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30.11.2007

Fakten zur gesundheitlichen Ungleichheit in Deutschland

Rike Hertwig, Gesundheit Berlin-Brandenburg

Jedes fünf­te Kind wächst mit erheblichen psychoso­zi­alen Be­las­tung­en auf. Dies stellt der Sachverständigenrat zur Be­gut­ach­tung der Si­tu­a­ti­on im Ge­sund­heits­we­sen 2007 fest. Zudem seien 15 bis 20 Pro­zent der Kinder von relativer Ar­mut und al­len da­raus folgenden Schwie­rig­keit­en und Defiziten an Teil­ha­be be­trof­fen, so der Be­richt. Zu ähn­lichen Ergebnissen kommt auch der aktuelle 13. Kinder- und Jugendbericht, der bei 20 Pro­zent der Heranwachsenden in Deutsch­land ge­sund­heit­liche Auf­fäl­lig­keit­en feststellt. Vor al­lem ein niedriger sozioökonomischen Sta­tus, geringe formale Bil­dung, Ar­beits­lo­sig­keit, der Sta­tus als Allei­nerziehende und ein Migrationshintergrund, gepaart mit Ar­mut, sind Le­bens­la­gen und Faktoren, die Be­las­tung­en und Risiken be­güns­ti­gen.

Da­ten des sozioökonomischen Pa­nels be­le­gen große Un­ter­schiede bei der Lebenserwartung in Ab­hän­gig­keit vom Einkom­men: Männer des un­teren Einkom­mensviertels ster­ben im Durch­schnitt zehn Jahre eher als Männer im oberen Einkom­mensviertel. Bei Frauen beträgt der Un­ter­schied fünf Jahre. Die An­zahl der Lebensjahre, die in gutem oder sehr gutem Ge­sund­heits­zu­stand verbracht wer­den, steht eben­falls in ei­nem en­gen Zu­sam­men­hang zum Einkom­men. So haben Männer der höchsten Einkom­mensgruppe durch­schnitt­lich 14,3 ge­sunde Lebensjahre mehr vor sich, als Männer der niedrigsten Einkom­mensgruppe. Bei den Frauen beträgt die­ser Un­ter­schied 10,2 Jahre (Lampert, Dunkelberg, 2007). Laut bundesweitem Ge­sund­heitssurvey haben Er­wach­se­ne im mittleren Le­bens­al­ter mit niedrigem Einkom­men häufiger ge­sund­heit­liche Probleme. Zu den Krank­heitsbildern, die verstärkt auf­tre­ten, zäh­len un­ter anderem Herzinfarkt, Schlag­an­fall, krankhaftes Über­ge­wicht, chronische Bron­chi­tis und De­pres­si­on (Ar­mutsbericht 2005, S. 131, un­ter Verweis auf das Telefonsurvey 2003 und Ge­sund­heitssurvey 1998).

Männer mit Volks- oder Hauptschulabschluss leiden häufiger an Herzinfarkt, An­gi­na pectoris, Ar­th­ro­se und chronischem Rü­cken­schmerz als Männer mit Fachhochschul- oder allgemei­ner Hochschulreife. Bei Frauen mit Volks- oder Hauptschulabschluss tre­ten häufiger Schlag­an­fall, An­gi­na pectoris, Blut­hoch­druck, Di­a­be­tes, chronische Bron­chi­tis, Ar­th­ro­se und chronische Rü­cken­schmerz auf (Ar­mutsbericht 2005, S. 133, Telefonsurvey  2003). Auch die Häufigkeit von starken Schmerzen un­terscheidet sich: Im Sozioökonomischen Pa­nel klagten mehr als dop­pelt so viele Männer mit niedrigerem Schul­ab­schluss über starke Schmerzen in den letzten vier Wo­chen als Männer mit Ab­itur (43 zu 19 Pro­zent). Bei den Frauen war das Verhältnis ähn­lich, je­doch der Gesamtanteil je­weils noch höher (51 zu 27 Pro­zent). Langzeitarbeitlose Männer und Frauen sind bald dop­pelt so häufig von ei­ner länger andauernden Krank­heit oder Ge­sund­heitsstörung be­trof­fen wie erwerbstätige Männer und Frauen (Ar­mutsbericht 2005, S. 138, Telefonsurvey 2003). Ar­beits­lo­se er­hal­ten umgerechnet in Tagesdosen 25 Pro­zent mehr Medikamente als Menschen mit Be­schäf­ti­gung, wie die Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se für 2005 errechnet hat.

Bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen wirkt sich die so­zi­ale Be­nach­tei­li­gung oft­mals auf ih­re  ge­sund­heit­liche Ent­wick­lung aus. So kom­men Be­ein­träch­ti­gung­en, von de­nen sich ein medizinischer Handlungsbedarf ab­lei­ten lässt, häufiger bei Kin­dern aus so­zi­al schwächeren Fa­mi­lien vor. Hierzu zäh­len un­ter anderem Sprachauffälligkeiten, psychomotorische Defizite, Adipositas, Be­ein­träch­ti­gung­en der geistigen Ent­wick­lung, psychische Er­kran­kung­en so­wie emotionale und so­zi­ale Stö­rung­en (Ar­mutsbericht 2005, S. 139, Quelle sind Bran­den­bur­ger Einschulungsun­tersuchungen 2000 und 2002).

Laut KiGGS-Studie sind psychische Auf­fäl­lig­keit­en so­gar bis zu vier Mal so häufig. Auch Unfallverletzungen und zahnmedizinische Probleme tre­ten bei so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Kin­dern vermehrt auf. (Ar­mutsbericht 2005, S. 139, nach Einschulungsun­tersuchungen in Ber­lin von 1998). Die HBSC-Studie zeigte: bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen aus dem un­teren Drittel des Wohlstandsniveaus waren verglichen mit dem oberen Drittel die ge­sund­heit­lichen Be­las­tung­en dop­pelt so hoch. Die World Vision-Kinderstudie 2007 hat mit ei­ner repräsentativen Be­fra­gung von 8- bis 11-jährigen diese Befunde erhärtet: "Die schlechteren Startchancen von Kin­dern aus den un­teren Herkunftsschichten prägen al­le Lebensbereiche und wir­ken wie ein Teu­fels­kreis. Wie ein ’roter Faden’ zieht sich ei­ne Stig­ma­ti­sie­rung und Be­nach­tei­li­gung die­ser Kinder durch das ganze Leben hindurch".

Die aktuellen Be­richte des Sachverständigenrates so­wie der 13. Kinder- und Jugendbericht stel­len zu­dem fest, dass sich viele Be­las­tung­en und Fol­gen von so­zi­aler und ge­sund­heit­licher Be­nach­tei­li­gung im Kindes- und Jugendalter fes­ti­gen - und spä­ter im Er­wach­se­nenalter ih­re Fol­gen zei­gen.

Die OECD-Studie "Growing Unequal" (2008) stellt fest: Seit dem Jahr 2000 haben in Deutsch­land Einkom­mensungleichheit und Ar­mut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land. Der An­stieg zwi­schen 2000 und 2005 übertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985 - 2000). 2005 waren mehr Er­wach­se­ne und Kinder einkom­mensarm als 1985 - d.h. diese lebten in ei­nem Haushalt mit weniger als der Hälfte des deutschen Medianeinkom­mens. Die Gesamtarmutsrate stieg von sechs Pro­zent auf elf Pro­zent, jene der Kinder von sie­ben Pro­zent auf 16 Pro­zent. Andererseits blieb die Ar­mutsrate älterer Menschen wäh­rend die­ses Zeitraums sta­bil, bei et­wa sie­ben Pro­zent für 66-74jährige und elf Pro­zent für jene über 75 Jahren. Langzeitarmut (Ar­mut wäh­rend drei und mehr Jahren) ist hingegen ein Phä­no­men, das in Deutsch­land seltener als in anderen Ländern auftritt: et­wa zwei bis drei Pro­zent der Be­völ­ke­rung sind da­von be­trof­fen, ein Pro­zent­satz, der der Hälfte dem OECD-Durch­schnitt entspricht und nur in Dä­ne­mark und den Nie­der­lan­den noch niedriger ist.

"Soziale Un­ge­rech­tig­keit tötet Menschen in großem Maß­stab". Mit die­ser eindringlichen Bot­schaft wandte sich die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­ WHO in ih­rem Be­richt „Soziale De­ter­mi­nan­ten von Ge­sund­heit“ im letzten Jahr an die Öf­fent­lich­keit. Einkom­men, Ar­beit, Bil­dung und Teil­ha­be sind entscheidende Einflussfaktoren, um ge­sund auf­wach­sen und le­ben zu kön­nen, so die WHO.

