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Kapitel 3 - Das Quartier für Ältere gesundheitsförderlich gestalten

3D-Würfel

Der durchschnittliche Aktionsradius ist im Alter, wenn z.B. das Geld für den Bus nicht reicht oder öffentliche Verkehrsmittel schlecht erreichbar sind, häufig auf den Stadtteil begrenzt. Gesundheitsförderung im Quartier, die Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit und Autonomie im Alter ist dann davon abhängig, ob im Quartier ausreichend viele und unterschiedliche Einrichtungen zur Deckung von Alltagsbedürfnissen vorhanden sind. Eine kleinräumige, vielfältige Nutzungsmischung sollte ein vorrangiges Ziel und Interesse bei der Quartiersplanung sein. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure erleichtert das Kompensieren von Bedarfslagen und Versorgungslücken. In gut funktionierenden Netzwerken können Angebote besser aufeinander abgestimmt und die Adressaten von gesundheitsförderlichen Maßnahmen leichter erreicht werden.

mehrere Personen, die vor einem Computer sitzen

© Anja Weber

Einschränkungen in Bezug auf finanzielle Mittel, Bildung, Kultur und soziale Netzwerke verstärken sich oft gegenseitig und führen dazu, dass sozial benachteiligte alte Menschen von den Angeboten in ihrer direkten Nachbarschaft abhängig sind. Ein schlechter Zugang zu Informationsquellen wie z.B. Internet oder Zeitung und eine geringe Mobilität schränken den Aktionsradius stark ein. Da sozial benachteiligte ältere Menschen geringe Wahlmöglichkeiten haben, teurere oder entferntere Alternativangebote zu nutzen und so die Angebotspalette des Quartiers gemäß ihrer individuellen Bedürfnisse zu ergänzen, verstärkt ein schlecht ausgestattetes Quartier soziale Benachteiligung noch zusätzlich. Die erfolgreiche Entwicklung und Umsetzung der Angebote sollte unter Einbeziehung der Betroffenen erfolgen, da nur dies die passgerechte Gestaltung und spätere Annahme garantiert (vgl. Arbeitshilfen Heft 2 Kapitel 5 und Beispiele für Partizipation in diesem Heft am Ende von Kapitel 1).

Quartierszentrum Hirschberg

Nach vielen Monaten umfangreicher Planungen und zäher Verhandlungen mit Betreibern von Versorgungseinrichtungen ist es der städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Zusammenarbeit mit den Projektverantwortlichen der Sozialen Stadt gelungen, ein Projekt auf die Beine zu stellen, welches neben der Verbesserung der Versorgungssituation auch mehrere sozialstrukturelle und städtebauliche Mängel nachhaltig kompensieren soll. Auf zwei bisher bebauten Grundstücken der Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH wird nun ein Quartierszentrum mit einer leistungsfähigen Nahversorgungseinrichtung (Vollsortimenter), Eigentumswohnungen (z.T. behindertengerecht, bzw. orientiert am Wohnbedarf von Senioren und Seniorinnen) und weiteren Dienstleistungen (z.B. Arztpraxen) neu gebaut.

Die mit der Ansiedlung des Vollsortimenters angestrebte Verbesserung und Stabilisierung der Nahversorgungsfunktion in der Hirschbergsiedlung spielt hierbei eine herausragende Rolle. Die weiteren geplanten Dienstleistungsangebote unterstreichen die Zentrumsfunktion und runden das Versorgungsangebot für die Bevölkerung ab.

Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

Lichtenberger Spaziergangspaten

Spazierengehen in der Gruppe ist eine kostenlose Möglichkeit zur Gesundheitsförderung, Sturzprophylaxe und eine Gelegenheit soziale Kontakte zu pflegen. Das Bezirksamt Berlin-Lichtenberg hat gemeinsam mit örtlichen Krankenhäusern und der Wohnungsbaugesellschaft Hohenschönhausen ein Spaziergangspatenprogramm entwickelt. Ziel des Projekts ist die Bewegungsförderung durch ehrenamtlich begleitete Spaziergänge in kleinen Gruppen. Dazu wurden in verschiedenen Zeitungen über Anzeigen ältere Menschen als Paten gesucht, die regelmäßig mit Gruppen von maximal 10 älteren Personen spazieren gehen. Außerdem wurde ein vierstündiger kostenfreier Basiskurs angeboten, um die Freiwilligen zu unterstützen, Ältere zu aktivieren und in Kontakt miteinander zu bringen. Zahlreiche Ältere haben sich daraufhin gemeldet und Erwartungen und Anforderungen eingebracht. Nach den Qualifizierungsmaßnahmen sind mehrere Spaziergangsgruppen für unterschiedliche Zielgruppen entstanden.

Weitere Informationen über Zentrum für Bewegungsförderung Berlin www.in-form.de

zwei Hände

© fotolia.com, chris74

Der Ausbau einer lokalen Angebotsstruktur, die Gestaltung eines komfortablen, sicheren und anregenden Wohnumfeldes, der Abbau von Barrieren und die Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens zählen zu den wichtigen Handlungsfeldern für Gesundheitsförderung im Quartier. Die Ausstattung im Bezug auf Einzelhandel, Ärzte, Beratungsstellen, Begegnungsstätten, Kultur- und Bildungsangeboten wirkt sich unmittelbar auf die Lebensqualität im Alltag aus.

Ausrufezeichen

Geht es um die Ermittlung der Pflege­infra­struktur im Quartier, sind Pflege­dienste eine gute Informations­quelle.

Unterschiedliche Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs, Freizeit- und Kulturangebote sowie Arztpraxen und medizinische Versorgungseinrichtungen in fußläufiger Nähe zur Wohnung sind grundlegende Anforderungen an ein gut ausgestattetes Quartier. Entsprechende Angebote sollten in strukturschwachen Wohnsiedlungen durch eine gezielte Ansiedelungspolitik von Wohnungsbaugesellschaften oder Kommunen unterstützt werden.

