Kapitel 1 - Qualitätssicherung in der Gesundheitsförderung
Geht es um erfolgreiche Zugangswege und Methoden der Prävention bei sozial Benachteiligten, so befinden wir uns vielfach noch in einem „Suchprozess“ (Sachverständigenrat 2007, S. 802). Es gibt in vielen Projekten und Initiativen Erfahrungen zu erfolgversprechender Praxis, aber sie werden bislang nicht systematisch zusammen geführt. Der Setting-Ansatz (vgl. Heft 1 dieser Arbeitshilfen) ist - insbesondere um die Zielgruppe sozial Benachteiligter zu erreichen - als aussichtsreiche Strategie der Gesundheitsförderung anerkannt. Damit verbunden sind Empowerment, Partizipation und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Zielgruppe. Aber welche Umsetzungsschritte sind im Einzelnen erforderlich, um diese Ziele zu erreichen? In Qualitätsprozessen wird ermittelt, was sich bewährt und welche Verbesserungen sich anbieten.
Ein Konzept zur Dokumentation, Qualitätssicherung bzw. Überprüfung der Ergebnisse in gesundheitsfördernden Projekten und Maßnahmen ist eine Voraussetzung für den Erfolg eines Förderantrages. Aber auch für die Mitarbeitenden und die Nutzerinnen und Nutzer einer Maßnahme können Qualitätssicherungsmaßnahmen einen Gewinn darstellen. Vieles an Wissen, das in einer Einrichtung zwar vorhanden, aber nicht ausdrücklich genannt wird, kommt so auf den Tisch. Manches, was in der täglichen Arbeit automatisch mit erledigt wird, kann durch die Dokumentation einen neuen Wert erhalten.
Vor allem werden Erfahrungen aus der gesundheitsförderlichen Praxis bei sozial Benachteiligten gewonnen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat dazu formuliert: „Lebensweltbezogene Primärprävention ist eine Entwicklungsaufgabe. Voraussetzung für Entwicklung ist Lernen. Gelernt werden kann aus - gelungenen wie gescheiterten - Erfahrungen nur, wenn diese angemessen dokumentiert werden. Deshalb sind Qualitätssicherung und verwertbare Dokumentationen unabdingbar für die schrittweise Verbesserung der Wissenbasis und der Interventionsqualität.“ (Sachverständigenrat 2007, S. 823)
Was ist nun in der Praxis angemessen?
Oft haben verschiedene Akteure auch unterschiedliche Erwartungen an die Qualitätssicherung. Bereits bei der Projektplanung sollte daher mit den Finanzgebern und den potenziellen Nutzerinnen und Nutzern geklärt werden, was für sie der Zweck ist. Grundsätzlich geht es darum zu überprüfen, ob und auf welchen Wegen die Ziele des Projekts erreicht werden. Aber: Welche Ziele sollen mit welchen Maßnahmen überprüft werden und welche Wertigkeit wird den einzelnen Projektzielen beigemessen? Dazu gibt es keine Standard-Antwort - neben dem, was jeweils im Einzelfall für besonders wichtig erachtet wird, sind auch die verfügbaren Ressourcen maßgeblich.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, dass zehn Prozent der Projektkosten für die Evaluation (von lat. evaluare = bewerten) verwendet werden. Grundsätzlich können Evaluationen danach unterschieden werden, ob es sich um eine Selbst- oder Fremdevaluation handelt. Eine Evaluation, die die eigene alltägliche berufliche Praxis der Evaluierenden zum Gegenstand hat, wird als Selbstevaluation bezeichnet. Die Personen, die auf Grund der täglichen Arbeit über ein fundiertes Praxiswissen des Projektes verfügen, gelten hier als geeignete Evaluatorinnen und Evaluatoren. Eine Evaluation hingegen, die das fachliche Handeln anderer Fachkräfte zum Gegenstand hat, wird als Fremdevaluation bezeichnet. Die Evaluierenden können Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen der gleichen Organisation oder Expertinnen und Experten, die extern damit beauftragt werden, sein.