Die bundesweite Praxisdatenbank des Ko­o­pe­ra­ti­ons­ver­bun­des „Ge­sund­heits­för­de­rung bei so­zi­al Be­nach­tei­lig­ten“ gibt ei­nen Über­blick über die vielfältigen An­ge­bo­te der Ge­sund­heits­för­de­rung, die sich an so­zi­al benachteiligte Ziel­grup­pen wen­den. So kön­nen Projekte für ein breites Spek­trum so­zi­al benachteiligter Ziel­grup­pen recherchiert wer­den: von Kin­dern bis hin zu älteren Menschen so­wie in besonderen Le­bens­la­gen wie Allei­nerziehende, Ar­beits­lo­se, so­zi­al Be­nach­tei­lig­te mit Migrationshintergrund oder Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­ner von so­zi­alen Brennpunkten.

www.gesundheitliche-chancengleichheit.de

Quellen und Literatur:

BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) 2009: Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten, Ansatz - Beispiele - Weiterführende Informationen, 4. erweiterte und überarbeitete Auflage, Gesundheitsförderung Konkret Band 5. Köln: BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).
http://www.bzga.de/?uid=6e872391ca0915e8aba97b360e65360a&id=medien&sid=62&idx=1262

Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Gutachten 2009: Koordination und Integration - Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. http://www.svr-gesundheit.de   

Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - 13. Kinder- und Jugendbericht 2009, verfasst durch eine  Sachverständigenkommission im Auftrag von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=687

Erkennen - Bewerten - Handeln. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) und Empfehlungen für effektive Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2008.
http://www.kindergesundheit-info.de/index.php?id=3558#14265

Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen unter Beteiligung des GKV Spitzenverbandes (Hrsg.) 2008: Leitfaden Prävention Gemeinsame und einheitliche Handlungsfelder und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Umsetzung von §§ 20 und 20a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 2. Juni 2008
http://www.gkv-spitzenverband.de/Praevention.gkvnet

OECD-Studie "Growing Unequal" 2008: http://www.oecd.org/document/54/0,3343,de_34968570_35008930_41530998_1_1_1_1,00.html

Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO „Soziale Determinanten von Gesundheit“ 2008: http://www.who.int/social_determinants/thecommission/finalreport/en/index.html

Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“(HBSC) 2008. Weitere Informationen unter http://www.hbsc-germany.de

Soziale Ungleichheit der Lebenserwartung in Deutschland. Lampert, Thomas/Kroll, Lars Eric/Dunkelberg, Annalena, Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2007.
http://www.bpb.de/publikationen/Q0UJAH,0,Soziale_Ungleichheit_der_Lebenserwartung_in_Deutschland.html

Kinder in Deutschland 2007. Die World Vision Kinderstudie

Lebenslagen in Deutschland. Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung. (Hrsg.), April 2005
http://www.bmas.bund.de/BMAS/Redaktion/Pdf/Lebenslagen-in-Deutschland-De-821,property=pdf ,bereich=bmas,sprache=de,rwb=true.pdf

Einfluss der Einkommensposition auf die Gesundheit und Lebenserwartung. Lampert, Thomas/Kroll, Lars Eric, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Discussion papers 527 http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.43835.de/dp527.pdf

Gesundheit in Deutschland. Mit 36 Tabellen. Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt. 1. Aufl., Juli 2006 - Robert Koch-Institut.
http://www.rki.de/cln_006/nn_1001054/DE/Content/GBE/Gesundheitsberichterstattung/GesInDtld/ gesundheitsbericht,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/gesundheitsbericht

Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS-Studie), Robert Koch-Institut 2006. Weitere Informationen zu der bisher nur in Teilen veröffentlichten Studie unter http://www.kiggs.de

Gesundheitsreport 2006 von der Techniker Krankenkasse. Darin Angaben zu Arzneimittelverordnungen nach Berufsgruppen umgerechnet in Tagesdosen
http://www.tk-online.de/centaurus/generator/tk-online.de/b01__bestellungen__downloads/ z99__downloads__bilder/pdf/gesundheitsreport__2006,property=Data.pdf

Telefonischer Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts zu chronischen Krankheiten und ihren Bedingungen. Deskriptiver Ergebnisbericht. Kohler, Martin Andreas/Ziese, Thomas. Dezember 2004. Robert Koch-Institut.

Jugendgesundheitssurvey. Internationale Vergleichsstudie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO / Hurrelmann, Klaus et al (Hrsg), Weinheim: München. Juventa 2003
Bundes-Gesundheitssurvey 1998. In: Das Gesundheitswesen. Sonderheft. 61. Jahrgang. Dezember 1999. Verlag: Thieme.

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