Es sollte im Stadtteil viele Angebote geben, die direkt und indirekt gesundheitsförderliche Wirkung haben, z.B. Seniorengymnastik, gemeinsames Wandern oder Radfahren, Kochgruppen für Männer, Witwen- oder Trauergruppen, Chöre, Ausflüge etc. Ein Schlüsselthema ist jedoch der Aufbau sozialer Netzwerke in der Nachbarschaft. Sie vermitteln Zugang zu unterstützenden Angeboten und (fast allen) anderen Themen und Informationen.

Netzwerk Märkisches Viertel

In diesem Netzwerk haben sich unterschiedliche Dienstleistungsanbieter zusammengefunden, um ältere Bewohnerinnen und Bewohner in der Bewältigung des Alltags, der Freizeitgestaltung, der (Weiter-)Bildung bis hin zur Pflege zu unterstützen.

Durch die Kooperation von Wohnungsbaugesellschaft, Initiativen, Vereinen, Unternehmen und Gewerbetreibenden sollen die Lebenssituation der älteren Menschen und die Qualität der Angebote verbessert, Angebotslücken geschlossen und ein Zugang zu Angeboten erleichtert werden. Ein Beirat der älteren Bewohnerinnen und Bewohner wurde eingerichtet, um deren Erfahrungen und Erwartungen aufnehmen zu können.

Weitere Informationen hierzu unter www.netzwerkmv.de

Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Rahmen des nationalen Aktionsplans IN FORM am 26. Februar 2009 in Berlin gemeinsam mit dem Institut für Gerontologie an der Technischen Universität Dortmund die Fachtagung „Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen im Setting Kommune“ veranstaltet. Dort wurden Erfahrungen aus Modellprojekten vorgestellt sowie Probleme und Lösungsansätze bei der praktischen Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention bei älteren Menschen im Setting Kommune aufgezeigt.

Die Dokumentation der Tagung ist im Internet unter: www.tagung-gesundheitsfoerderung.de verfügbar.

Das SeniorenNetzwerk in Köln

In Köln haben sich SeniorenNetzwerke etabliert. Dies sind offene Zusammenschlüsse, mehrheitlich bestehend aus Seniorinnen und Senioren aus einem Stadtteil, die aber auch für Institutionen (wie Wohnungsbaugesellschaften) und Akteure der Seniorenarbeit offen sind. Ziel dieser Zusammenschlüsse ist, dass Menschen sich im Stadtteil begegnen und für sich und andere aktiv werden. Dies kann im Rahmen von Nachbarschaftscafés, Wandergruppen, Heimwerkerdiensten, Vortragsreihen etc. geschehen. Zum Teil arbeiten die Netzwerke mit hauptamtlichen Netzwerkkoordinatoren, die vom Amt für Soziales und Senioren finanziert werden, zum Teil sind sie auch selbstorganisiert oder entstanden aus einer Altentagesstätte oder einem Begegnungszentrum heraus.

Weitere Informationen hierzu unter: www.seniorennetzwerke-koeln.de

Darüber hinaus hat das Institut für Gerontologie eine Expertise „Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen im Setting Kommune“ erstellt. Im Rahmen dieser Expertise werden Präventionspotenziale älterer Menschen, der Settingansatz, die gegenwärtige Praxis gesundheitsfördernder Interventionen sowie die Gesundheitsförderung älterer Menschen auf kommunaler Ebene vorgestellt.

Die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Städten und Gemeinden 2007 bieten außerdem einen Überblick darüber, was aus Sicht der Städte und Gemeinden bereits getan und für wichtig erachtet wird. Die Expertise wird vom Bundesministerium für Gesundheit veröffentlicht unter: www.bmg.bund.de/ nn_1168248/SharedDocs/ Publikationen/DE/ Praevention/F-10002-gesundheitsfoerderungaeltere-menschen-settingkommune.html

kleine Wandergruppe

© fotolia.com, Daniel Etzold

Ältere Menschen nehmen präventive Angebote am besten an, wenn sie in ihrem vertrauten Wohnumfeld direkt angesprochen werden. Die Maßnahmen sollten möglichst an bestehende Strukturen im Quartier anknüpfen, die örtliche Angebotspalette sinnvoll ergänzen und durch niedrigschwellige, barrierefreie Informationen bekannt gemacht werden.

Präventionsangebote, über die der Stadtteil verfügen sollte:

  • Aktivierung zu Mobilität (Spaziergangsgruppen, Schwimmtreff, Gartenarbeit, Tanzgruppen)
  • Geistige Aktivierung (Kultur, Musik, Weiterbildung, Sprache)
  • zielgruppengenaue Präventionsangebote (z.B. für Männer, Migranten und Migrantinnen)
  • Angebote für Selbstversorgung, Alltagshilfen, Beratung (Kochkurse, Haushaltshilfen, Lebenshilfe, Rechtsberatung)
  • Angebote für Hochaltrige und Gebrechliche, stationäre und ambulante Versorgung, temporäre Unterstützung, Bringdienste im Quartier (Essens- und Medikamente- Bringdienste, Besuchsdienste), Mobilitäts- und Begleitdienste, Hospizdienste

Checkliste: Gesundheitsförderliche Maßnahmen initiieren

  • Welche gesundheitsbezogenen oder -relevanten Angebote existieren bereits
  • vor Ort?
  • Welche Zielgruppen werden darüber erreicht? Welche nicht?
  • Welche Präventionsbedarfe und -potenziale bestehen?
  • Wer muss einbezogen werden innerhalb der Kommunalverwaltung?
  • Wie wird die Beteiligung der Zielgruppen (Partizipation) sicher gestellt?
  • Was sind geeignete Maßnahmen für den Einstieg?
  • Wie werden Erfolge und Misserfolge wann festgestellt und gemessen?

