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09.06.2009

Interview mit Mark Lambert zum Early Excellence-Ansatz

Andrea Möllmann, Gesundheit Berlin-Brandenburg

Schlagwörter: Frühe Hilfen

Interview mit Mark Lambert, Leiter des Familienzentrums “The Berries Children’s
Centre”, einem Early Excellence Centre, im britischen Wolverhampton.

Regionaler Knoten Berlin: Der Early Excellence-Ansatz und gesundes Aufwachsen
von Kindern haben viel zu tun mit Organisationsentwicklung. Können Sie kurz beschreiben,
was Organisationsentwicklung für Sie in diesem Sinne heißt?
Mark Lambert: Es gibt etablierte Einrichtungen, mit denen wir zusammenarbeiten, wie z.B.
Polizei, Soziale Dienste, Primary Care Trust, Teenager-Schwangerschaftseinheit, Hebammen,
Familienzentren, health visitors (Anmerkg.: health visitors sind Mitarbeiter/innen des öffentlichen
Gesundheitsdienstes, die alle Familien in den ersten zwei Jahren nach Geburt eines
Kindes regelmäßig und verpflichtend aufsuchen) und Ärzte/Ärztinnen. Auch mit anderen Einrichtungen
aus Bereichen wie Erwachsenenbildung, Beschäftigung und Wohlfahrt arbeiten
wir zusammen. Ich komme ursprünglich aus dem ehrenamtlichen Bereich, und es gibt dort
einige Projekte, mit denen in der Gemeinde absolutes Neuland betreten wird. Mit diesen
nimmt das Kinderzentrum Verbindung auf. Wir können diesen Projekten sogar helfen, Finanzierungsmöglichkeiten
zu finden, so dass sie ihre Tätigkeit mit uns fortsetzen können.
Ein Beispiel dafür wäre etwa eine Wohlfahrtseinrichtung, die mit Vätern arbeitet und Zugang
zu einem Kinderberatungsdienst hat. Wir treten in Beziehung zu dieser Wohlfahrtseinrichtung,
damit sie ihr Profil ausbauen und durch die beiderseitige Zusammenarbeit bekannter
werden kann, weil diese Einrichtung spezielle Kompetenzen und Kenntnisse von Bedarfen in
der Gemeinde auf diesem Gebiet besitzt.

Regionaler Knoten Berlin: Welche formalen Qualifikationen haben die Mitarbeiter/
innen in Ihrem Kinderzentrum?
Mark Lambert: In England gibt es schon seit Langem viele Möglichkeiten zur Erlangung von
Qualifikationsabschlüssen, deren Entstehung ihre jeweilige Geschichte hat. Beispielsweise
geht die NNEB-Qualifikation auf die traditionelle ’Kinderfrau’ in der Familie zurück.
Zu den professionellen Kräften der frühen Jahre, die wir als ’Praktiker/innen der frühen Jahre’
bezeichnen: einige verfügen über staatlich anerkannte Qualifikationen (National Vocational
Qualifications - NVQ) bis Stufe 2, Stufe 3, Stufe 4. Einige von ihnen haben den NNEBAbschluss,
bei dem es sich um eine Qualifikation als Krippen- und Kindergartenerzieherin
handelt. Einige haben einen BTEC-Abschluss, der durch ein Studium an einer Fachschule erworben
werden kann. Andere wiederum haben einen Grundlagenabschluss für die Arbeit mit
Kindern, und demnächst wird die Regierung Wert darauf legen, dass alle Praktiker/innen über
anerkannte Qualifikationsabschlüsse verfügen.
Im Zentrum gibt es auch Mitarbeiter/innen mit Studienabschlüssen auf anderen Gebieten wie
Jura, Studien zur frühen Kindheit, Grundschulbildung, Bachelor für Bildung, Bachelor der
Wissenschaften oder Gesundheitsqualifikationen wie Medizinisch-technische Assistent/innen.

