projekt nicht nur eine realistische, sondern aus Sicht der Stadt eine sinnvolle und effiziente Lösung eröffnet.

  • Beschreiben und begründen Sie den Nutzen des Konzepts aus der Perspektive der Verwaltung/der Lokalpolitik.
  • Formulieren und begründen Sie den zusätzlichen Bedarf an Ressourcen und Personal.
  • Pflegen Sie im Vorfeld die informelle Kommunikation mit Politikerinnen, Politikern und Multiplikatoren, um so für Bekanntheit und Unterstützung zu sorgen.
  • Sorgen Sie dafür, dass vor Projektbeginn im Stadtteil auf der Leitungsebene der Stadtverwaltung belastbare Beschlüsse und Vereinbarungen für einen reibungslosen Projektverlauf gefasst werden.

Aus: BKK 2009

Regionalverbund Ruhr

Im Rahmen des WHO-Projektes „Agefriendly Cities“ wurden ältere Menschen nach ihren Bedürfnissen befragt. Dabei wurde deutlich, dass vieles, was eine Kommune attraktiv und lebenswert macht, für alle Generationen von Gewinn ist: Barrierefreie öffentliche Gebäude, leicht zugängige öffentliche Verkehrsmittel und unmittelbar erreichbare öffentliche und private Dienstleistungen.

Dr. Rainer Fretschner, 2008

Soziale Benachteiligung und Gesundheit im Alter

Wer materiell gesichert ist, über Bildung verfügt und ein gutes familiäres und soziales Umfeld hat, kann den Herausforderungen, die das Alter mit sich bringt, zuversichtlich begegnen. Unsichere Lebenslagen und mangelnde Lebensperspektiven machen jedoch Angst. Sie beeinträchtigen die Perspektiven älterer Menschen ebenso wie einschneidende Lebenskrisen (z.B. der Verlust des Partners oder der Partnerin).

Vorzeitige Sterblichkeit von Frauen und Männern nach Einkommen

Abbildung 2: Sterblichkeit von Männern und Frauen vor dem Alter von 65 Jahren nach Einkommensgruppen

Abbildung 2: Sterblichkeit von Männern und Frauen vor dem Alter von 65 Jahren nach Einkommensgruppen (Quelle: Lampert, 2009, S. 130 f.)

Bei sozial benachteiligten Menschen haben sich die gesundheitlichen Belastungen in Folge von Armut, schwerer körperlicher Arbeit und fehlender Teilhabe im Lebensverlauf summiert. Kollektive Erlebnisse wie Kriegstraumata, Vertreibung oder Einwanderung können Lebenseinstellungen beeinträchtigen und ebenso prägen wie der kulturelle Hintergrund, religiöse Gewohnheiten und Arbeitsbiografien (vgl. Heft 1 Kapitel 3 zu Faktoren, die Gesundheit beeinflussen). Eine Untersuchung der Lebenszufriedenheit türkischer Migrantinnen und Migranten zeigte z.B., dass viele von ihnen auf Grund der Migration unter Einsamkeit und sozialer Isolation litten. Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass die „soziale Integration … bei Aufrechterhaltung ethnischer und kultureller Identität“ ein hohes Potenzial für Gesundheitsförderung bei Migrantinnen und Migranten darstellt (Robert Koch-Institut, 2008, S. 98).

„Die Leute müssen Selbstbewusstsein bekommen. Wir haben Menschen, die seit 10 - 15 Jahren in unsere Selbsthilfegruppen (türkische, griechische, spanische, ex-jugoslawische) für Senioren kommen. Die haben Infoveranstaltungen, Feste gesehen und mitgemacht. Deren Ansprüche und Ansichten haben sich verändert. Es entsteht ein Selbstbewusstsein, ein Bewusstsein entwickelt sich, weil man auch mal nachdenkt über Themen, wie Hilfe im Alltag, und durch die Gruppe gestützt wird. Das gibt auch Mut mit Konventionen zu brechen. Zum Beispiel wenn die Gruppe sagt, „na das ist doch gut, wenn du dir einen Pflegedienst holst, der dir im Alltag hilft“.

Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg

„Niemand wird alt, weil er eine Anzahl von Jahren hinter sich gebracht hat. Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Ade sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung runzelt die Seele. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel. So jung wie dein Selbstvertrauen, so alt wie deine Furcht. So jung wie deine Hoffnungen, so alt wie deine Verzagtheit.“

Albert Schweitzer (Trommer, 2007, S. 17)

eine Gruppe älterer Menschen, die auf einer Bank sitzen

© liaurinko / fotolia.com

Sozial bedingt schlechtere Gesundheitschancen bedeuten für ältere Menschen, dass chronische Erkrankungen und Behinderungen früher eintreten können und sie möglicherweise früher Einschränkungen in ihrer Mobilität erfahren. Bereits im 5. Bericht zur Lage der älteren Generation in Deutschland wurde prognostiziert, dass sich die zukünftige Einkommenslage älterer Menschen auf Grund der ökonomischen und politischen Entwicklungen deutlich verändern wird. „Sowohl das Risiko von Einkommensarmut als auch einer steigenden Einkommensungleichheit im Alter sind absehbare Folgen…“ (Sachverständigenkommission, 2005, S.186).

