Good Practice Kriterien
Die vorliegenden zwölf Kriterien wurden vom beratenden Arbeitskreis des Kooperationsprojektes „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ entwickelt. Sie sind das Ergebnis einer intensiven Diskussion von Wissenschaft und Praxis und beziehen sowohl Forschungsergebnisse als auch entwickelte Qualitätsinstrumente ein. Sie berücksichtigen insbesondere drei Aspekte:
- Die Kriterien orientieren sich am inhaltlichen Ziel des Projektes: Die Berücksichtigung der Bedarfslagen, Ressourcen und Belastungen sozial benachteiligter Zielgruppen soll zur Verminderung von gesundheitlicher Ungleichheit führen.
- Die Kriterien spiegeln das umfassende Konzept von Gesundheitsförderung der WHO wider, das zur Stärkung von Gesundheitsressourcen und -potenzialen der Menschen auf allen Ebenen ansetzt. Gesundheitsförderung soll Menschen befähigen, ihre Kontrolle über die Faktoren, die ihre Gesundheit beeinflussen, zu erhöhen und dadurch ihre Gesundheit zu verbessern. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Setting-Ansatz, der neben der Stärkung der individuellen Ressourcen auch auf die aktive Gestaltung gesundheitsfördernder Lebenswelten abzielt.
- Schließlich berücksichtigen die Kriterien auch das wachsende Interesse von Zuwendungsgebern, Fachöffentlichkeit und Zielgruppen an der Qualität von Projekten und der Legitimität der Verwendung öffentlicher Mittel und Spenden.
Die Kriterien sind im Einzelnen:
Einschlusskriterien
Es liegt eine Konzeption vor, aus der ein klarer Zusammenhang zu Gesundheitsförderung und / oder Prävention hervorgeht sowie eine hierauf basierende Zielformulierung. Diese Konzeption liegt schriftlich vor und ist allen Mitarbeiter/innen bekannt. Sie enthält einen klaren Bezug auf die Verminderung sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit und ist Leitlinie und Referenz für die Gestaltung und Bewertung der täglichen Arbeit.
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Die Zielgruppe ist im Konzept des Angebotes präzise bestimmt. Sie gehört zu einer oder mehreren sozial benachteiligten Gruppen oder Lebenslagen, die im Erhebungsinstrument der Praxisdatenbank „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ aufgeführt sind. Die gesundheitsfördernden Aktivitäten sind darauf ausgerichtet, die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten sowie die gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen dieser Zielgruppe(n) nachhaltig zu verbessern (Setting-Ansatz). Das Angebot berücksichtigt die besonderen Bedarfslagen und Möglichkeiten dieser Gruppe(n) und ist in seiner Anlage darauf ausgerichtet, diese zielgenau zu erreichen (Niedrigschwelligkeit).
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Auswahlkriterien
Das Angebot hat innovativen Charakter bzw. innovative Aspekte und strebt die kontinuierliche, das heißt nachhaltige Fortführung erfolgreicher Angebotskomponenten an.
Sowohl der innovative Charakter („neue Problemlösungen“, „neues Lernen für andere“) als auch die Kontinuität (langfristige Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten) können Hinweise auf „Good Practice“ sein. Sie stehen manchmal jedoch in einem Spannungsverhältnis zueinander, da Innovatives eher in kurzfristigen Angeboten entwickelt wird und Kontinuität sich eher in Regelangeboten beweist. Beide Komponenten sind zu würdigen, und es ist zu beurteilen, welche Aspekte für den Transfer auf andere Angebote besonders wichtig sind. Zu berücksichtigen sind sowohl befristete als auch kontinuierliche Angebote. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Nachhaltigkeit, sowohl hinsichtlich der Angebotsstrukturen als auch der Wirkungen bei den Zielgruppen.