Regionaler Knoten Berlin: Neben den formalen Qualifikationen: welche so genannten
„soft skills“ sollten Ihrer Meinung nach Mitarbeiter/innen in Kinder- bzw.
Familienzentren besitzen?
Mark Lambert: Wir haben ehrenamtliche Mitarbeiter/innen, die mit den Kindern arbeiten.
Weiterhin verfügen wir über Praktikumsplätze für Studenten, die also ihr Studium absolvieren
und daneben Erfahrungen im Kinderzentrum sammeln. Wir haben auch Mitarbeiter/innen mit
Berufserfahrung. Die Kompetenzen, nach denen ich Ausschau halte, sind Dinge wie die Fähigkeit
zur klaren Kommunikation, Durchsetzungsfähigkeit, Wahrung der Vertraulichkeit -
kein Klatsch und Tratsch! Bewusste Beachtung der Chancengleichheit - jede/r hat Zugang zu
den gleichen Angeboten und Leistungen und wird gerecht behandelt; die Fähigkeit, beim
Schreiben klar zu formulieren und zu wissen, was man schreibt; die Fähigkeit, eigenständig
zu denken und Entscheidungen zu treffen, und vor allem die Fähigkeit zu handeln, wenn
man instinktiv weiß, dass etwas getan werden muss. Wir können keine Mitarbeiter/innen
gebrauchen, die, wenn sie mit anderen Mitarbeiter/innen befreundet sind, deren eventuelles
Fehlverhalten decken, anstatt zu uns zu kommen und uns zu informieren. All diese Eigenschaften
und Kompetenzen sind wichtig, aber es gibt noch viele weitere.

Regionaler Knoten Berlin: Welche Auswirkungen hat der Early Excellence-Ansatz
ganz konkret auf die Kinder?
Mark Lambert: Aus meiner Sicht besteht die Rolle des Early Excellence-Ansatzes darin, allen
Kindern eine solide Grundlage zu geben, auf der sie sich entwickeln können. Dies muss in
einer Partnerschaft mit Eltern und Erziehern geschehen. Die Kinder werden auch ermutigt,
sich nach ihrer jeweils eigenen Geschwindigkeit zu entwickeln. Dies hat zur Folge, dass Kinder
als Individuen behandelt werden, so dass die persönlichen Bedürfnisse jedes Kindes befriedigt
werden und seine Entwicklung ohne Gängelei begleitet und beobachtet wird. Es handelt
sich um einen ganzheitlichen Ansatz: Wenn Du zum Beispiel bemerkst, dass das Kind auf
einem Gebiet Unterstützung braucht, dann sprichst Du mit den Eltern und sorgst dafür, dass
das Kind diese Unterstützung auch bekommt. Es geht aber nicht nur um das Beobachten der
Entwicklung. Für Babys und Kleinkinder bis zu zwei Jahren haben wir auch die Hebammen
und Gesundheitsdienste (health visitors). Wir alle kooperieren bei dem Versuch Early Excellence
zu verwirklichen. Und, ich wiederhole es noch einmal, es geht darum, jedes Kind als
Individuum zu behandeln, damit seine persönlichen Bedürfnisse befriedigt werden. Ein Bei
spiel dafür ist ein körperbehindertes Kind mit zusätzlichen oder Sonderbedarfen. Das Kinderzentrum
arbeitet mit Partnereinrichtungen zusammen, um diese Bedarfe zu decken, indem
Treffen von Vertreter/innen mehrerer Einrichtungen organisiert werden und damit das Prinzip
der Inklusion gestärkt wird.

Regionaler Knoten Berlin: In Deutschland konzentriert man sich immer mehr auf
die Zusammenarbeit mit Eltern. Wie erreichen Sie so genannte „schwer erreichbare“
Eltern?
Mark Lambert: Ich bin nicht der Einzige, der sich mit den schwer erreichbaren Menschen zu
beschäftigen hat. Wir alle müssen partnerschaftlich mit anderen Menschen und Einrichtungen
arbeiten; wir stellen fest, um welche Familien es sich handelt; wir versuchen selbst und
in der Arbeit mit Anderen, sie in das Zentrum zu bringen, oder wir suchen sie selbst auf.
Traditionell gehören zu den schwer Erreichbaren Familien ohne festen Wohnsitz und zum
Beispiel Strafgefangene. Das Berries-Zentrum arbeitet mit beiden Gruppen. Die erstgenannte
Gruppe versammelt sich in unserem Kinderzentrum durch Aktivitäten in den Bereichen Kinderbetreuung,
Ausbildung und Unterstützung bei der Arbeitssuche. Bei der letztgenannten
Gruppe geht es um Kinderbetreuung und Familienunterstützung - im Gefängnis. Dies ist
ziemlich einzigartig und wurde von mir selbst sowie zwei Kolleginnen initiiert.
Auch Teenagerschwangerschaften sind ein Thema. Viele sind allerdings in der vor- und
nachgeburtlichen Phase durch Ärzte/Ärztinnen und Hebammen bereits über Gesundheitsangebote
informiert worden und haben also in gewissem Sinne bereits mit ihnen zu tun. Es
geht darum, wie wir diese jungen Eltern unterstützen und es ihnen ermöglichen, sich zu
entwickeln, auch wenn einige von ihnen emotional selbst noch Kinder sind.

