22.02.2012
Das Wohnquartier als gesunde Lebensumwelt im Alter
Wie können die Wohn- und Lebensbedingungen zu einem selbstständigen und gesunden Leben im Alter beitragen?
Dr. Birgit Wolter, Institut für Gerontologische Forschung e.V.
Schlagwörter: Bewegungsförderung, Broschüre, Good Practice, Setting, Sozialraum, Stadtentwicklung
Das Wohnen, die Wohnsituation und das Wohnumfeld haben einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität im Alltag und auf die Gesundheit. Im Alter wächst diese Bedeutung noch zusätzlich. Die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen möchte in der eigenen Wohnung ihren Lebensabend verbringen. Wie können die Wohn- und Lebensbedingungen zu einem selbstständigen und gesunden Leben im Alter beitragen? Die Studie „Wohnen im Alter“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bauen und Stadtentwicklung (BmVBS) schreibt in diesem Zusammenhang: „Eine „altersgerechte Wohnung“ umfasst nicht nur eine weitgehend barrierefreie/-reduzierte Wohnung, sondern auch ein barrierefreies/-reduziertes Wohnumfeld, die ortsnahe Verfügbarkeit wesentlicher Infrastruktureinrichtungen sowie soziale und pflegerische Unterstützungsangebote.“ (BmVBS 2011: 25). Diese über die Wohnung hinausgehenden Anforderungen beruhen auf der Erkenntnis, dass das selbstständige Wohnen im Alter nicht nur von der Barrierearmut der Wohnung selbst abhängt, sondern auch von der Qualität des Wohnumfeldes und den Möglichkeiten, sich eigenständig versorgen zu können und mobil zu sein.
Im Alter verändern sich häufig die Mobilitätsmöglichkeiten und -chancen. Viele ältere Menschen legen im Durchschnitt weniger und dafür kürzere Wege zurück, zugleich nimmt die Zeit, die für eine bestimmte Strecke erforderlich ist, zu (vgl. hierzu die Studie “Mobilität in Deutschland 2008, herausgegeben vom BmVBS 2010). Die Aktionsräume werden kleiner und es werden durchschnittlich weniger Orte aufgesucht. Der Alltag konzentriert sich stärker auf die eigene Wohnung und das Quartier. Darüber hinaus nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden im Alter deutlich ab, wie die Daten des Deutschen Alterssurvey von 2010 zeigen. Die Angst vor Stürzen oder Übergriffen im öffentlichen Raum führt dazu, dass Außerhausaktivitäten bevorzugt im Hellen erledigt werden. Die Zeitfenster, die älteren Menschen vor allem im Winter zur Verfügung stehen, sind daher äußerst klein.
Die Gefahr eines Rückzuges aus der Öffentlichkeit und schließlich der Vereinsamung in der eigenen Wohnung wächst, je stärker die Mobilität eingeschränkt ist, je mehr soziale Kontakte verloren werden, weil Freunde und Bekannte erkranken oder sterben, und je beschwerlicher ein aktives Leben ist. Nicht selten ist ein starker Wille, Hartnäckigkeit und unter Umständen auch das Inkaufnehmen von Unbequemlichkeiten erforderlich, um trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen mobil und aktiv zu bleiben. Vor diesem Hintergrund kann das Wohnumfeld ein aktives Leben im Alter zusätzlich erschweren oder hingegen erleichtern.
Ein gutes Wohnumfeld für ältere Menschen fördert durch seine räumlichen und sozialen Strukturen die aktive Nachbarschaft und wirkt integrativ für jede Generation. Öffentliche Räume, die barrierearm und anregend sind, und soziale Angebote, die niedrigschwellig und bedarfsgerecht sind, können entscheidend zu einem gesunden, aktivierenden und förderlichen Wohnumfeld beitragen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote, Geschäfte und medizinischer Einrichtungen erlaubt die selbstständige Versorgung auf kurzen Wegen. Sichere, barrierearme Gehwege, die in einem guten Zustand, beleuchtet und belebt sind, ermöglichen es auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu jeder Tageszeit aus dem Haus zu gehen. Öffentliche Orte mit hoher Aufenthaltsqualität und attraktiven Sitzgelegenheiten animieren die Bewohner und Bewohnerinnen dazu, sich zu treffen, soziale Kontakte zu knüpfen und am nachbarschaftlichen Leben teilzunehmen. Schließlich können niedrigschwellige Sport- und Bewegungsangebote einen konkreten Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten.