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Ein Multiplikatorenkonzept legt fest, auf welche Art ausgewählte Multiplikatoren/innen in die Umsetzung eines Angebots eingebunden und für diese Arbeit qualifiziert werden. Sie können über das Projekt informieren, den Zugang herstellen und/oder nach einer entsprechenden Qualifizierung selbst Projektinhalte umsetzen. Multiplikatoren/innen für Angebote der Gesundheitsförderung können „Professionelle“ (z.B. Ärzte/innen, Sozialarbeiter/innen, Verwaltungs-mitarbeiter/innen) oder ausgewählte, von Peers akzeptierte und glaubwürdige Angehörige der Zielgruppe sein. Diese Personen, Gruppen und/ oder Institutionen können ein Projekt im Rahmen von professionellen Zusammenhängen oder sonstigen Aktivitäten wirkungsvoll unterstützen (integriertes Handlungskonzept/ Vernetzung), indem sie die Reichweite erhöhen, die Umsetzung unterstützen oder zum Aufbau neuer Strukturen beitragen.
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Variante 1: Das Angebot ist aufsuchend, begleitend und/oder nachgehend angelegt und orientiert sich an der Lebenswelt der Zielgruppe (Settingansatz). Angebote die niedrigschwellig arbeiten, gehen unmittelbar auf die ihre Zielgruppe zu, um sie zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt erreichen zu können. Das Wahrnehmen, Verstehen und Wissen über den Alltag und die jeweilige Lebenssituation der Zielgruppe ist dabei Grundvoraussetzung.
Variante 2: Eine niedrigschwellige Arbeitsweise zeichnet sich dadurch aus, dass Hindernisse für den Zugang zum Angebot aus Zielgruppenperspektive reflektiert und vermieden werden. Um die Erreichbarkeit der Zielgruppe zu erhöhen, werden als mögliche Zugangshürden
- organisatorische Voraussetzungen (z.B. Zeit, Raum, Kosten, Anmeldungsformalitäten),
- inhaltliche Faktoren (z.B. Bedarfsgerechtigkeit, zielgruppenangemessene/ kulturspezifische Vermittlung),
- und andere Faktoren, wie z.B. Kenntnis über das Angebot
berücksichtigt. Dabei stellt das Wahrnehmen, Verstehen und Wissen über den Alltag und die jeweilige Lebenssituation der Zielgruppe eine Grundvoraussetzung dar; ebenso wie die genauere Differenzierung der Zielgruppe (Zielgruppen-bestimmung Konzeption).
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Partizipation der Zielgruppe bedeutet nicht nur Teilnahme, sondern auch aktive Teilhabe (Entscheidungskompetenz) bei allen wesentlichen Fragen der Lebensgestaltung.
Die Zielgruppe soll befähigt werden (à Empowerment), ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und Wünsche, Ideen und Vorstellungen bei der Planung, Umsetzung und Durchführung gesundheitsfördernder Aktivitäten einzubringen. Partizipation ist ein Entwicklungsprozess, bei dem die Zielgruppe zunehmend Kompetenzen gewinnt, um aktiv Einfluss auf Entscheidungen nehmen zu können.
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Die Intervention zielt darauf ab, die Zielgruppe(n) durch den Aufbau und die Stärkung der eigenen Fähigkeiten sowie durch die Entwicklung von individuellen und gemeinsamen Handlungsstrategien zur Selbsttätigkeit und Selbstbestimmtheit zu befähigen. Dieser Prozess greift die Stärken und Ressourcen der Zielgruppe(n) auf und entwickelt diese weiter.
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Der Begriff „Setting-Ansatz“ wird im deutschsprachigen Raum oft mit „Lebenswelten-Ansatz“ übersetzt. Die Bedingungen in den Settings / Lebenswelten, z.B. am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Wohnumfeld (Nachbarschaft) haben einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit, ein gesundes Leben zu führen. Gesundheitsförderung nach dem Setting-Ansatz stärkt zum einen die individuellen Fähigkeiten und Ressourcen der Menschen im Setting und arbeitet an einer gesundheitsgerechten Gestaltung der Bedingungen, die durch individuelles Handeln nicht oder nur wenig verändert werden können (z.B. Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen oder Kommunikationsstrukturen).
Gesundheitsförderung nach dem Setting-Ansatz ist also mehr als Gesundheitsförderung in der Lebenswelt. Der Setting-Ansatz bezeichnet den Entwicklungspfad zur Schaffung einer „gesunden Lebenswelt“.