Viele gesundheitliche Beeinträchtigungen können beeinflusst und durch gesundheitsförderliche Maßnahmen gute Erfolge erzielt werden.

Gruppen mit besonders hohem Präventionspotenzial (Altgeld, 2009, S. 222) sind

  • Beschäftigte in höherem Lebensalter mit geringem Verdienst
  • Ältere Arbeitslose
  • Menschen im Rentenalter mit geringen Rentenbezügen
  • ältere Frauen und besonders auch ältere Männer mit Migrationshintergrund
  • alleinstehende ältere Menschen mit geringer sozialer Einbindung
  • Pflegebedürftige und ältere Menschen mit Behinderung

Dabei ist die Lage älterer armer alleinlebender Frauen häufig besonders prekär. Sie sind häufiger und schwerer krank als Männer (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2007, Abschnitt 878) und bereits heute besonders stark von Altersarmut betroffen. Das wird sich verschärfen, da zukünftig die Hälfte aller heute erwerbstätigen Frauen Rentenansprüche unter 683 Euro erwarten (Richter-Kornweitz, 2009, S. 8).

Aber auch ältere Männer sind eine wichtige Zielgruppe mit oft zu gering ausgeschöpftem Präventionspotential. Angebote der Vorsorge, Früherkennung und Prävention werden von Männern oft nur unzureichend genutzt.

Im Folgenden werden Faktoren erläutert, die den Alterungsprozess positiv beeinflussen (nach World Health Organization, 2002, S. 19-32):

  • objektive, d.h. medizinisch diagnostizierte Gesundheit
  • subjektives Gesundheitsempfinden
  • Zufriedenheit
  • Gesundheitsverhalten
  • soziale Teilhabe

Objektive und subjektive Gesundheit

Ältere Menschen beurteilen ihre Gesundheit selbst oft positiver als es ihnen z.B. ein Arzt bescheinigen würde (Tesch-Römer, Wurm, 2009). Diese Selbstwahrnehmung (= subjektive Gesundheit) ist unter Präventionsaspekten von hoher Bedeutung. Studien zeigen, dass eine gute subjektive Gesundheit einen starken Einfluss auf die Lebenserwartung hat (Wurm, Lampert, Menning, 2009).

Leider herrscht, gerade im medizinischen Alltag, die körperliche Beurteilung des Gesundheitszustandes vor. Hier werden noch viele emotionale und soziale Ressourcen verschenkt. So schildert eine ältere Frau, dass sie im Gespräch mit ihrem Hausarzt über Einschränkungen ihrer Befindlichkeit berichtete und als Antwort erhielt: „Na, in ihrem Alter …Was wollen Sie da noch erwarten?“ (Trommer, 2007, S.13).

Statt eines auf die Defizite gerichteten Blicks sollten die subjektiven Wahrnehmungen respektiert, persönliche Leistungen anerkannt und Ressourcen und individuelle Stärken wahrgenommen werden.

„Wie geht es Ihnen?“ Die Gesundheit im Alter

Gesundheit im Alter und die Geschwindigkeit des Alterungsprozesses lassen sich beeinflussen. Vorhandene Gesundheitsrisiken werden durch schwierige Lebenslagen verschärft und eine gesunde Lebensweise wird auch im Alter z.B. durch den Mangel an Einkommen und Vermögen erschwert. Unterstützende soziale Beziehungen können diese und andere Defizite teilweise ausgleichen.

Vom Umgang mit ihrer Erkrankung berichtet eine ältere Frau, „Es fällt mir manchmal etwas schwer, aber ich weiß mir immer besser zu helfen. Wenn ich den Schraubverschluss mit meinen Rheumahänden nicht öffnen kann, geht das jetzt mit dem Nussknacker.“

(Trommer, 2007, S.13)

Lebensqualität und Zufriedenheit

ältere Frauen beim Fitness

© Anja Weber

Ein Ziel von präventiven Maßnahmen sollte darin bestehen, eine gute Lebensqualität und eine positive Einstellung zum Leben trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu erreichen. Eine wichtige Herausforderung ist dabei, Lebensmut und Optimismus auch angesichts abnehmender körperlicher Leistungsfähigkeit zu wecken und zu fördern. Pläne werden für die nahe Zukunft gemacht. Wie sich diese Zukunftsperspektive gestaltet, hängt maßgeblich von einer aktiven Lebensführung und einer positiven Lebenseinstellung ab (Kruse, 1999). Dadurch werden Anregungen gegeben und neue Vorhaben in Angriff genommen.