Quelle: Altgeld, 2009

Checkliste: Mögliche Projekt- oder Netzwerkpartner

  • Öffentlicher Gesundheitsdienst
  • Krankenkassen (z.B. Präventionsangebote), Pflegekassen und MDK (z.B. Pflegestützpunkte)
  • Hausarztpraxen und sonstige für ältere Menschen bedeutsame fachärztliche Gruppen
  • Apotheken, Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen (ambulant, teil- und -stationär)
  • Träger der ambulanten, teilstationären und stationären Pflege (öffentlich, kirchlich, privat)
  • Private Anbieter von gesundheitsbezogenen Maßnahmen (Gesundheitszentren, Fitness- und Sportstudios, Tanzschulen und andere Anbieter von Kursen zu bestimmten Themenfeldern)
  • Ernährungsberatung für ältere Menschen, Veranstalter von Kochkursen
  • Altenhilfe und sonstige Beratungsstellen für ältere Menschen
  • Senioren- und Behindertenorganisationen
  • Vereine, insbesondere Sport- und Bewegungsvereine
  • Freizeit- und Kultureinrichtungen, Migrantenorganisationen
  • Bildungseinrichtungen für ältere Menschen, Volkshochschulen
  • Seniorentreffs, Bürgertreffs, Nachbarschaftszentren
  • Zusammenschlüsse von Betroffenen und Angehörigen, Selbsthilfegruppen
  • Seniorenbeiräte, Organisatoren von Aktionskreisen, Aktionswochen
  • ehrenamtlich aktive Personen und Organisationen im Stadtteil
  • Quartiersmanagement ?städtische bzw. stadtteilbezogene Behörden und öffentliche Einrichtungen
  • Kirchengemeinden und andere Religionsgemeinschaften
  • Polizei (z.B. Sicherheitstraining für ältere Menschen)
  • Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften (z.B. Nachbarschaftstreffs)
  • Verkehrsverbund (z.B. Mobilitätstraining für ältere Menschen)
  • Einzelhändler und Dienstleister mit lokaler Verwurzelung, Gewerkschaften und Wirtschaft
  • sonstige Organisationen, Arbeitsgruppen und Verbände

(nach Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, 2009, S. 39)

Gesicht einer älteren Frau von der Seite

© fotolia.com, Alta.C

Nahe gelegene und barrierefreie Versorgungsstrukturen ermöglichen nicht nur den selbstständigen Einkauf, sondern sind auch eine Möglichkeit zur Teilnahme am öffentlichen Leben. Auch niedrigschwellige Treffpunkte im öffentlichen Raum, z.B. gut erreichbare Plätze oder Grünanlagen mit Bänken, sind eine Möglichkeit, soziale Kontakte herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Versorgungsangebote wie z.B. Mittagstische und öffentliche Kantinen bieten nicht nur preisgünstige Mahlzeiten für Ältere, sondern auch Gelegenheiten, andere Menschen zu treffen.

Solche vielfältigen Angebote, die sich an die unterschiedlichen Bedürfnisse nicht nur älterer Menschen richten und eine kleinteilige, an den Besonderheiten des Quartiers orientierte Mischnutzung bieten, erhöhen Generationen übergreifend die Attraktivität eines Wohngebietes für alle Bewohner und Bewohnerinnen.

Abbau von Barrieren

Viele Anforderungen an die Barrierefreiheit öffentlicher Räume sind generationenübergreifend. Andererseits erleichtert die barrierearme Gestaltung öffentlicher Räume oftmals die Nutzung bestimmter Bereiche für die eine Gruppe, erschwert aber gleichzeitig eine Nutzung durch andere Menschen (z.B. die Anforderungen an die Barrierearmut seitens Menschen mit Mobilitäts- und Menschen mit Sehbeeinträchtigungen). Insofern ist Barrierearmut immer auch ein Abwägen unterschiedlicher Interessen. Neben den üblichen Aspekten, die im barrierearmen Bauen berücksichtigt werden, sollten spezifische Einschränkungen älterer Menschen bei der Gestaltung öffentlicher Räume beachtet werden, z.B. langsamere Bewegungsabläufe, verzögerte Reaktionen, ein eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen (Sehen, Hören), Orientierungsschwierigkeiten, eine geringere physische Belastbarkeit, Blasenschwäche oder Demenz.

Daraus ergeben sich über die üblichen Kriterien der Barrierearmut hinaus folgende Anforderungen an ein barrierearmes Wohnquartier:

  • ausreichend lange Ampelphasen
  • eindeutige optische und akustische Signale
  • klare Beschilderungen mit großer Schrift und verständlichen Aussagen
  • Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum
  • öffentliche Toiletten
  • Qualifizierung von öffentlichen Akteuren
  • (Polizei, ÖPNV-Bedienstete, Einzelhandel) im Umgang mit Demenzkranken

Vielfältige und niedrigschwellige Angebote im Quartier unterstützen die geistige und körperliche Mobilität, indem z.B. zu außerhäuslicher Aktivität und sozialer Teilhabe ermuntert wird.

Rundgänge mit Tiefgang

Die Stadt Köln hat in verschiedenen Stadtteilen Rundgänge geplant, die zu Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten in den jeweiligen Stadtteilen führen. Das Angebot ist auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt. So werden öffentliche Toiletten, Sitzgelegenheiten etc. in den kleinen Stadtplänen ausgewiesen. Die Rundgänge sollen Geist und Körper anregen und für Bewegung und neue Kontakte Anreize schaffen.