Für die Umsetzung des Setting-Ansatzes sind drei Aspekte zentral:
- Stärkung von Kompetenzen und Ressourcen der im Setting lebenden Personen (individuelle Ebene - „Verhaltensprävention“)
- Entwicklung gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen (Ebene der Strukturbildung - „Verhältnisprävention“)
- Beteiligung aller Personen(gruppen) im Setting
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Die Vernetzung mit den anderen Akteurinnen und Akteuren im lokalen und fachlichen Umfeld trägt dazu bei, dass die gesundheitsförderlichen Aktivitäten / das Angebot sich bedarfsgerecht in die bestehende Angebotslandschaft einfügen. Systematische Vernetzungsarbeit fördert den Austausch von Informationen, wechselseitiger Unterstützung und kann der Ausgangspunkt für gemeinsame oder koordinierte Aktivitäten unterschiedlicher Akteure mit gemeinsamen Zielsetzungen oder Interessen sein. Die aktive Beteiligung in kontinuierlich arbeitenden Netzwerken (z.B. Quartiersforen oder thematische Arbeitskreise) trägt zur Nachhaltigkeit und Transparenz der Vernetzungsaktivitäten bei.
vgl. auch Good Practice-Kriterien für Netzwerke der Gesundheitsförderung
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Qualitätsentwicklung bzw. Qualitätsmanagement zielen darauf ab, Maßnahmen fachgerecht, am Bedarf auszurichten, sowie zielgruppenadäquat zu planen, umzusetzen und weiterzuentwickeln. Es handelt sich dabei um einen kontinuierlichen und systematischen Reflexions- und Lernprozess. Qualität wird nicht als einmal geschaffener Wert betrachtet, sondern sie wird immer wieder überprüft, verbessert und weiter entwickelt.
Eine zielgruppenorientierte Sichtweise sowie die à Partizipation von Betroffenen und Beteiligten sind wichtige Voraussetzungen für eine gelungene Qualitätsentwicklung bzw. ein gelungenes Qualitätsmanagement. Der Prozess kann intern (durch eigene Mitarbeiter/innen) oder mit externer Unterstützung erfolgen.
Folgende Bereiche müssen regelmäßig auf Verbesserungspotenziale hin untersucht werden:
- Planung: Grundlage des Konzepts, z.B. Bedarfsanalyse, Zielgruppen-bestimmung, Zielformulierung (abgeleitet aus der Konzeption).
- Strukturen: Rahmenbedingungen, z.B. Räume, nötige Kompetenzen, Finanzen (auch für Qualitätsentwicklung bzw. Qualitätsmanagement selbst).
- Prozesse: Art der Tätigkeiten, z.B. Umgang mit Konflikten, Partizipation der Zielgruppe, vernetzte Arbeitsweise, niedrigschwellige Arbeitsweise.
- Ergebnisse: Wirkungen - insbesondere in Bezug auf formulierte Ziele (Dokumentation und Evaluation), z.B. Verhaltensänderungen der Zielgruppe, Steigerung der Zufriedenheit mit dem Angebot, strukturelle Verankerung von gesundheitsförderlichen Strukturen.
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Evaluation und Dokumentation werden zur Qualitätsentwicklung im Angebot umgesetzt. Sie dienen dazu, die Arbeitsabläufe zu strukturieren und zu unterstützen und die formulierten Ziele im Projektverlauf zu überprüfen.
Die Dokumentation bildet die Inhalte und Ergebnisse der Arbeitsprozesse ab (z.B. durch Besprechungsprotokolle, Veranstaltungsdokumentationen oder die Sammlung erstellter Materialien) und macht sie auch nach längerer Zeit oder für Außenstehende transparent.
Die Evaluation nutzt die dokumentierten Informationen, analysiert und bewertet diese vor dem Hintergrund der gesetzten Ziele. Arten der Evaluation sind die interne Evaluation (Selbstevaluation) und die externe Evaluation (Fremdevaluation).
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Die Kosten stehen in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen. In Bezug auf Kosten und Nutzen (bzw. Aufwand und Ertrag) ist zu prüfen, ob hierfür Kennzahlen eingesetzt werden können.
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