24.05.2011
Älter werden hat viele Gesichter - Gesundheitsförderung auch
1. Hessische Landeskonferenz zum Thema "Gesund älter werden"
Denis Spatzier, Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung e.V. (HAGE)
Schlagwörter: Konferenz
Welche „Altersbilder“ bestimmen unsere Gesellschaft und wie wird man „gesund und aktiv“ älter? Mit diesen Fragen beschäftigten sich mehr als 130 Teilnehmer am 27. Januar auf einer Landeskonferenz im Haus am Dom in Frankfurt am Main. Unter der Überschrift „Altersbilder im Wandel - Herausforderungen für die Gesundheitsförderung“ trafen sich zahlreiche Experten aus Politik, Wissenschaft, kommunalen und landesweiten Institutionen sowie Ehrenamtliche und Interessierte, um gemeinsam zu diskutieren. Initiiert wurde die Landeskonferenz von der HAGE - Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung e.V. in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem Hessischen Sozialministerium. Ziel der Veranstaltung war es, anhand von Modellprojekten Lösungsansätze für das Land und die Kommune aufzuzeigen und die Akteure stärker zu vernetzen.
Der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner eröffnete die Landeskonferenz und wies in seiner Rede auf den konzeptionellen Rahmen der Veranstaltungen hin: „Die heutige Landeskonferenz ist unsere Auftaktveranstaltung für das Teilprojekt Gesund altern‘ im hessischen Gesundheitsförderungsplan GesundLeben - GesundBleiben‘ der Nachhaltigkeitsstrategie. Ziel dieses Projekts ist es, einen integralen und nachhaltigen Gesundheitsförderungsplan für Hessen zu entwickeln, der alle Lebenswelten und -phasen der Menschen in den Blick nimmt. Wir wollen über diesen Weg in den aktiven Austausch über Ansätze und Beispiele der Gesundheitsförderung für Ältere treten und einen Prozess des voneinander Lernens und miteinander Handelns anregen,“ erklärte der Minister. Im Anschluss ging die Direktorin der BZgA Prof. Dr. Elisabeth Pott in ihrem Grußwort auf die Ansatzpunkte gesundheitsförderlicher und präventiver Maßnahmen ein. „Es ist wichtig, sich an den Lebenslagen, Lebenswelten und am Alltag der Zielgruppe zu orientieren. Dort wo die Menschen leben, sollten sie auch angesprochen werden. Vor Ort ist es wichtig, dass die Akteure aus unterschiedlichen Bereichen sich gut vernetzen und eng zusammenarbeiten. Hierfür gibt es bereits zahlreiche Beispiele guter Praxis, an denen wir uns orientieren sollten.“
Zahlen und Fakten
Im Jahr 2030 wird fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung 65 Jahre und älter sein - in Hessen leben schon heute 1,2 Millionen Bürgerinnen und Bürger in dieser Lebensphase. Studien der Altersforschung ergaben, dass die Lebenserwartung in den entwickelten Ländern seit mehr als 170 Jahren um durchschnittlich fast drei Monate pro Lebensjahr steigt. Setzt sich dieser Trend fort, so ist sehr wahrscheinlich, dass ein heute in Deutschland geborenes Kind seinen 100. Geburtstag erlebt - im 22. Jahrhundert.
Dieses sich verändernde Bevölkerungsbild stellt sowohl an das Gemeinwesen als auch an das Gesundheitssystem neue Anforderungen. Umso wichtiger ist es, sich schon heute mit dem Thema auseinanderzusetzen und beispielsweise der Frage nachzugehen, wie ältere Menschen in Zukunft mit Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention zu erreichen sind. Auch die Institutionen der Europäische Union werden sich mit den Herausforderungen einer starken demografischen Alterung beschäftigen müssen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, dass das Jahr 2012 zum „Europäischen Jahr für aktives Altern“ ausgerufen werden soll.