Weitere Informationen hierzu unter www.stadt-koeln.de/3/ gesundheit/gesund-im-alter/ bewegung/00276/#ziel_0_21

So sollte ein komfortables, sicheres und anregendes Wohnumfeld gestaltet sein:

Vermeidung von Angsträumen:

  • übersichtliche, einsehbare öffentliche Plätze und Straßen
  • gute Beleuchtung
  • regelmäßige Pflege und Instandhaltung öffentlicher Bereiche
  • öffentliche Nutzung der Erdgeschosszonen der Häuser

Verständliche und leicht erkennbare Orientierungssysteme und Gestaltung:

  • klare Wegführung
  • eindeutige, gut lesbare Orientierungssysteme (Schilder, Farbleitsysteme)
  • kleinteilige, unterschiedliche Gestaltung der Erdgeschosszonen (vor allem in Großwohnsiedlungen sind die Erdgeschosszonen der Wohnhäuser häufig einheitlich gestaltet. Dadurch ist die Orientierung für manche ältere Menschen erheblich erschwert.)
  • deutlich voneinander getrennte Flächen im öffentlichen Raum, z.B. Bereiche der verschiedenen Verkehrsteilnehmer, Grünfläche vs. Stellplätze etc.

Anpassung des ÖPNV an die Bedürfnisse älterer Menschen:

  • Niederflurbusse, Ein- und Ausstiegshilfen
  • ausreichend lange Türöffnungszeiten
  • genügend Haltegriffe
  • deutliche Stationsansagen
  • barrierefreie und überdachte Haltestellen mit Sitzgelegenheiten

Komfortable Ausstattung des öffentlichen Raumes:

  • Ruhebänke
  • witterungsgeschützte Verweilmöglichkeiten
  • öffentliche Toiletten
  • Stellplätze für Rollatoren Attraktive Angebote im Wohnumfeld:
  • Spazierwege
  • Bewegungsangebote (z.B. Sportplätze, Schwimmbäder)
  • Kulturelle Angebote
  • Märkte
  • Nachbarschaftstreffpunkte

Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens:

  • Anlässe und Orte der Begegnung schaffen
  • aktives Mietermanagement
    - Generationen übergreifende Belegungspolitik bei Neuvermietung
    - Schlichtungsangebote bei Konflikten
  • nachbarschaftliches Engagement unterstützen

Öffentlicher Raum - Ort für soziale Kontakte

Ein lebendiges Quartier braucht öffentlichen Raum, der als Treffpunkt dient, zur Beschäftigung und zur Bewegung einlädt.

Tenever Fonds

Ein Verfügungsfonds (vgl. Heft 3, Kapitel 4 - Finanzierung) im Quartier Bremen-Osterholz-Tenever ermöglicht gemeinschaftlich organisierte Aktivitäten und Aktionen in der Nachbarschaft und im Wohngebiet. Die geförderten Aktivitäten sollen das öffentliche Erscheinungsbild des Quartiers, öffentliche Grün- und Freiflächen und öffentlich genutztes Wohnumfeld verbessern, die Aneignungs- und Nutzungsmöglichkeiten durch Bewohnerinnen und Bewohner erhöhen und durch gemeinschaftliche Aktivitäten das soziale Klima positiv beeinflussen. Voraussetzungen sind eine selbstorganisierte und partnerschaftliche Vorgehensweise, die Generationen übergreifend beteiligt. Die Übernahme der gemeinsamen Verantwortung für die Durchführung der Aktionen ist unabdingbare Voraussetzung der Förderung.

Ziel ist

  • die Bereitschaft zum selbstverantwortlichen Handeln von engagierten Gruppen im Gebiet zu unterstützen
  • die Entscheidung zur Vergabe von aktionsbezogenen Zuschüssen auf die lokale Ebene (Delegationsprinzip) zu verlagern und
  • die Arbeitsebenen der Verwaltung in der Umsetzung des Programms „Wohnen in Nachbarschaften (WiN) Stadtteile für die Zukunft entwickeln“ durch Verabschiedung einer „Bagatell-Regelung“ zu entlasten.

So konnten z.B. die „Aneignung“ und bessere Nutzung von öffentlichen Flächen, Plätzen und an „sozialen Orten“ durch Aufstellung einzelner Geräte, Bänke, „Möblierung“ usw. gefördert und Nachbarschaftsaktivitäten, Straßenfeste, „Stadtausflüge“ von Bewohnerinnen und Bewohnern unterstützt werden.

Weitere Informationen hierzu unter: www.sozialestadt.de

Ludwigsburg, Eglosheim II

Mit integrierten Konzepten kann mehr aus öffentlichen Einrichtungen gemacht werden. So wurde im Quartier Eglosheim II im Rahmen der Modernisierung einer Sporthalle ein Anbau als zusätzlicher Mehrzweckraum realisiert. Damit wurde ein öffentlicher Raum als Ort der sozialen Begegnung verschiedener Alters- und Bewohnergruppen geschaffen. Es ist eine Anlaufstelle für die Eglosheimer Bürgerschaft und ein Kristallisationspunkt für bürgerschaftliches Engagement entstanden.

Zu den Angeboten gehören

  • ein Mittagstisch, der dreimal in der Woche günstige warme Mahlzeiten bietet und einen Treffpunkt für ehrenamtlich Aktive darstellt
  • Maßnahmen zur Qualifikation und Arbeitsförderung für Frauen im Bereich Service und Bewirtschaftung
  • Kulturelles und soziales Programm - Beratung, genutzt durch soziale Organisationen und ehrenamtliche Aktivitäten
  • ein Runder Tisch, als organisatorischer Rahmen zur Koordination und Verstetigung des Projektes

Gerade der Mittagstisch hat sich zu einem wichtigen Kommunikations- und Kontaktort entwickelt und ist für viele Menschen - insbesondere für ältere alleinlebende Menschen mit wenig Geld und ohne Familie - zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden. Für die Besucherinnen und Besucher ist es eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Ein solcher generationen- und kulturübergreifender Treffpunkt und das darum bisher entstandene Netz an Kontakten und Beziehungen hatten im Stadtteil bisher gefehlt.

Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

ältere Personen beim Kartenspielen

© Anja Weber

Wenn die persönlichen Ressourcen eingeschränkt sind, gewinnt die Nachbarschaft eine besondere Bedeutung. Sie kann fehlende soziale Kontakte und Einbindung ausgleichen und Hilfe bei fehlender Infrastruktur im Lebensumfeld geben.