Ein externer Auftrag zu einer Fremdevaluation kann sehr kostspielig, nichtsdestotrotz auch sehr lohnend sein. Prüfen Sie, ob die Evaluation in Kooperation mit einer Universität oder Fachhochschule, beispielsweise im Rahmen der Betreuung einer Diplomarbeit, durchgeführt werden kann.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ein Verfahren zur Qualitätssicherung „QIP“ entwickelt, das neben einer Qualitätsbegutachtung auch Hinweise und Beratung anbietet, wie die Qualität der eigenen Arbeit verbessert werden kann. Unter der Internet-Adresse www.uke.de/extern/qip sind die detaillierten Leistungen des Verfahrens beschrieben.
Auf dem Internetportal www.quint-essenz.ch werden für Planung und Umsetzung der Evaluation eine Vielzahl sehr hilfreicher Instrumente bereitgestellt. Dort heißt es u.a.: „Es können je nach Zweck und Interesse der Auftraggebenden zusätzliche Evaluationsfragen formuliert werden. Damit die Evaluationsfragen überprüft werden können, müssen Indikatoren festgelegt werden. Anhand dieser Indikatoren werden dann die konkreten Erhebungsfragen formuliert, die Datenquellen bestimmt und die geeigneten Erhebungsinstrumente ausgewählt. (…) Die Auswahl der Erhebungsinstrumente hängt von verschiedenen Faktoren ab, u.a. von den zu befragenden Personen, den zur Verfügung stehenden Ressourcen, dem vorhandenen Know-how und dem Inhalt und Setting der Evaluation. (…) Bevor Erhebungsinstrumente wie Fragebogen oder Interviewleitfäden selbst entwickelt werden (was einen erheblichen Aufwand an Ressourcen erfordert), sollte geklärt werden, ob Erhebungsinstrumente aus anderen Projekten für das eigene Projekt angepasst werden können.
„Evaluation wird meist zu abstrakt diskutiert. Im praktischen Kontext verliert es das „Dubiose“: Man legt sich selber Rechenschaft über das eigene Tun ab, muss aber bereit und offen dazu sein.“
Klaus Plümer, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf
Da die Qualität der Evaluation unter anderem von der Qualität der erhobenen Daten abhängt, ist es sinnvoll, sich bei ungenügenden eigenen Erfahrungen und Kenntnissen fachliche Unterstützung (z.B. zur Begutachtung eines Fragebogens) zu holen. Es ist empfehlenswert, Erhebungsinstrumente vor ihrer Verwendung Schlüsselpersonen aus dem Untersuchungsfeld (Auftraggebende, Expert/innen) zur Begutachtung vorzulegen - Evaluation sollte nicht als „fertiges Ergebnis“, sondern als laufender Lernprozess verstanden werden.“
(www.quint-essenz.ch/de/topics/1203)
Zu Beginn einer Evaluation muss festgelegt werden, welche Kriterien zur Bewertung herangezogen werden sollen. Effektivität, Geeignetheit, Akzeptanz und Effizienz können als übergeordnete Kriterien angesehen werden, die für alle Maßnahmen oder Projekte Gültigkeit haben. Die nachfolgenden Fragen können dabei helfen, diese Kriterien zu benennen:
Checkliste: Kriterien zur Bewertung
- Inwieweit wurden die generellen und spezifischen Ziele erreicht? (Kriterium: Effektivität)
- War die Maßnahme zur Befriedigung der Bedürfnisse relevant? (Kriterium: Geeignetheit)
- Wurde die Maßnahme von den Betroffenen mit entwickelt und angenommen? (Kriterium: Akzeptanz)
- Waren die Zeit, das Geld und die Ressourcen im Verhältnis zu dem erreichten Nutzen gut angelegt? (Kriterium: Effizienz)
(nach Naidoo und Wills 2003, S. 366)
„Unser Platz“, Berlin
Ziel des Projektes ist es, geschlechtersensible Angebote zu machen, Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen sowie gesundheitsfördernd zu wirken. Daher will „Unser Platz“ langfristig einen Platz schaffen, auf dem sich verschiedene Altersklassen wohl fühlen und in Bewegung und Kontakt kommen. Zur Überprüfung, ob dies erreicht wird, gibt es verschiedene regelmäßige Zusammenkünfte:
- Halbjährlich trifft sich der Beirat, bestehend aus der Schirmherrin des Projektes (der Jugendstadträtin von Marzahn-Hellersdorf), Jugendvertreter/innen des Platzes, Mitarbeiter/ innen der Wohnungsbaugenossenschaften, Angestellten des Öffentlichen Beschäftigungssektors, Mitarbeiter/innen des Grünflächenamtes und Mitarbeiterinnen eines benachbarten Frauenprojektes. Die Aufgaben sind: Bestandsaufnahme, Beschluss weiterer Vorhaben und Vorgehensweisen.
