27.12.2011
Gesundheitsförderung im Quartier
Persönliche Ansprechpartner für Ältere
Dr. Kerstin Kammerer, Institut für Gerontologische Forschung e. V.
Schlagwörter: Kommentar, Prävention
Soziale Ungleichheit wirkt sich auf viele Bereiche des Lebens aus. Die Unterschiede hinsichtlich der Verfügbarkeit von finanziellen und kulturellen Ressourcen gehen mit einem unterschiedlich guten Zugang zu Informationen einher. Auch im Rahmen der Untersuchungen in verschiedenen Projekten am Institut für Gerontologische Forschung e.V. (vgl. www.igfberlin.de) zeigte sich, dass sozial benachteiligte ältere Menschen häufig weniger gut informiert sind als besser gestellte Ältere1. Nicht nur der Bildungsgrad, auch die Qualität des Wissens in den sozialen Netzwerken unterscheiden sich je nach sozialer Position. Dies betrifft auch das Gesundheits- bzw. Krankheitswissen und Kenntnisse über Möglichkeiten der Prävention. Dabei sind sozial benachteiligte Ältere bekanntermaßen gesundheitlich besonders gefährdet, so dass der Zugang zu Informationen, sei es spezifisches Wissen über Krankheiten, Beratungsstellen oder Gesundheitsförderungsangebote, für diese Gruppe besonders wichtig ist.
Daher stellt sich die drängende Frage, wie Informationen über Gesundheit, Krankheit und Vorsorge sozial benachteiligte Menschen am besten erreichen. Und wie lassen sich Informationen so platzieren, dass sie auch bei dieser Zielgruppe ankommen?
In Befragungen in verschiedenen Projekten des IGF wurde immer wieder deutlich, dass sich ältere und hochaltrige Menschen persönliche Ansprechpartner wünschen. So wird beispielsweise der Wunsch nach einem Hausmeister geäußert, der bei Fragen und kleinen Reparaturen weiterhilft, oder nach der Sozialarbeiterin, die früher immer zur selben Zeit im Seniorenwohnhaus beriet und schon seit Jahren bekannt war, inzwischen aber nicht mehr finanziert werden kann. Hinzu kommt, dass es mitunter eine Vielzahl von Informationen über Angebote aller Art im Quartier gibt, es allerdings - nicht nur Älteren - häufig schwerfällt, deren Seriosität und Nutzen einschätzen zu können. Während sich jüngere Menschen zunehmend auf Informationen aus dem Internet stützen und zur Einschätzung der Qualität von Angeboten und Waren auf die Bewertungen anderer NutzerInnen zurückgreifen, nutzen Ältere und Hochaltrige das Internet kaum. Sie informieren sich bei Menschen, die sie lange kennen und als vertrauenswürdig einschätzen, fragen Bekannte und Verwandte im Umfeld. Dieselbe Strategie wenden viele MigrantInnen, insbesondere jene mit niedriger formaler Bildung, an. In Untersuchungen zeigt sich immer wieder, dass sich ältere MigrantInnen vor allem im sozialen Umfeld informieren oder bei MultiplikatorInnen, die ihr Vertrauen genießen und ihre Sprache sprechen. Je älter die Menschen sind, umso häufiger sind sie außerdem zusätzlich in ihrer Mobilität beeinträchtigt, wodurch sich ihr Leben noch stärker auf das Quartier konzentriert. Damit gewinnt die Qualität der Angebote und sozialen Kontakte im Umfeld noch an Bedeutung.
Persönliche Ansprechpartner im Quartier - wie lässt sich das verwirklichen?
Im Stadtteil Tegel-Süd des Berliner Bezirkes Reinickendorf wurde im Rahmen des Forschungsprojektes „Gesundheitswirtschaft im Quartier“2 die Idee persönlicher Ansprache weiterentwickelt. In Kooperation mit der Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG und einem von dem gemeinnützigen freien Träger Albatros e.V. getragenen Stadtteilladen wurde nach Wegen gesucht, lokale Potenziale dafür zu erschließen.
