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10.11.2011

Rückblick auf die Tagung "Gesundheit nachhaltig fördern - Qualität und Effizienz in der Prävention"

Interview mit Prof. Dr. Petra Kolip, Universität Bielefeld, über die Qualität in der Prävention

Prof. Dr. Petra Kolip, Universität Bielefeld

Schlagwörter: Fachtagung, Interview, Prävention

Am Mittwoch, den 19.10.2011, fand in Kooperation von Gesundheit Berlin-Brandenburg, dem AOK-Bundesverband und der Forschungsgruppe Public Health des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung die Herbsttagung „Gesundheit nachhaltig fördern - Qualität und Effizienz in der Prävention“ statt. Über 120 Teilnehmende aus Wissenschaft, Praxis und Politik trafen sich im Wissenschaftszentrum Berlin und diskutierten intensiv zwei zentrale Fragen: Wie müsste eine breit angelegte Präventionsstrategie aussehen und wie kann eine zielführende Qualitätsentwicklung in der Prävention gelingen?


Darüber, wie ein abgestimmter Gesamtrahmen für die Qualitätsentwicklung in der Prävention und Gesundheitsförderung geschaffen werden kann, sprach Gesundheit Berlin-Brandenburg im Nachgang der Tagung mit Prof. Dr. Petra Kolip, Universität Bielefeld.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für die systematische Etablierung von Qualitätsentwicklung in der Praxis von Gesundheitsförderung und Prävention?  

Kolip: In den vergangenen Jahren hat die Qua­li­tätsdiskussion in Prä­ven­ti­on und Ge­sund­heits­för­de­rung kräf­tig Schwung be­kom­men. Zahlreiche An­ge­bo­te wurden entwickelt, um unterschiedliche Aspekte der Planungs-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zu för­dern und es wurden Handreichungen erarbeitet, die es Prak­ti­ke­rin­nen und Praktikern ermöglicht, die für sie passenden An­ge­bo­te auszuwählen. Dennoch sind wir von ei­ner strukturellen Verankerung noch weit ent­fernt: Noch im­mer kön­nen mit Mitteln der öffentlichen Hand geförderte Projekte oh­ne systematisches Qua­li­tätsmanagement und/oder oh­ne Eva­lu­a­ti­on durchgeführt wer­den. Hier ei­ne Verbindlichkeit zu schaffen, scheint mir ein nächster wichtiger Schritt zu sein. Dass hierfür dann auch Res­sour­cen zur Verfügung gestellt wer­den müs­sen - Qua­li­tät ist nicht um­sonst zu haben -, sollte selbst­ver­ständ­lich sein, ist es in An­be­tracht knapper Res­sour­cen aber lei­der nicht.

Wie kann die Qualitätsentwicklung der Angebote vor Ort kurz- und mittelfristig unterstützt werden?

Kolip: Nach mei­ner Er­fah­rung sind Prak­ti­ker und Prak­ti­ke­rin­nen vor Ort sehr am The­ma Qua­li­tät in­te­res­siert. In zahlreichen Bundesländern fin­den, or­ga­ni­siert von den Landesvereinigungen für Ge­sund­heit, Qualifizierungen der Pra­xis statt. Hier zeigt sich: Prak­ti­kerInnen brau­chen Un­ter­stüt­zung da­bei, das für sie passende An­ge­bot zu fin­den. Manche Qua­li­tätsangebote sind ja recht um­fas­send und er­for­dern viele Res­sour­cen für die Ein­ar­bei­tung. Da will ich vor Ort schon wis­sen, ob das in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen steht und ob ich das über­haupt leis­ten kann. Wir brau­chen auf Lan­des­ebe­ne Be­ra­tungsangebote, die die konkreten Vorhaben zum Aus­gangs­punkt neh­men. Dies ließe sich aus mei­ner Sicht re­la­tiv unaufwändig or­ga­ni­sie­ren: Die vorhandenen Strukturen in den Landesvereinigungen für Ge­sund­heit, et­wa die Regionalen Kno­ten oder die Zentren für Bewegungsförderung, kön­nen genutzt wer­den. Hier braucht es dann ergänzend Personen, die einen Über­blick über Instrumente und Verfahren haben (auch in den Randgebieten der Ge­sund­heits­för­de­rung), die Schu­lung­en or­ga­ni­sie­ren und Be­ra­tung an­bie­ten. Hiermit wären wir einen wichtigen Schritt in Rich­tung mehr Qua­li­tät gegangen.

Wie kann der Austausch über Erfahrungen mit Prozessen und Ansätzen der Qualitätsentwicklung sicher gestellt werden?

Kolip: Bislang funktioniert die­ser Aus­tausch in­for­mell ganz gut. Die Ent­wick­ler und Ent­wick­lerinnen von Instrumenten und Verfahren haben sich im Arbeitskreis Qua­li­tätsentwicklung in der Ge­sund­heits­för­de­rung zu­sam­men gefunden und haben die Vor- und Nachteile der einzelnen An­ge­bo­te kol­le­gi­al ausgetauscht. Dennoch: Dieser Arbeitskreis ist oh­ne strukturelle Anbindung und trifft sich dann, wenn es spezifische Anliegen gibt. Sicherlich wä­re es hilfreich, wenn wir in Deutsch­land ei­ne Koordinierungs- und Transferstelle Qua­li­tät hätten, die das The­ma sys­te­ma­tisch bearbeitet und in diesem Zu­sam­men­hang auch zu ei­nem regelmäßigen Aus­tausch einlädt. Auch hierfür ließen sich ja die vorhandenen Strukturen nut­zen, z.B. die BZgA, die sich mit ei­nem erweiterten Auf­trag und den entsprechenden Res­sour­cen um diese Auf­ga­be kümmern könnte.

Wie kön­nen Qua­li­tätserfordernisse der Pra­xis bun­des­weit verbreitet und gestärkt wer­den? Auf der Ta­gung „Ge­sund­heit nach­hal­tig för­dern - Qua­li­tät und Ef­fi­zi­enz in der Prä­ven­ti­on“ am 19.11.2011 im WZB wurden bei­spiels­wei­se zentrale Datenbanken oder ei­ne Leit­stel­le Qua­li­tät als „IQWiG der Prä­ven­ti­on“ diskutiert. Wie schät­zen Sie diese Vorschläge ein?

Kolip: Ein wichtiger As­pekt in der Qualitätsdiskussion ist si­cher­lich die Planungsqualität: Vorerfahrungen müs­sen genutzt wer­den und Interventionen sollten theoretisch untermauert sein - kurz: Interventionen müs­sen evidenzbasiert sein. Die Pra­xis ist aber häufig mit dem Auf­trag überfordert, diesen Qualitätsaspekt zu bearbeiten, weil es in Deutsch­land, an­ders als z.B. in den USA oder Aus­tra­li­en, kei­ne Da­ten­banken gibt, in der die wissenschaftliche Li­te­ra­tur zu Interventionsbereichen praxistauglich aufbereitet wird. Hier ist in Deutsch­land ein großer Be­darf und in der Tat wä­re es hilfreich, wenn es ein IQWiG für Prä­ven­ti­on gä­be, weil die internationalen Da­ten­banken nur sel­ten hilfreich sind. Ge­sund­heits­för­de­rung muss im­mer den - auch lokalen und regionalen - Kon­text be­rück­sich­ti­gen. Für ei­ne solche Da­ten­bank braucht es vor allem politischen Wil­len: Auch die­ser Qualitätsaspekt erfordert nachhaltige Res­sour­cen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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