Eine attraktive, schöne Umgebung verführt zu außerhäuslichen Aktivitäten und fördert so physisches und psychisches Wohlbefinden. Eine lebendige Nachbarschaft entsteht nicht zuletzt auch durch die Beteiligung der Bewohnerschaft an der Gestaltung und Entwicklung ihres Quartiers. Auf diese Weise können die unterschiedlichen lokalen Bedürfnisse berücksichtigt werden und gleichzeitig wird die Identifikation mit dem eigenen Viertel gestärkt. Eine ausgeprägte Beteiligungskultur ist zugleich der direkte Weg, die bestehenden Aktivitäten im Quartier bekannt zu machen. Häufig werden Angebote nicht genutzt, weil sie den Bedarfen der Zielgruppe nicht entsprechen oder einfach nicht bekannt sind.
Drei gute Beispiele für eine bedarfssensible Gestaltung, eine vorbildliche Beteiligungskultur und eine niedrigschwellige Öffentlichkeitsarbeit:
Die Stadt Frankfurt am Main hat im Rahmen ihres Konzeptes zur Nahverkehrsmobilität das Forschungsprojekt „Vernetzte Spiel- und Begegnungsräume“ im Frankfurter Nordend durchgeführt. Das Projekt wurde gefördert durch das Bundesprogramm “ExWoSt (Experimenteller Wohn- und Städtebau) des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BmVBS). Im Zentrum des Vorhabens stehen den Verantwortlichen zufolge “einfache, kostengünstige und wirkungsvolle Lösungen für den Fußverkehr. Dazu gehören “Sitzrouten, die durch unterschiedliche Sitzgelegenheiten entlang augewählter Wege gebildet werden und älteren Menschen zur Förderung ihrer Mobilität “Orte der Immobilität (!) anbieten. Auf diese Weise wurde eine Kette von attraktiven Orten geschaffen, die zum Verweilen auffordern und ausdrücklich die Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist, in den öffentlichen Raum einladen. Genaueres zum Projekt können Sie in der entsprechenden Broschüre der Stadt Frankfurt am Main nachlesen (PDF-Dokument, 2,7 MB).
Die Beteiligung der Bewohner und Bewohnerinnen bei der Gestaltung ihres Wohnumfeldes stellt in der Praxis noch zu häufig die Ausnahme dar. Ein gelungenes Beispiel für eine Nutzerbeteiligung ist das Projekt “Denk-Sport-Spiel-Parcours in Bremerhaven. Der Träger, das Förderwerk Bremerhaven, realisierte das Projekt mit Fördermitteln des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BmVBS) aus dem Bund/Länder-Programm „Soziale Stadt“zwischen März 2009 und April 2010. Zusammen mit der Bewohnerschaft im Quartier Wulsdorf - Ringstraße in Bremerhaven wurden an zwei Orten im Wohnumfeld bewegungs- und gesundheitsfördernde Stationen entworfen und realisiert. Durch die frühzeitige und konituierliche Beteiligung junger und älterer Menschen konnten die unterschiedlichen Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigt und ein für alle Generationen attraktives Angebot geschaffen werden. Mehr zum Projekt können Sie in der Praxisdatenbank nachlesen.
Von erheblicher Bedeutung für ein lebendiges Quartier und für die Aktivierung der Zielgruppen ist die Kommunikation bestehender Angebote. Die Praxis zeigt, dass häufig gut geplante Angebote ungenutzt bleiben, weil sie nicht wahrgenommen werden oder potentielle Adressaten sich nicht angesprochen fühlen. Zielgruppenspezifische Kiezstadtpläne, die es in zahlreichen Städten für Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen gibt, können die Öffentlichkeitsarbeit der Anbieter unterstützen. Zugleich können besondere Eigenschaften des Quartiers, wie barrierearme Wege, Sitzgelegenheiten oder öffentliche Toiletten in einem kleinteiligen Maßstab eingetragen werden. Ein Beispiel hierfür ist der “Seniorenstadtplan, der für das Märkische Viertel in Berlin durch das Netzwerk Märkisches Viertel e.V., einem Zusammenschluss unterschiedlicher Einrichtungen, Unternehmen und sozialer Träger, entwickelt wurde. In Kooperation mit älteren Bewohnern und Bewohnerinnen werden soziale und kulturelle Angebote, Ärzte und Apotheken, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitstätten erfasst und auf einer Quartierskarte verzeichnet. Diese wird vom Netzwerk produziert und kostenlos an die älteren Menschen im Märkischen Viertel verteilt. Weitere Informationen hierzu finden Sie auf der folgenden Website.
Diese beispielhaften Maßnahmen tragen zu einer Wohnumwelt bei, die das Leben im Alltag erleichtern und die Gesundheit fördern kann - nicht nur für ältere Menschen. Ein attraktives, vielfältiges und lebendiges Wohnquartier, das von der Bewohnerschaft nach den eigenen Bedürfnissen (mit-)gestaltet wird, bereichert den Alltag und letztlich auch die Stadt als Ganzes.