In Tegel-Süd ist der Anteil älterer Menschen mit 22,1 Prozent etwas höher als im Berliner Durchschnitt (18 Prozent). Auch der Anteil der MigrantInnen über 65 Jahre liegt hier mit 7,13 Prozent3 etwas höher. Die meisten Menschen in Tegel-Süd leben in mehrgeschossigen Wohnhäusern, die in den 60er und 70er Jahren errichtet wurden, nur der südliche Teil besteht aus kleineren Ein- oder Mehrfamilienhäusern. In den Untersuchungen im Rahmen des Projekts zeigte sich, dass es vergleichsweise wenige Gewerbeflächen gibt und Angebote der Gesundheitswirtschaft teilweise fehlen. Die Versorgung im Quartier ist vor allem für Ältere mit Mobilitätseinschränkungen schwierig. Hilfs- und Beratungsangebote inner- und außerhalb des Quartiers sind den befragten Älteren wenig bekannt.
Auf Basis dieser und weiterer Untersuchungsergebnisse wurde gemeinsam mit den Kooperationspartnern das Konzept für eine „LotsIn für Gesundheit und Lebensumfeld“ erarbeitet, welches zurzeit umgesetzt wird. Eine offizielle Einführung der Lotsin, die sich derzeit in ihre neue Aufgabe einarbeitet, wird im nächsten Frühjahr im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung stattfinden.
Aufgabe der Lotsin wird die Vermittlung zwischen BewohnerInnen und Angeboten im Quartier sein. An zwei Tagen in der Woche wird sie in Tegel-Süd unbürokratisch über Hilfsangebote, Ansprechpartner bei Behörden oder der Wohnungsbaugesellschaft, Geselligkeitsangebote oder Anbieter von Dienstleistungen informieren. Gleichzeitig erhält sie Kenntnis von ungedeckten Bedarfen, die sie an die zuständigen Stellen weiterleiten kann. Dabei informiert sie auch zugehend über ihr Angebot: Sie knüpft an die bestehenden Strukturen an, stellt sich in bestehenden Gruppen und Treffpunkten älterer Menschen vor, in Seniorenwohnhäusern, auf Veranstaltungen sowie bei den Kirchen und spricht mit den BewohnerInnen und Gewerbetreibenden im Quartier. Sie organisiert darüber hinaus Informationsveranstaltungen, z.B. in Kooperation mit dem Pflegestützpunkt.
Perspektivisch gibt es noch weitere Möglichkeiten der Lotsentätigkeit: Im Projekt wurde festgestellt, dass bestimmte Angebote der Gesundheitswirtschaft fehlen. Andererseits gibt es überall in Berlin bereits mobile Unternehmer, z.B. mobile Optiker und Orthopäden, die ihr Angebot dorthin bringen, wo es gebraucht wird. Da manche Menschen nicht gerne Fremde in die Wohnung lassen, die mobilen Anbieter wiederum froh sind, wenn sie mehrere Termine an einem Ort bündeln können, bietet sich ein zentraler Ort im Quartier zur Bündelung von Angeboten und Anfragen an. Die Termine können bei entsprechender Nachfrage durch die Lotsin koordiniert werden.
Möglich wurde die Umsetzung der Lotsenidee durch die engagierten Partner, die Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG und Albatros e.V. und deren räumliche, personelle und finanzielle Ressourcen. Finanziert wird die Teilstelle von der GEWOBAG, die zudem einen Gewerberaum zur Verfügung stellt. Für die Wohnungsbaugesellschaft wird durch das Beratungsangebot der Lotsin für Gesundheit und Lebensumfeld das Wohnangebot attraktiver, andererseits erhält sie auch Kenntnisse über die ungedeckten Bedarfe der BewohnerInnen. Eine Evaluation und die Prüfung der Übertragbarkeit des Modells auf andere Stadtteile und Regionen sind für das nächste Jahr vorgesehen.
1) vgl. z.B. Falk et al. (2011) Arm, alt, pflegebedürftig. Selbstbestimmungs- und Teilhabechancen im benachteiligten Quartier. Edition Sigma, Berlin.
2) Das Projekt „Gesundheitswirtschaft im Quartier“ wurde vom ESF im Programm PEB (Partnerschaft - Entwicklung - Beschäftigung) gefördert und vom Institut für Gerontologische Forschung e.V. in Kooperation mit dem Bezirksamt Reinickendorf und den Wohnungsbaugesellschaften GEWOBAG und GESOBAU durchgeführt.
3) Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Stand 31.12.2008