Ein wichtiger Zeitpunkt, hier noch einmal Weichen zu stellen, ist der Wechsel in den Ruhestand. Hier bietet sich in Bezug auf Wahrung der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit älterer Menschen noch einmal eine ganz wichtige Chance. Dann gilt es Freundschaften im Wohnumfeld zu pflegen. Der Kontakt mit unterschiedlichen Altersgruppen und das Knüpfen von Beziehungen halten körperlich und geistig fit. Ein intaktes soziales Netzwerk bietet eine wichtige Grundlage zur aktiven Teilhabe und Unterstützung im Falle späterer Hilfsbedürftigkeit.

Gesundheitsverhalten

Das eigene Verhalten kann gesundheitsförderlich wirken und chronischen Erkrankungen vorbeugen oder deren Fortschreiten und Folgen abmildern.

Soziale Teilhabe

Auch im Alter ist Teilhabe ein wichtiger Faktor, der Gesundheit fördert. Es wird unterschieden zwischen kollektiven Aktivitäten (gemeinsamer Freizeitgestaltung), produktiven Aktivitäten (Tätigkeiten verbunden mit Leistungen für Andere) und politischen Aktivitäten (Einfluss auf soziale Sachverhalte). Chancen der Teilhabe werden häufig durch den sozialen und ökonomischen Status eines Menschen bestimmt. So wurde festgestellt, dass z.B. mit der Bildung auch die Komplexität der tatsächlichen Teilhabe älteren Menschen steigt (Bukov zitiert nach Kümpers, 2009, S. 10).

Alle Formen der Teilhabe werden maßgeblich von den Rahmenbedingungen beeinflusst, die in der Kommune herrschen. Sei es die Beteiligung am (öffentlichen) Leben oder die Inanspruchnahme gesundheitsförderlicher Angebote bis hin zur aktiven Einflussnahme auf die Gestaltung der Lebensbedingungen im Quartier. Diese Möglichkeiten können für Ältere erleichtert oder erschwert werden. Im Quartier können die Chancen zur Teilhabe auch wenn diese auf Grund fehlenden Einkommens, geringer Bildung und mangelnder sozialer Unterstützung eher ungünstig sind, deutlich verbessert werden.

„Zu einem Gruppentreffen türkischer Senioren kam eine ganz verschüchtert aussehende Frau. Schon an der Körperhaltung hat man gesehen: depressiv, ganz in sich gekapselt. Sie hat sehr leise gesprochen. Man musste sich richtig bemühen um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie ist dann relativ schnell aufgetaut, nachdem sie die Filiz [Mitarbeiterin der AWO] und die Gruppe kennen gelernt hat. Jetzt ist sie nicht wieder zu erkennen. Diese Frau strahlt. Sie hat natürlich immer noch auch körperliche Beschwerden. Aber es geht ihr einfach gut. Sie weiß wo ihr Platz ist. Sie ist vielen Menschen wichtig. Sie wird gebraucht. Sie kann unheimlich viel, was sie vielleicht gar nicht gedacht hätte, dass sie es kann.“

Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße Berlin-Kreuzberg

Belegt sind z.B. folgende präventive Effekte

  • Regelmäßige Aktivitäten wie Radio hören, Zeitung lesen, Museen besuchen etc. haben einen Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit.
  • Körperliche Aktivität kann zu einer spontanen Verbesserung der Gedächtnisleistung um 35 Prozent führen.
  • Das Gehen von täglich 2 Meilen (ca. 3,2 km) oder mehr bewirkt eine Steigerung der Lebenserwartung von älteren gesunden Männern.
  • In einer Studie bewirkte zügiges Gehen (Walking) für mindestens drei Stunden pro Woche eine Verringerung des Herzinfarktrisikos bei 40- bis 65-jährigen Frauen um 30 Prozent im Vergleich zu inaktiven Frauen
  • Bei Patientinnen und Patienten mit einer Koronarerkrankung wurde die Mortalität um 31 Prozent gesenkt.
  • Eine fettarme Ernährung verringerte in einer Studie mit 50- bis 60-Jährigen die Gesamtmortalität. Weitere Untersuchungen zeigten, dass eine fettarme Ernährung die Häufigkeit von koronaren Herzerkrankungen verringert.
  • Bewegung und körperliche Aktivität zeigen auch im hohen Alter bei Depressionen positive Effekte und senken das Sturzrisiko selbst bei 80- Jährigen.

