27.11.2008
Gesundheitsförderung mit Augenmaß
Projekt "Lenzgesund" war Thema auf der WZB-Tagung
Schlagwörter: Soziallage, Zielgruppe
Am Beispiel des Hamburger Projekts „Lenzgesund“ thematisierte Raimund Geene von der Hochschule Magdeburg-Stendal wie Angebote der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung zielgruppengerecht ausgerichtet werden können. Bei Lenzgesund agieren Familienhebammen als „Beraterinnen auf gleicher Augenhöhe“. Außerdem gibt es Angebote wie den „Babyführerschein“ und Sprechstundenverschiedener Beratungseinrichtungen vor Ort. So können Mütter und Eltern in ein Netz von Bekanntschaften und nachbarschaftliche Funktionen vor Ort eingebunden werden. Außerdem soll die Koordination der beteiligten Einrichtungen verbessert werden. „Lenzgesund“ ist vom Kooperationsverbund Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten als Angebot Guter Praxis (Good Practice) identifiziert. „In Hamburg ist die Situation im Bereich Frühe Hilfen und in der Gesundheitsförderung rundum die Geburt deutlich weiter ist als in anderen Bundesländern. Nirgendwo gibt es so viele Familienhebammen. Die Erfahrungen aus diesem Bereich zeigen aber, dass die Frage, wie man die Zielgruppe erreichen kann, noch offen ist. Eine Familienhebamme aus Hamburg sagte mir mal: „Ich geh doch nicht da rein und sage denen erstmal, dass sie nicht mehr rauchen sollen. Dann kann ich gleich wieder nach Hause gehen.“ Und dabei geht es um das Rauchen, bei dem es sicherlich einen hohen Konsens gibt, ganz zu schweigen von den verschiedenen Angeboten zu Bewegung und Ernährung, die von den Lebensrealitäten sehr weit entfernt sind.
Auch wenn die Familienhebammen noch kein klares Berufsbild haben, so haben sie einen ganz großen Vorzug: Sie arbeiten ganz direkt und unmittelbar in den Problemfamilien. Dadurch wissen sie auch, dass sie von den verschiedenen Lebenslagen der Familien ausgehen müssen. Hierbei sind der Begriff und das Konzept der „diversities“ wichtig. Diversitäten sind in diesem Zusammenhang der Ausgangspunkt davon, was die soziale Dienstleistung beinhaltet. Die Hebammen unterstützen die Familien darin, aus ihrem impliziten Erziehungskonzept ein explizites zu machen. Die Eltern haben Vorstellungen davon, wie sie mit ihren Kindern leben möchten, aber diese Vorstellungen sind diffus, verbuddelt und vergraben. Dazu bekommen sie dann noch normative Botschaften, wie „Du sollst nicht rauchen!“, „Du sollst dich mehr bewegen!“, die sie nicht verarbeiten können, weil sie nicht zu ihrem Lebenskonzept passen. Die Familienhebammen helfen diesen Familien ganz niedrigschwellig sich klar zu machen, was sie implizitwollen und daraus ein explizites Erziehungskonzept zu machen. Die Familienhebammen attackieren die Frauen nicht, sondern befürworten und bestärken. Die Stärkung der elterlichen Intuition, also die Fähigkeit spontan zuhandeln, ist sehr wichtig. Dass die elterliche Intuition so stark verunsichert ist, geschieht auch durch unsere Gesundheitsförderungsbotschaften. Das ist ein verschärfendes Problem. Dieses Problem verschärft sich wieder um auch durch die Asymmetrie der Sozialisationsinstanzen. Die Gesundheit konstituiert sich da, wo das Kind herkommt, also in der primären Sozialisationsinstanz. Das ist die Familie. Wir sollten anerkennen, dass die Gesundheitsbotschaft innerhalb des Netzes der Familie läuft. Wir bringen Unfrieden in dieses System, wenn wir die Familien von außen attackieren und die primäre Sozialisationsinstanz Eltern nicht mit ansprechen.
Ein Punkt den ich noch besonders an „Lenzgesund“ hervorheben möchte, ist die Form der Teilhabe. Beispielsweise werden innerhalb von„Lenzgesund“ Frauen zu Babysitterinnen für die Kinder anderer Frauen, oder sie werden zu Anleiterinnen von Gruppen. In Berlin gibt mit den Stadtteil-Müttern ein ähnliches Projekt. Dabei werden Mütter mit Migrationshintergrund selber qualifiziert, anderen Müttern zu helfen. Das sind Prozesse, bei denen aus der Desintegration in dem benachteiligten Stadtteil Reintegrationsprozesse werden können und zwar Reintegrationsprozesse der gesamten Familie. Daran tut es bitter Not.“