Im Fachheft „Zum Zusammenhang von Nachbarschaft und Gesundheit“ der BZgA (Richter, Wächter, 2009) wird die Bedeutung nachbarschaftlicher Netzwerke für die Gesundheit sowie die Chancen aber auch Verfahren ihrer Initiierung von außen dargestellt. Nachbarschaftliche Netzwerke fördern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und dienen der Integration. Sie können tragfähige soziale Bindungen vermitteln, die sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Das eigene Engagement kann eine gesundheitsförderliche Wirkung entfalten. Für andere wichtig zu sein und Sinn und Erfüllung in der Tätigkeit zu finden, ist gerade für Ältere ein großer Gewinn.

Alte Menschen profitieren in besonderem Maße von der Unterstützung im Alltag. Besonders in (gesundheitlichen) Krisensituationen hat nachbarschaftliche Hilfe eine große Bedeutung.

Nachbarschaftliche Netzwerke entstehen über Gemeinsamkeiten wie räumliche Nähe, ein gemeinsames Interesse oder Problem. „Überforderte“ und heterogene Nachbarschaften sind durch soziale Konflikte und Problemlagen gekennzeichnet. Die Bereitschaft, sich zusammen zu finden, kann auch bei einer heterogenen Zusammensetzung zu positiven Anlässen (z.B. Sommerfest, Flohmarkt) größer sein, als wenn es allein z.B. um einen Konflikt geht (Richter, Wächter, 2009, S. 23).

Kind sitzt auf den Schultern eines älteren Mannes

© fotolia.com, nyul

Gerade die heterogene Zusammensetzung kann in Netzwerken einen besonderen Gewinn darstellen. Es werden Erfahrungen und Lernprozesse ermöglicht, die neue Perspektiven und Zugänge eröffnen und sich als ein wichtiger Erfahrungsschatz, auch zur Überwindung herkömmlicher Vorstellungen, darstellen können.

  • Nachbarschaftliche Netzwerke haben den stärksten Effekt für das Wohlbefinden der Einzelnen und für das Klima im Quartier, wenn sie von einer „Ebenbürtigkeit in der sozialen Beziehung“ geprägt sind. Das Engagement für die hilfebedürftigen Nachbarn kann für die Unterstützenden auch gleichzeitig die eigene soziale Integration in das Umfeld verbessern und ihnen einen Zuwachs an sozialen Beziehungen oder einen persönlichen Gewinn beispielsweise in Form eines „Bedeutungszuwachses“ bringen.
  • Gut gemeinte Aktionen von engagierten Helfern und Helferinnen können bei denen, die auf die Hilfeleistungen angewiesen sind, jedoch auch „Schamgefühle über die eigene Hilfsbedürftigkeit“ erzeugen (Richter, Wächter, 2009, S. 23).

Die sozialen Netzwerke von Menschen in schwierigen Lebenslagen sind oft lokal begrenzt und in der Regel klein. Um tragfähige Beziehungen und neue Informationen und Impulse zu unterstützen, braucht es neben Aktiven aus der Bewohnerschaft häufig auch professionelle Unterstützung oder externe Partner und Partnerinnen, die das Vertrauen der Bewohnerinnen und Bewohner erwerben. Ein Treffpunkt an einem öffentlichen Ort oder in einer etablierten Einrichtung dient dann der weiteren Umsetzung und schafft erste Identität.

Besonders wichtig ist es, die Ergebnisse des Nachbarschaftsnetzwerks nach innen und außen darzustellen. Der gemeinsame Erfolg stärkt die Gruppe und macht die Aktivitäten der Gruppe auch für andere attraktiv (Richter, Wächter, 2009, S. 42 ff.).

Dem gegenüber stellt es ein großes Hemmnis für erfolgreiche Netzwerkarbeit dar, wenn negative soziale Kontrolle, Anpassungsdruck an eine Gruppe und Ausgrenzung einzelner oder Minderheiten die Nachbarschaft prägen. Dies baut psychischen Druck auf, der eine gesundheitliche Belastung sein kann. Für den Aufbau von nachbarschaftlichen Netzwerken sind solche Einflüsse ebenso schädlich wie hierarchische Strukturen und selbsternannte Expertinnen und Experten, welche die partnerschaftliche Kommunikationsebene gefährden (Richter, Wächter, 2009, S. 51 f.).

Der Senioren-Einkaufs-Service Rosenheim

Der Senioren-Einkaufs-Service (SES) wird von Bewohnern und Bewohnerinnen für die Nachbarschaft organisiert. Alle 14 Tage wird diese Fahrt von ihnen ehrenamtlich organisiert, um Senioren und Seniorinnen die notwendigen Einkäufe zu ermöglichen. Gerade im städtischen Planbezirk 251, dem Gebiet rund um die Lessingstraße, Sepp-Sebald-Siedlung, Herderstraße, Burgfriedstraße, Am Breitenfeld etc., aber auch in anderen Straßen des Stadtteils leben viele ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen. Es gibt keine wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten. Aufgrund der schlechten Einkaufsmöglichkeiten im Stadtteil können ältere Bewohnerinnen und Bewohner ihren Lebensbedarf nicht decken. Der Mini-Laden bietet zwar eine Auswahlmöglichkeit an Lebensmitteln, jedoch ist das Angebot begrenzt. Da auch die Fahrt mit dem Linienbus oftmals zu teuer für die Senioren und Seniorinnen ist, bietet der SES eine Alternative für sie. Sie werden mit ihren Einkäufen bis vor die Haustüre gebracht, damit sie die schweren Taschen nicht tragen müssen.

Der SES ist für die Senioren und Seniorinnen eine willkommene Abwechslung, da die „Truppe“ immer wieder gerne auch einen Abstecher in ein nettes Café macht. Somit können sie sich austauschen und mal wieder etwas anderes sehen.