- In Supervisionssitzungen (Geschäftsführerin, Sozialpädagoge vor Ort, Leiterin der Angestellten des Öffentlichen Beschäftigungssektors, Projektkoordinatorin) bzw. einer Gesamtsitzung werden kurz- und langfristige Ziele und Teilziele besprochen, verbunden mit der inhaltlichen Weiterentwicklung.
- Grundlage dafür ist das „Diensttagebuch“, in das besondere Vorkommnisse und die Anzahl der täglichen Nutzer/innen des Platzes eingetragen werden. Einmal wöchentlich wird dieses durch den Sozialpädagogen vor Ort gelesen und ausgewertet; halbjährlich werten der Sozialpädagoge vor Ort und die Geschäftsführerin das Diensttagebuch aus.
- Zusätzlich finden vierteljährliche Sportplatzkonferenzen statt.
Kriterien für Qualität, die in allen Sitzungen betrachtet werden, sind:
- die Anzahl der Nutzerinnen und Nutzer des Platzes,
- die möglichst große Mischung der Nutzerinnen und Nutzer des Platzes nach den Kriterien:
Altersspektrum, Geschlecht, soziokultureller Hintergrund, körperliche Verfassung (Menschen mit/ohne körperliche Einschränkungen) - die Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer,
- die Häufigkeit von Vorkommnissen und
- die Annahme der geschlechtsspezifischen Angebote.
Weitere Informationen zu diesem Projekt in der Datenbank www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und unter www.dissens.de/unserplatz
Am Beispiel von „Unser Platz“ könnte die Dokumentation der Evaluation z.B. aufführen:
Projektziele | Das Bewegungsangebot wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern aus dem Stadtteil genutzt. |
Zwischenziele | Die unterschiedlichen Bedürfnisse von Männern/Jungen, Frauen und Mädchen werden berücksichtigt. |
Bestandteil des Vertrags | ja / nein |
Indikatoren | Geschlechtersensible Angebote werden angenommen. |
Sollwerte | z.B.: Sechs Kurse/Trainings werden angeboten und von durchschnittlich zwölf, mindestens aber fünf Teilnehmenden besucht. |
Evaluationsmethoden | Anwesenheitsliste |
Selbst- oder Fremdevaluation | Selbstevaluation |
Verantwortlich | Geschäftsführerin / Geschäftsführer |
Die Gliederungspunkte in dieser Tabelle orientieren sich an einem Dokumentationsvorschlag aus www.quint-essenz.ch. Auf dieser Webseite kann eine vollständige Evaluationstabelle mit Anleitung zu ihrem Gebrauch herunter geladen werden (www.quint-essenz.ch/de/tools/1003).
Ein Beispiel für Fremdevaluation:
Familienprogramm ELAN, Halle/Saale
Das Programm ELAN richtet sich an Familien in Sachsen-Anhalt und versucht, sie als soziales Geflecht zu stärken. ELAN steht für: Eigeninitiative entwickeln, Lebensorientierend handeln, Aktiv sein und die Nachhaltigkeit sichern.
Das Projekt wurde und wird durch die Fachhochschule Merseburg wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Das methodische Vorgehen beinhaltet die Erfassung der Eindrücke und Beobachtungen der Modulleiterinnen und -leiter sowie die Befragung der Teilnehmenden zu folgenden Schwerpunkten:
- soziodemografische Daten,
- familiäre Situation, Bildung und Qualifikation,
- Bewertung/ Verbesserungsvorschläge der Inputveranstaltung,
- Bewertung/ Verbesserungsvorschläge der Nachhaltigkeitsveranstaltungen,
- Zusammenfassung und Folgerung zur Weiterführung von ELAN.
Weitere Informationen zu diesem Projekt in der Datenbank
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und www.sachsen-anhalt.drk.de/elan.html
Tipps zum Weiterlesen
[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]
Links zu den Themen Qualitätssicherung in der Gesundheitsförderung
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