(Au, 2010, S. 9)

„Je komplexer und einflussreicher aber die Teilhabe, umso größer sind auch die zu erwartenden positiven Wirkungen auf Lebensqualität, auf Selbstbewusstsein, letztlich auch auf Gesundheit.“

(Kümpers, 2009, S. 10 - 11)

Beispiele für Partizipation

Teilhabe und die Aktivierung älterer Menschen stellen sich als ein Prozess dar, der eng mit der Befähigung der älteren Menschen verbunden sein kann, ihr Leben und das Altern aktiv zu gestalten. In diesem Prozess werden häufig erst einmal Vorstufen von Partizipation realisiert, die in eine direktere Beteiligung münden sollten. Allerdings bieten viele Maßnahmen, die sich als partizipativ bezeichnen, keine Möglichkeit für eine Beeinflussung der Entscheidungsprozesse durch die älteren Menschen.

Ein Modell zur Beurteilung der Partizipation wurde in diesen Arbeitshilfen bereits vorgestellt (Heft 2 Kapitel 5). Auf der nächsten Seite werden einige Stufen der Partizipation durch Beispiele veranschaulicht.

Stufe 9 geht über Partizipation hinaus

Selbst­organisation
(Stufe 9)

Seniorengenossenschaften, die als selbst organisierte Netzwerke arbeiten um Mitgliedern durch wechselseitige Unterstützung zu ermöglichen, möglichst lange in ihrer Wohn­umgebung bleiben zu können. Für jede geleistete Arbeitsstunde wird die gleiche Zeit gutgeschrieben, welche bei Bedarf eingelöst werden können. Dienstleistungen der Genossenschaften sind z.B. Betreutes Wohnen, Pflege, Essens- und Fahrdienste. Die Genossenschaften finanzieren sich selbst.

Partizipation (Stufen 6 bis 8)

Entscheidungsmacht (Stufe 8)

Das Haus Herbstzeitlos in Siegen entstand durch das Engagement älterer Menschen. Mit der Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde aus einem ehemaligen Schulpavillon eine selbst verwaltete Seniorenfreizeitstätte. Die Weitergabe von Erfahrungswissen, Schaffung von sozialen Kontakten und Netzwerken steht im Vordergrund, aber auch zahlreiche kreativ oder literarisch interessierte Gruppen nutzen die Räume. Für die Verwaltung und Fortentwicklung des Hauses ist die öffentliche Regiestelle „Leben im Alter“ zuständig. Quelle: www.siegen.de/standard/page.sys/560.htm?print

Teilweise Entscheidungs­kompetenz (Stufe 7)

Ältere Menschen werden in Entscheidungen mit einbezogen, haben z.B. Stimmrecht in Gremien und einige Entscheidungen werden ausschließlich von ihnen getroffen.

Mitbestimmung (Stufe 6)

Ältere Menschen werden befragt und haben ein Mitspracherecht. Sie haben jedoch keine Entscheidungsbefugnis.

Vorstufen der Partizipation (Stufen 3 bis 5)

Einbeziehung (Stufe 5)

Seniorenvertreterinnen und -vertreter, die die Interessen der Zielgruppe gegenüber Rat und Verwaltung zum Ausdruck bringen oder mit beratender Stimme an Ausschüssen teilnehmen.

Anhörung (Stufe 4)

Das Netzwerk Märkisches Viertel in Berlin arbeitet mit einem Beirat aus älteren Menschen zusammen. Das Netzwerk Märkisches Viertel besteht aus unterschiedlichen Akteuren (z.B. Dienstleistern wie Pflegediensten oder Handwerkern sowie öffentlichen Einrichtungen), die sich mit dem Ziel, das selbstständige Leben älterer Menschen im Quartier zu fördern, zusammengeschlossen haben. Um auf die Bedürfnisse älterer Menschen besser eingehen zu können, wurde ein Beirat aus Älteren eingerichtet, der sich in Gremien äußern kann und zusätzlich bei Bedarf befragt wird. Quelle: www.netzwerkmv.de

Information (Stufe 3)

In einer Veranstaltung wird älteren Menschen mitgeteilt, welche Schwierigkeiten z.B. in Bezug auf Alterserkrankungen auftreten können und welche Möglichkeiten der Gesundheitsförderung und Prävention bestehen.

Keine Partizipation (Stufen 1 und 2)

Anweisung (Stufe 2)

Durch bestimmte Maßnahmen sollen Ältere zu einem gesünderen Verhalten „erzogen“ werden. Über Hintergründe und Umsetzung werden sie nicht informiert.

Instrumentalisierung (Stufe 1)

Die Belange älterer Menschen werden in Maßnahmen und Entscheidungsfindungen nicht einbezogen.

Abbildung 3: Stufen der Partizipation

Tipps zum Weiterlesen

[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]

Links zu den Themen Gesundheit im Alter

[ Links zum Thema finden Sie hier ]


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Der Kooperationsverbund wurde 2003 auf Initiative der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gegründet
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