Regionaler Knoten Berlin: Um Eltern, insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund,
zu erreichen, setzt man immer mehr auf Laien als Multiplikatorinnen
und Multiplikatoren (peer groups), wie z. B. die Stadtteil- oder Kiezmütter, Gesundheitsmentorinnen,
Integrationslotsen, etc. Welche Ressourcen und welche
Grenzen sehen Sie in diesem Vorgehen?
Mark Lambert: Auch in Bezug auf peer groups musst Du Dir darüber im Klaren sein, was die
peer group aus Deiner Sicht erreichen soll, was sie Deiner Ansicht nach tun soll - warum sie
sich trifft. Die meisten peer groups können die verschiedensten Dinge unterstützen, die die
Mitglieder der jeweiligen Gruppe betreffen. Allerdings muss man sich sicher sein, dass es
immer jemanden gibt, der sich im jeweiligen Fall tatsächlich ’verantwortlich’ fühlt - die Gruppe
zusammenhält -, denn es wird sehr schwierig, wenn jeder versucht, ein Problem anzugehen,
und keiner eine Antwort oder Einsicht hat und auch keine Antwort oder Einsicht finden
kann. In jeder Gruppe wird es immer mindestens einen Anführer geben. Dies wird aber erschwert,
wenn die Mitglieder der peer group den ihnen zur Verfügung stehenden Freiraum
verwenden, um ständig emotionalen ’Ballast’ untereinander zu verteilen und abzuladen. Dazu
kann es kommen, wenn die Multiplikator/innen (peers) sich nicht ’vorwärts bewegen’ wollen
und ’einander in die Quere kommen’. Anders gesagt, werden einige von ihnen zu ’Opfern’
werden und die peer group als Raum für die Freisetzung und Befriedigung ihrer persönlichen
Anliegen nutzen, wobei sie dieses Vorgehen mit ihrem Beruf/Job/ihrer Rolle verschleiern. Ein
Beispiel dafür ist häusliche Gewalt. Wenn sich eine größere Zahl von Menschen in einem
Raum befindet, die bereits häusliche Gewalt erfahren haben (Eltern und/oder Fachkräfte), so
können sie ihre durch Missbrauch geprägte Beziehung (physisch, emotional, mental) vielleicht
bereits hinter sich gelassen haben, wohingegen sich einige nach wie vor in derartigen
Beziehungen befinden. Doch wenn sie nicht innerlich bereits ausreichend geheilt sind, kann
die Gruppe anderen Gruppenmitgliedern nicht helfen, sich zu empowern, weil eben noch
niemand die tatsächliche Kraft dafür in sich selbst gefunden hat. Und viele peer groups reagieren
aufeinander, anstatt aufeinander einzugehen. Selbst wenn die Einzelnen sich mit sich
selber auseinandergesetzt haben, reicht das nicht aus. Es sei denn, sie haben ihre Einsichten
oder Erfahrungen als Teil ihres Lebens integriert.
Und was Ressourcen anbelangt: Ich habe immer wieder festgestellt, dass eine Gruppe dann
Empowerment besitzt, wenn sie ihre eigenen Ressourcen in ihre peer group einbringt. Alles,
was dafür nötig ist, ist eine sichere und saubere Umgebung, in der sie wirken kann, und das
funktioniert sogar in Bezug auf Kinder. In einigen Gruppen, die wir haben und die wir im
Kinderzentrum arbeiten lassen, bringen die Eltern ihre eigenen Lebensmittel und Materialien/
Ressourcen mit, die sie den Kindern geben wollen. Ich stelle nur den Raum und einen
Ort zur Verfügung, an denen man Wasser kochen oder sein Kind umziehen kann. Den Rest
erledigen sie selbst. Wenn sie Papier und Farbe haben wollen, gebe ich ihnen diese Dinge
natürlich auch! Aber die meisten würden diese Dinge mitbringen, wenn ich sie ihnen nicht
gäbe, und das ist somit eine Gruppe mit Empowerment. Am Ende sorgt die Gruppe für sich
selbst und schafft Nachhaltigkeit, anstatt sich darauf zu verlassen, dass ein Kinderzentrum all
ihre Probleme löst. Keine Klagen. Und ein Verständnis dafür, dass hinter jeder Beziehung
immer ein Austausch steckt.