Eine Fahrt mit dem SES kostet für die Mitfahrenden 0,75 Euro pro Einkaufsfahrt (Hin- und Rückfahrt). Einen entsprechenden Gutschein-Ausweis mit 5 Einkaufsfahrten kann man im Bürgertreff oder im Bürgermobil direkt beim Fahrer kaufen. Der Beitrag wird für den Unterhalt des Kleinbusses verwendet.

Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

„Wir haben gerade festgestellt, dass es ganz wichtig ist, dass die Hilfe sehr schnell greift, weil die Leute in solchen Krisen ihre Bezüge oft verlieren und auch die Familien dazu neigen, wenn die denn in Restbeständen noch da sind, in Panik eine Schnelllösung zu finden. Das bedeutet bei sehr alten, kranken Menschen auch oft die unnötige, zu schnelle Einweisung in ein Pflegeheim, meistens auch gegen den Wunsch der Betroffenen. Sind sie aber in einem solchen sozialen Netz eben drin, gelingt es deutlich besser, auch bei schweren Krankheiten den Menschen in seinem Bezug zu lassen.“

(zitiert nach Richter, Wächter, 2009, S. 55)

Manchmal besteht bei den Nachbarn auch Scheu, sich „einzumischen“ und Grenzen zu überschreiten. Hier können im Quartier Anlässe zu einer ersten Kontaktaufnahme geschaffen werden. So übernimmt kein Pflegedienst die Bepflanzung des Balkonkastens. Für viele Leute, die nicht mehr raus können, ist das jedoch wichtig. Wenn es durch die Nachbarschaftshilfe gelingt, hier eine Unterstützung zu geben, dann ist das ein großer Gewinn für die Betroffenen und öffnet Türen für einen ersten Kontakt.

Checkliste: Lebendige Nachbarschaft gestalten

  • Bewohnerstruktur auswerten
  • bestehende und fehlende Angebote ermitteln und Lücken schließen
  • Barrieren erkennen und abbauen
  • Bedürfnisse erfragen (z.B. mit aktivierender Befragung)
  • Potenziale identifizieren und Schlüsselpersonen entdecken
  • Anbieter vernetzen (möglichst verbindliche Formen der Zusammenarbeit)
  • „gute Orte“ schaffen (schön, sauber, interessant, geschützt, öffentlich)
  • Synergieeffekte (positive Wirkungen die aus der Zusammenarbeit entstanden sind) nutzen
  • Anlässe für Teilhabe und nachbarschaftliche Begegnung schaffen

„Zugang“ heißt Abholen

Der Zugang zu sozial benachteiligten älteren Menschen ist häufig schwierig. Dies kann verschiedene Gründe haben. Negative Erfahrungen mit Institutionen und Angst vor der Dominanz oder Herablassung Anderer können Misstrauen aufbauen. Auch fehlende Informationen, die Angst vor unseriösen Angeboten oder die mangelnde Überzeugung der eigenen Wirkungskraft können eine Ansprache erschweren.

Der Zugang über Infobroschüren, Aushänge oder Anschreiben ist in diesen Fällen wenig erfolgversprechend. Sie werden in der alltäglichen Informationsflut häufig nicht beachtet oder es ist schwierig, deren Seriosität einzuschätzen. Auch die Ansprache im öffentlichen Raum bringt diese Probleme mit sich. In der Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (DiFu2007) im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gaben Kommunen auf die Frage, welche Gruppen von gesundheitsförderlichen Maßnahmen schlecht erreicht werden folgende Rückmeldung (Angaben in Prozent):

Abbildung 5: Durch Maßnahmen der Gesundheitsförderung schwer erreichbare Gruppen (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, S. 38, 2007

Abbildung 5: Durch Maßnahmen der Gesundheitsförderung schwer erreichbare Gruppen (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, S. 38, 2007

Die Rückmeldungen zeigen, dass ältere Frauen besser erreicht werden als ältere Männer. Gesundheitsförderungsangebote sind bislang auch mehr auf den Bedarf von Frauen abgestellt. Angebote für Männer sollten deren Interessen besser Rechnung tragen und z.B. an Fähigkeiten anknüpfen, die durch deren berufliche Biografie geprägt sind.

eine Gruppe von Frauen, die sich an den Händen halten

© Anja Weber

Migrantinnen und Migranten müssen beim Zugang zu gesundheitlicher Versorgung oft sprachliche Hürden überwinden. Hinzu kommen „kulturelle Barrieren“ in der gesellschaftlichen Kommunikation (was ist höflich, aufdringlich, unverschämt). Auch kulturelle Unterschiede hinsichtlich der Einstellung zu Gesundheit oder Geselligkeit sind Hindernisse. So sind z.B. viele ältere Frauen aus islamisch geprägten Kulturen weniger bereit, Gesundheits­förderungs­angebote wahrzunehmen, wenn sie sich nicht ausschließlich an Frauen richten. Weiter kann die Teilnahme­bereitschaft an solchen Angeboten erhöht werden, wenn der Großteil der Teilnehmenden aus der eigenen Gemeinschaft der Zielgruppe stammt.

Eine stärkere Partizipation von Migranten und Migrantinnen bei Gesundheits­förderungs­maßnahmen kann dazu beitragen, gemeinsam bedarfsgerechtere Angebote zu entwickeln. Letztendlich sollten Gesundheits­förderungs­maßnahmen nicht zu einer Verstärkung „kultureller Ghettobildung“ beitragen, sondern Integration und Spracherwerb fördern bei gleichzeitiger Wahrung der kulturellen Identität.

Nachbarschaftsheim St. Pauli

Die Altentagesstätte des Nachbarschaftsheim St. Pauli bietet im sozialen Brennpunkt St. Pauli-Süd eine große Bandbreite von Kommunikations- und Unterstützungsangeboten (Mittagstisch, Sport und Musikangebote, Hausund Krankenbesuche, Begleitung zu Ärzten und Behörden), aber auch Hilfe in existenziellen Situationen, z.B. Sozialberatungen. Durch die niedrigschwellige und bedürfnisorientierte Arbeit werden verhältnismäßig viele Männer angesprochen (ca. 30 Prozent der Klientel).