(Vaupel, James W. (2010): Eine angeborene Lebensspanne gibt es nicht, in: Demographische Forschung - aus erster Hand, Jahrgang 7 (2010), Nr. 2, S. 4.)weniger
Das erste Expertenreferat am Vormittag wurde von Prof. Dr. Ursula Lehr gehalten. Die Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und Bundesministerin a. D. stellte noch einmal den Titel der Landeskonferenz in den Mittelpunkt und betonte in ihrem Vortrag die unterschiedlichen Altersbilder und deren Veränderungen im Lauf der Jahrhunderte. Als aktive Expertin präsentierte sie nicht nur erhellende und fundierten Fakten, sondern sorgte bei aller wissenschaftlichen Expertise hier und da auch für erfrischende Heiterkeit bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Nach einer Kaffeepause machte Prof. Dr. Andreas Kruse, Vorsitzender der Altenberichtskommission, in Bezug auf gesellschaftliche Altersbilder in seinem Vortrag deutlich, dass uns in Zukunft eine ganzheitliche Perspektive beschäftigen wird. Diese nimmt verstärkt auch Potenziale des Alterns in den Blick. „Wir stehen vor der Herausforderung, eine veränderte Sicht des Alters zu entwickeln, die auch auf die seelisch-geistigen Kräfte in dieser Lebensphase Bezug nimmt und darstellt, in welcher Weise unsere Gesellschaft von der Nutzung dieser Kräfte profitieren könnte.“ Ein einseitige Betrachtungsweise des Alters, so führte Prof. Kruse weiter aus, „[…] engt - indem es offene oder verborgene Altersgrenzen fördert - nicht nur die Zukunftsperspektiven älterer Menschen ein, es trägt auch dazu bei, dass die potenziellen Kräfte des Alters gesellschaftlich nicht wirklich genutzt werden: Und dies kann sich gerade eine alternde Gesellschaft nicht leisten.“
Die anschließende Mittagspause bot die Gelegenheit sich intensiv über das bisher Gehörte auszutauschen. Kabarettistin Sabine Schossig-Roevenich sorgte dafür, dass nach dem Mittagessen keine Müdigkeit aufkam. Bei einer kleinen aktiven Mitmachaktion, an der sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer rege beteiligten, wurden neben den Lachmuskeln auch andere Körperteile auf Vordermann gebracht. In den Gesundheitsforen am Nachmittag wurde verschiedenen Modellprojekten aus den hessischen Kommunen die Möglichkeit gegeben, sich einem breiteren Publikum vorzustellen. Nach Darstellung der Projekte nutzten die interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, um zu den Themenschwerpunkten wie beispielsweise Selbstständigkeit und Bewegung im Alter sowie alternsgerechtes Arbeiten gezielte Nachfragen zu stellen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer interessierte insbesondere, wie die Modellprojekte auf andere Kommunen übertragen werden können.
Fotogalerie Landeskonferenz Hessen "Altersbilder im Wandel - Herausforderungen für die Gesundheitsförderung"
(zum Anschauen bitte die Bilder anklicken)
Am späten Nachmittag fanden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer abschließenden Podiumsdiskussion im Großen Saal des Hauses zusammen. Zu der Diskussionsrunde waren sowohl Verantwortliche aus den Institutionen der Gesundheitsförderung und Prävention als auch Vertreterinnen und Vertreter der Senioren, Ärzte- und Wissenschaft eingeladen. Weitgehend einig waren sich die Gäste darüber, das es große Unterschiede zwischen dem chronologischen und dem so genannten „gefühlten“ Alter gibt. Deutlich wurde auch, dass der Gesundheitszustand im Alter schon während der Kindheit und im Laufe des Erwachsenenlebens entscheidend beeinflusst werden kann. Prof. Dr. Elisabeth Pott (BZgA) betonte noch einmal, dass die Kompetenzen und Stärken älterer Menschen in den Mittelpunkt rücken müssen. Darüber hinaus bekräftigte sie, dass gute Gesundheitsförderung und Prävention entsprechende Rahmenbedingungen und Infrastruktur benötigt.
Die Dokumentation der Veranstaltung können Sie hier herunterladen (PDF-Datei, 2.5 MB).
Insgesamt hat die erste Landeskonferenz zum Thema „Gesund Altern“ gezeigt, dass in Hessen bereits zahlreiche Modellprojekte zu den einzelnen Schwerpunktthemen auf den Weg gebracht worden sind. Doch das bedeutet nicht, dass man den zukünftigen demografischen Veränderungen entspannt entgegensehen kann. Vielmehr ist es wichtig, dass diese Projekte verstetigt und weiterentwickelt werden. Insbesondere müssen gute Praxisbeispiele auf andere Kommunen übertragen werden, um gesundes und aktives Altern in ganz Hessen zu ermöglichen. Dazu bedarf es eines aktiven Austauschs zwischen den verschiedenen Akteuren aus Politik, Praxis und Wissenschaft. Nur wenn diese aufeinander zugehen, voneinander lernen und sich Synergien entwickeln, wird man den Herausforderungen einer zunehmenden demografischen Alterung effektiv begegnen können. Die Potenziale älterer Menschen für die Gesellschaft zu nutzen, ist sicherlich sinnvoll und in Anbetracht des Entwicklungstrends unausweichlich. Dies wird aber nur gelingen, wenn die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden, die ältere Menschen nicht nur motivieren, sondern auch befähigen, ihre potenziellen Kräfte und Stärken in die Gesellschaft einzubringen.
Der Artikel erschien ebenfalls in der Zeitschrift HAGE Hintergrund 1/11, die auch auf den Seiten der Arbeitsgemeinschaft heruntergeladen werden kann.