Regionaler Knoten Berlin: In Deutschland ist man erschrocken über den hohen
Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder. Viel Geld wird deshalb aktuell in Projekte
zur gesunden Ernährung, Kochkurse und Bewegungsförderung investiert.
Meinen Sie, dass dies der geeignete Weg ist, um diesem Problem zu begegnen?
Mark Lambert: Wenn man das Verhalten eines Kindes ändern will, muss man das Verhalten
der Eltern ändern. Man muss mit der Familie insgesamt arbeiten, denn sonst ist es so, dass
man nur zu den Kindern spricht oder nur ihnen hilft. Wenn aber die Kinder aus irgendeinem
Grunde - sagen wir wegen ihres Übergewichts - unglücklich sind, hat das etwas mit den Eltern
zu tun. Wenn sie zu viel essen, zu viel fernsehen und immer Computerspiele spielen,
wenn sie zu Hause sind, dann hat das etwas mit den Eltern zu tun. Deswegen geht es mir
immer darum, mir die Familiendynamik anzusehen und den wirklichen Grund herauszufinden,
warum jemand ’ungesund’ ist. Auf der anderen Seite gibt es auch einige Kinder, die eben
dick sind. Das ist in Ordnung, so sollen sie sein, es ist ihr physischer Körper. Eine Größe
passt nicht für Alle! Wir sorgen jedoch trotzdem dafür, dass sie sich mit ihren Freunden ein
bisschen bewegen, Basketball spielen, Rad fahren oder etwas Anderes tun, was ihnen ermöglicht,
ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln. Wenn ich ein Problem mit meinen Augen
habe, kann die Krankheitsursache auch in der Leber liegen, und in diesem Falle hätte es wenig
Sinn, einen Augenspezialisten aufzusuchen! Ich brauche einen Hausarzt! Das gleiche gilt
für das Thema Übergewicht. Man kann es wirklich nicht mit einer isolierten Strategie angehen.

Regionaler Knoten Berlin: Um gesundes Aufwachsen von Kindern zu garantieren,
ist eindeutig eine interdisziplinäre und ressortübergreifende Zusammenarbeit nötig.
Wie schafft man es, gute und konkrete Kooperationen hinzubekommen, bei
denen alle am gleichen Strang ziehen?
Mark Lambert: Okay. Es muss eine klare Kommunikation geben, und jeder muss die gleiche
Vision und die gleichen Wertvorstellungen haben. Es bringt nichts, wenn verschiedene Leute
versuchen, in ein und derselben Familie unterschiedliche Dinge zu erreichen. Wenn vier Einrichtungen
mit der Familie arbeiten, muss Dir klar sein, welche Ziele Du hast und in welcher
Reihenfolge Du versuchen wirst, diese Ziele zu erreichen. Du kannst nicht alles auf einmal
tun, besonders dann nicht, wenn der Familie noch nie diese Art von intensiver Zuwendung
gewährt wurde. Du kannst diese Zuwendung einer Familie nicht plötzlich geben und dann
erwarten, dass sich die Familienmitglieder so verhalten, wie Du es Dir wünschst. Jeder muss
also seinen eigenen Verstand benutzen, um herauszufinden, welche Maßnahme unter den
gegebenen Umständen die geeignetste ist. Wenn es in der Familie zum Beispiel zwei Kinder
gibt, die übergewichtig sind und sich nicht bewegen, und die Mutter gerade ein weiteres
Kind erwartet und damit rechnen muss, ihre Wohnung zu verlieren, ist das nicht der richtige
Zeitpunkt, um das Thema Übergewicht anzusprechen. Du musst sie erst das nächste Kind in
Ruhe bekommen lassen und dich vergewissern, dass sie sich gesundheitlich wieder gut fühlt
und Essen auf den Tisch stellen kann. Dies wird dann für Dich die Eingangstür, durch die Du
eintreten kannst, um mit den beiden anderen Kindern zu arbeiten. Was also zunächst wie
eine Schranke erscheinen könnte, erweist sich letztlich als hilfreich für Dein Vorhaben, aber
Du musst wissen, in welche Reihenfolge Du alle Schritte bringst, und jeder muss sich dem
gleichen Programm mit der betreffenden Familie verschreiben. Einige Fachkräfte werden
möglicherweise warten müssen, bis jemand anders seine Aufgabe erfüllt hat. Das ist schwierig,
wenn andere Leute Geld in den Mittelpunkt stellen und sagen: "Sie erhalten die Finanzierung
nur noch für sechs Monate, und wir wollen jetzt Ergebnisse sehen!"