Weitere Informationen hierzu unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/:datenbank

Präventiver Hausbesuch

In einem Modellvorhaben der AOK wurden in Hannover präventive Hausbesuche erprobt und 1.300 ältere Menschen (68-79-jährig) aufgesucht. Präventive Hausbesuche sind besonders gut geeignet, Lücken in der präventiven und medizinischen Versorgung älterer Menschen zu ermitteln. Neben Risikofaktoren im Wohnumfeld (z.B. Unfall- und Sturzgefahr) werden auch körperliche und psychisch-mentale Fähigkeiten ermittelt. Ziel ist es, eine ausreichende medizinische Versorgung sicher zu stellen und soziale Isolation zu verhindern.

Weitere Informationen zum Projekt „Gesund älter werden“: www.gesundheitlichechancengleichheit.de/:datenbank

Sportkurse für deutsche und türkisch­stämmige Frauen im Nachbar­schaftsheim Wuppertal

Die Anlaufphase des geplanten Kurses erwies sich als schwierig: „Wir mussten viel lernen“. … „Allein schon der Gruppenrhythmus der Türkinnen ist ganz anders als bei den Deutschen.“ Aufgrund der langen Sommerurlaube in der Türkei und des Ramadan sei für die Türkinnen nur eine Kursphase von Oktober bis April sinnvoll.

Hinzu kommen Sprachprobleme: „Im Ruhestand geht auch das wenige Deutsch der Frauen verloren“, berichtet die Sozialpädagogin. Deshalb wird der vor drei Jahren gegründete Gymnastikkurs, an dem inzwischen zehn Frauen teilnehmen, von der Türkin Rukiye Temel geleitet. Die Übungsleiterin kennt die Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Teilnehmerinnen: „Sie haben ein komplett anderes Zeitgefühl.“ Die deutschen Seniorinnen kämen regelmäßig, seien stets pünktlich und legten gleich mit den Übungen los. Die türkischen Frauen kämen hingegen meist eine halbe Stunde zu spät oder erschienen gar nicht.

„Wir mussten unsere ganze Planung umwerfen“, lacht sie. Statt straffer Zeitplanung bestimmt nun der Rhythmus der Teilnehmerinnen den Ablauf. Der Kurs beginnt deshalb mit einem gemütlichen Zusammensitzen. Erst wenn alle eingetroffen sind, geht es richtig los. Das „langsame Anfangen“ steht dabei nicht für geringes Interesse, denn auch an einer kürzlich eingeführten Ergänzung des Kurses nehmen die Frauen aktiv teil: An die Gymnastik schließt Temel neuerdings ein Gedächtnistraining an.

Dankbar angenommen wurde auch die Möglichkeit zu Gesprächen mit einer Ärztin: Im letzten Jahr wurden zehn so genannte Gesundheitsgespräche organisiert, bei denen die Frauen sich mit einer türkischen Ärztin über ihre Sorgen und gesundheitlichen Fragen austauschen konnten. Ziel der Gespräche war es, den Frauen mehr Wissen über und Eigenverantwortlichkeit für ihre Gesundheit zu vermitteln: „Viele denken, durch eine Spritze und Medikamente lassen sich alle Gesundheitsprobleme lösen“. Begriffe wie Vorsorge oder Gesundheitsförderung und die damit verbundenen Möglichkeiten sind für die Türkinnen buchstäblich Fremdworte. Deshalb will Rukiye Temel den Frauen demnächst zeigen, wie man über das Internet an medizinische Informationen gelangt (zitiert nach BKK, 2009).

Weitere Informationen hierzu unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/:datenbank und www.nachbarschaftsheim-wuppertal.de

AWO-Begegnungs­zentrum Adalbert­straße

Das Begegnungszentrum in Berlin-Kreuzberg hat einen wichtigen Platz im Alltag vieler älterer Migrantinnen und Migranten. Es kommen Menschen türkischer, deutscher, polnischer, arabischer, griechischer, kroatischer, serbischer, bosnischer, iranischer, italienischer und spanischer Herkunft. Die Mitarbeiterinnen sagen, „im Vergleich zu der jungen Generation hatte die erste Einwanderergeneration wirklich multinationale Kontakte und hat die Arbeitsplätze mit Italienern und Spaniern geteilt.“

Über ihre Arbeit berichten sie: „Es ist ein bisschen schwierig, kontinuierlich Kurse anzubieten. … wenn es um ein regelmäßiges Angebot geht, dann bröckelt es. … Aber, dann muss man was anderes machen. Wenn es eine Infoveranstaltung gibt, dann wird da eingeschoben: Und jetzt machen wir mal zur Entspannung eine Übung“. Und „wir bringen die am Sonnabend ganz schön in Bewegung. Wenn hier das Akkordeon gespielt wird, dann fangen sie sowieso an zu tanzen. … gerade Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, Frauen, die Männer nicht, aber die Frauen bekommst du sofort zum Tanzen.“

Um z.B. türkische Männer für Angebote zu gewinnen, reicht es nicht, sich vorzustellen, was würden deutsche Ältere machen. Die Mitarbeiterinnen haben gelernt, „dass wir offen sein müssen, … da hatten wir türkische Männer, die unheimlich künstlerisch tätig waren, von denen hätten wir nie angenommen, dass sie irgendetwas Künstlerisches tun oder mal Theater spielen oder malen oder kochen … wir haben wunderbare Sachen erlebt.“
Weitere Informationen hierzu unter www.gesundheitlichechancengleichheit.de/:datenbank

Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Der Zugang gelingt dort, wo eine Vertrauensbasis geschaffen werden kann und Absichten verständlich formuliert werden. Dies gelingt am besten bei der Ansprache durch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, da diese Personen zur Zielgruppe gehören oder engen Kontakt zu dieser haben und ihr Vertrauen genießen.

Auch über die religiöse Identität und Institutionen wie Kirchen und Moscheen, über Wohlfahrtseinrichtungen, Arztpraxen und Apotheken, die bereits das Vertrauen der Zielgruppe gewonnen haben, lässt sich ein Zugang zu sozial benachteiligten Älteren herstellen. Über diesen Weg kann dann auch schriftliches Informationsmaterial zielgerichtet verteilt werden. Für den Zugang zu Migrantinnen und Migranten ist die Zusammenarbeit mit Sprach- und Kulturmittlern und -mittlerinnen für die Überwindung von Verständigungsbarrieren von großer Bedeutung. Sehr hilfreich ist der Einsatz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus der Zielgruppe stammen.

Beispiele für eine gelungene Ansprache

  • Kontakt zu Multiplikatoren und Multiplikatorinnen bzw. Vertrauenspersonen herstellen. Dies können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen sein oder Menschen, die schon lange im Stadtteil wohnen und einen großen Bekanntenkreis haben.

Beispiel:
In einem Stadtteil mit vielen albanisch-kosovarischen Familien ist der Friseurladen ein wichtiger Treffpunkt von älteren Männern. Hier werden auch Informationen und Nachrichten weitergegeben.

  • Zusammenarbeit mit bereits vorhandenen, akzeptierten und niedrigschwelligen Angeboten: Eine Anknüpfung an andere, vertraute Angebote (z.B. Kinder- und Jugendarbeit, Stadtteilläden). Die Zusammenarbeit kann sich auf den Zugang zu Älteren beziehen oder auf die Nutzung gemeinsamer Räume.

Beispiel:
Zugang zu älteren Migranten kann auch über Strukturen gelingen, die mit den Familien zu tun haben. Z.B. in einer Kita, die von vielen türkischen Kindern besucht wird, lohnt es sich, auf Angebote für ältere türkischstämmige Leute hinzuweisen.

  • Umgang mit der Zielgruppe auf Augenhöhe: Ein respektvoller Umgang, die Anerkennung der Älteren als Experten und Expertinnen ihrer Lebenssituation sowie ein Interesse an deren Erfahrungen, Bedürfnissen und Wissen sind unumgänglich.

Beispiel:
Ältere Menschen mit Migrationserfahrung kennen die Probleme und das Potenzial anderer Migrantinnen und Migranten, verfügen über einen ähnlichen Hintergrund und sprechen - in mehrerer Hinsicht - die gleiche Sprache.

  • Wiederholtes Ansprechen und Informieren über die laufende Entwicklung: Selbst wenn sich manche ältere Menschen erst einmal nicht an einem Projekt beteiligen wollen, kann kontinuierliche Ansprache Vertrauen schaffen und Neugier wecken.

Beispiel:
Im Verein Miteinander wohnen e.V. wird der Nachbar auch schon mal ein fünftes Mal gefragt, „Willst du nicht doch mal mitkommen?“. Und irgendwann ist es soweit und er kommt mit zur Hockergymnastik.

  • Zusammenkünfte in der vertrauten nahräumlichen Umgebung sollten bekannt und barrierefrei oder -arm sein. Auch hinsichtlich der Termine sollten die besonderen Bedürfnisse berücksichtigt werden, so sind viele Ältere nur ungern im Dunkeln unterwegs (z.B. im Winter).

Beispiel:
Günstige Mittagsessensangebote in öffentlichen Kantinen, welche gern von älteren Menschen besucht werden, bieten Gelegenheiten, mit finanziell schwächeren und möglicherweise auch einsamen Älteren Kontakt aufzunehmen.

  • Anlässe schaffen bei denen Kontakte geknüpft und Informationen verbreitet werden können.

Beispiel:
Veranstaltungen und Stadtteilfeste

Checkliste: Zugang zu älteren Menschen finden

  • Bezug zur Lebenswelt und zu den Interessen der Ansprechpartner herstellen, Menschen dort abholen, wo sie leben und sind, sowohl räumlich also auch thematisch, Präsenz zeigen
  • Vertrauenspersonen aus der Lebenswelt mit einbeziehen, das Anliegen deutlich formulieren
  • mit Akteuren und niedrigschwelligen Institutionen zusammenarbeiten, die bereits Kontakte haben, z.B. zu Stadtteilläden, Beratungsstellen, Mittagstischen oder runden Tischen
  • auch mit Institutionen zusammen arbeiten, die nicht vorrangig Ältere ansprechen
  • Anlässe der Begegnung schaffen, z.B. Feste, Flohmärkte oder Tauschbörsen
  • ein respektvoller Umgang, Wertschätzung

Insbesondere für den Zugang zu Menschen mit Migrationshintergrund gilt:

  • Zusammenarbeit mit Dolmetschern und Dolmetscherinnen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Migrationserfahrung
  • Kontakte über spezifische Orte und Angebote, z.B. Moscheen oder Vereine
  • Einbeziehung der Familie

Checkliste: Merkmale eines zielgruppenorientierten Angebots

  • Angebote (Zeiten, Orte) passen sich an die Bedürfnisse der Zielgruppe an und nicht umgekehrt (Beachtung von Angsträumen und Zeitfenstern)
  • Es gibt verlässliche und namentlich benannte Ansprechpersonen
  • Physische Barrieren sind soweit abgebaut, dass auch ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Angebote wahrnehmen können
  • Psychische Barrieren sind soweit abgebaut, dass auch wenig integrierte ältere Menschen Angebote wahrnehmen können (z.B. ältere Männer ohne Sozialkontakte im Quartier)
  • Es gibt die Möglichkeit der Einflussnahme und Partizipation

Tipps zum Weiterlesen

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Links zum Thema Das Quartier für Ältere gesundheitsförderlich gestalten

[ Links zum Thema finden Sie hier ]


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