Regionaler Knoten Berlin: Besonders in Großstädten wie Berlin haben wir das
Problem, dass viele Projekte und Interventionen zum selben Thema nebeneinander
her laufen, Träger ihre eigenen - auch finanziellen - Interessen verfolgen.
Wie kann man das verbessern?
Mark Lambert: Okay. Was ich sagen möchte ist sehr, sehr subtil. Und nicht jeder wird dem,
was ich sagen möchte, zustimmen oder es verstehen. Es geht darum, die Familie in den Mittelpunkt
zu stellen. Projekte und Einrichtungen können um Geld ’kämpfen’. Wenn sie das
tun, stellen sie Geld in den Mittelpunkt. Wenn sie nicht miteinander kommunizieren, weil sie
einander nicht leiden können oder denken "Warum gerade ich?", dann stellen sie sich selbst
in den Mittelpunkt. Die Frage sollte immer lauten: Was können wir mit dieser Familie tun und
wer soll es tun? Und dann stellen wir uns alle zur Verfügung und tun es. Es geht darum, die
eigene persönliche Tagesordnung beiseite zu lassen und ausschließlich die Familie zu unterstützen.
Sie muss sich auf den Weg machen. Es ist nicht unser Job, ihre Probleme zu lösen.
Das können wir auch gar nicht. Wenn am Ende des Tages jemand zu Dir kommt und sagt:
"Es ist Zeit, dass Du Deinen Ehemann oder Deine Frau verlässt", dann wirst Du wahrscheinlich
nicht hinhören, weil Du nicht bereit bist. Manche Menschen brauchen zwei, drei, fünf,
acht, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre, bis sie ihren Ehemann oder ihre Ehefrau verlassen. Manche
tun es nie! Warum sollten also die Familien, in denen es beispielsweise Übergewicht gibt,
uns zuhören? Das Einzige, was ich hinzufügen würde, ist: Wenn ein Freund oder eine Freundin,
die Dir zuhört, sagt: "Ich habe meine Partnerin oder meinen Partner verlassen. Ich habe
so und so lange dafür gebraucht, doch jetzt bin ich froh, dass ich es getan habe", dann hat
er oder sie ein Recht, Dir das zu sagen. Er oder sie hat die Reise schon hinter sich. Du
kannst aber nicht mit Familien über Gesundheit reden, wenn Du Dich selbst ungesund ernährst!
Du kannst nicht über das Aufhören mit dem Rauchen zu ihnen sprechen, wenn Du
selbst noch rauchst! Du kannst mit ihnen nicht darüber sprechen, dass man keine Coca Cola
trinken sollte, wenn Du und Deine Kinder selbst Cola trinken! Im Englischen sagen wir: Du
bist entweder der Typ "Tu, was ich sage!" oder der Typ "Tu, was ich tue!" Eine sehr bekannte
und oft geäußerte Redewendung lautet: "Tu, was du sagst" im Gegensatz zu "Rede ein-
fach nur so daher". Wenn Du jemanden bittest, etwas zu tun, und Deine Geduld allmählich
zu Ende geht, dann überlege, was Du die Person zu tun gebeten hast und inwieweit das in
Wahrheit irgendwie mit Dir selbst zu tun hat. Das hat etwas mit Selbstreflexion zu tun.

Regionaler Knoten Berlin: Geld spielt immer schnell eine große Rolle, wenn es
darum geht, Aufgaben zu übernehmen oder zu verteilen. Welche Bedeutung hat
Geld für Sie im Kontext mit dem gesunden Aufwachsen von Kindern?
Mark Lambert: Als ich auf ehrenamtlichem Gebiet tätig war, habe ich mit wenig oder sogar
ohne Geld mit Familien gearbeitet und hatte dabei unglaublichen `Erfolg´, wenn ich so sagen
darf. Ich habe auch, als ich viel Geld hatte, mit Familien gearbeitet und hatte ebenfalls
unglaublichen `Erfolg´. Es kam auch vor, dass ich viel Geld hatte und doch das Projektziel
verfehlt habe. Geld ist nicht das Entscheidende. Es geht darum, das zu nutzen, was Du hast.
Das kann einfach nur Deine Führungskompetenz sein, Deine Idee oder Deine Freunde. Wenn
Du nicht genug Geld hast, dann suche Dir jemanden, der über die Materialien oder Ressourcen
verfügt, die Du brauchst und hole Dir diese von ihm - umsonst! Oder finde heraus, was
Du als gleichwertigen Tausch anbieten kannst. Das muss nicht immer Geld sein. Es geht vor
Allem um das Vernetzen, um Partnerschaften und darum, Einfluss auf Menschen auszuüben,
um sie ins Boot zu holen. Es geht also in Wirklichkeit um gemeinsames Führen und darum,
andere Menschen dazu zu bringen, Deine Vision zu sehen und ihr zu folgen. Wenn Du das
schaffst, wirst Du in der Lage sein Berge zu versetzen.

Regionaler Knoten Berlin: Und nun die letzte Bitte: Beschreiben Sie in Ihren Worten,
wie das Grundgerüst für das gesunde Aufwachsen von Kindern aussieht.
Mark Lambert: Es geht darum, Zugang zu jeder erforderlichen Dienstleistung zu haben,
wenn man sie braucht. Ich meine damit Folgendes: Wenn Du in einer Gemeinde lebst und
jeder sagt: "Weg mit der Kirche; es geht sowieso niemand mehr in die Kirche; ist doch egal,
ob eine Kirche da ist", wirst Du feststellen, dass der Tag kommen wird, an dem Du die Kirche
brauchen wirst! Man weiß nie, was kommt. Dass etwas jetzt gerade nicht genutzt wird, heißt
nicht, dass wir nicht darauf vorbereitet sein sollten, doch irgendwann darauf zurückgreifen
zu können, denn Gemeinden benötigen bestimmte Dinge, weil sich die Menschen dann sicher
fühlen. Wenn die Kirche da ist - auch wenn sie nicht benutzt wird -, lässt die Menschen sich
sicher fühlen, denn sie wissen, dass sie da ist, falls sie sie einmal benötigen sollten. Dies gibt
der Gemeinde unbewusst ’Halt’. Wenn wir diese Metapher auf aufwachsende Kinder übertragen,
so heißt das, man muss dafür sorgen, dass sie Zugang zu allen Kirchen in ihrer Region
haben. Wenn sie also physische Unterstützung für ihren Körper brauchen, können sie sie bekommen.
Wenn sie Unterstützung auf dem Gebiet der Ernährung brauchen, können sie sie
bekommen. Wenn sie Sprachförderung brauchen, können sie sie bekommen. Wenn sie soziale
Interaktion für ihre soziale Entwicklung brauchen, können sie sie vor Ort bekommen.
Dies kann aber nur geschehen, wenn die Kirchen nicht abgerissen werden. Und dies ist einer
der Gründe dafür, dass es Kinderzentren gibt. Wir agieren wie eine andere Art von Kirche
oder als ’Satelliten-Hauptquartier’, das von Fachkräften aufgesucht wird, die sich hier mit
Kindern und Familien treffen. Und alle Kinder haben Zugang zu den Angeboten, die sie benötigen.
Es könnte sein, dass die Eltern nie zu Hause sind, wenn das Kind aus der Schule
kommt. Das kommt oft vor. Was machen wir also, damit sich das Kind sicher fühlt, damit
sich sein Verhalten verbessert und es uns zuhört, wenn wir möchten, dass es sich gesund
ernährt? Wenn wir wollen, dass sich die Kinder bewegen, wenn wir wollen, dass sie Dinge
tun, von denen wir glauben, dass sie dadurch zu umfassender entwickelten Persönlichkeiten
werden? Ja, das Kinderzentrum ist in der Lage zu sagen, dass wir alle - ob es nun um das
Thema Übergewicht, um Kinderbetreuung oder Arbeitssuche geht - mit Kindern und Familien
arbeiten, dass wir alle Fachkräfte sind, die unsere Gemeinde unterstützen.
Das Interview führte Andrea Möllmann vom Regionalen Knoten Berlin.

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