Kapitel 3 - Partizipative Qualitätsentwicklung
Gesundheitsförderliche Maßnahmen sind umso erfolgreicher, je stärker die Beteiligten an der Problemeinschätzung, der Planung und der Umsetzung gesundheitsförderlicher Maßnahmen mitwirken. Das liegt im Wesen der Gesundheitsförderung: Nur was die Menschen wirklich selber wollen, setzen sie auch nachhaltig um.
Partizipation muss deshalb als Querschnittsaufgabe ansetzen und möglichst in allen Phasen einer gesundheitsfördernden Intervention im Vordergrund stehen. Das umfasst auch die Maßnahmen der Qualitätssicherung. Anliegen der Zielgruppe, aber auch der Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter und ihre Wahrnehmung der Probleme sollten sich in der Qualitätssicherung wiederfinden und die Maßnahmen von ihnen mitgestaltet werden. Insbesondere für Settingansätze, bei denen es um die Beteiligung der Zielgruppe an Organisationsentwicklungsprozessen zur Gestaltung eines gesundheitsförderlichen Lebensumfeldes geht, stellt sie eine sinnvolle Methode dar.
„Von größter Bedeutung für den Entwurf, die Durchführung und die Qualitätssicherung zielführender Interventionen ist die größtmögliche Einbeziehung der jeweiligen Zielgruppe; Partizipation ist die Schlüsselgröße erfolgreicher Prävention.“
Sachverständigenrat 2007, S. 823
Eine Methode zur partizipativen Qualitätsentwicklung „Ziele definieren - Wirkungswege skizzieren“ wird im Folgenden vorgestellt. Sie wurde am Wissenschaftszentrum Berlin im Rahmen eines Forschungsvorhabens entwickelt. Die Zielgruppe selbst ist Mitakteur. Die Anwendung dieser Methode kann sehr hilfreich sein, um lokales Wissen für die Entwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und für den Aufbau gesunder Lebenswelten nutzbar zu machen.
Die folgende Darstellung ist der Internetseite www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de entnommen.
Entwicklung lokaler Ziele und Wirkungswege (ZiWi-Methode)
Die ZiWi-Methode dient der Klärung von Zielen und Wirkungswegen einer Intervention. Mit der ZiWi-Methode lassen sich die Ziele und Wirkungswege einer Intervention bildlich darstellen und Indikatoren zur Überprüfung der Zielerreichung formulieren.
Die Stärke der Methode besteht darin, Klarheit darüber zu schaffen, wie man was erreichen will. Dabei wird implizites Wissen explizit gemacht, d.h. das Wissen, das man im Alltag in der praktischen Arbeit oft als selbstverständlich voraussetzt, wird ausgesprochen und erhält dadurch eine neue Qualität. Die eigenen Annahmen über die Entstehung und Lösung eines Gesundheitsproblems (also die „lokale Theorie“) werden deutlich und überprüfbar. Die ZiWi-Methode kann sowohl für die Konzeption neuer Interventionen als auch für die Evaluation und Qualitätssicherung bestehender präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen eingesetzt werden.
Voraussetzungen für die Anwendung der Methode
- Ausreichend Zeit
Die Methode ist relativ zeitaufwendig, wobei der Zeitaufwand wesentlich von der Komplexität der Intervention und dem Diskussionsbedarf bzw. der Diskussionsfreudigkeit der Beteiligten abhängt. In der Regel werden mehrere Stunden benötigt.
- Bildung einer Arbeitsgruppe
Die Arbeitsgruppe sollte sich aus den Personen zusammensetzen, die für die Planung und Durchführung der Maßnahme zuständig sind (haupt- und ehrenamtliche Projektmitarbeiter/ innen). Wenn möglich, werden auch Vertreter/innen der Zielgruppe als Lebenswelt- Expert/innen (sog. „Expert/innen des eigenen Alltags“) einbezogen. Wo möglich und finanzierbar, lohnt es sich, eine externe Moderation einzuladen.
- Die Bereitschaft, die eigene Arbeit auf der konzeptionellen / theoretischen Ebene in der Gruppe zu reflektieren
Um die Logik einer Intervention mit dieser Methode zu klären, bedarf es Geduld, Lern- und Kompromissbereitschaft sowie Kritikfähigkeit. Die Methode funktioniert dann am Besten, wenn die Beteiligten Lust auf die inhaltliche Diskussion haben und bereit sind, sich über das Vorgehen und wichtige Grundbegriffe der Arbeit zu verständigen.
- Materielle Voraussetzungen
Um die Ziele und Wirkungswege der Intervention visualisieren zu können, werden Hilfsmittel benötigt, z.B. Flipchart, Moderationskarten und eventuell eine Kamera zur Dokumentation der Ergebnisse mit Hilfe von Fotos.
Arbeitsschritte
Bestehende Konzeptpapiere, Anträge, in denen die Intervention beschrieben ist, Leitbilder der Einrichtung u. ä. werden vorbereitend gesichtet. Anschließend werden folgende Fragen bearbeitet:
1. Worum geht es?
Bevor mit der Methode begonnen wird, sollten die Adressaten bestimmt werden: „Für wen machen wir diesen Prozess?“ Dies hat Einfluss auf die Gestaltung der nachfolgenden Schritte. Wenn es sich beispielsweise um einen Projektantrag handelt und der angestrebte Zuwendungsgeber bekannt ist, wird das Gesamtbild unter Umständen anders aussehen, als wenn die Methode ausschließlich zur internen Qualitätssicherung benutzt wird.
2. Wer sind die Adressaten?
Die Adressaten der Übung werden bestimmt: „Für wen machen wir diesen Prozess?“ Dies hat Einfluss auf die Gestaltung der nachfolgenden Schritte. Handelt es sich beispielsweise um einen Projektantrag für einen Zuwendungsgeber, wird das Gesamtbild unter Umständen anders aussehen, als wenn die Methode ausschließlich zur internen Qualitätssicherung benutzt wird.
3. Was ist das Ziel der Intervention?
Zunächst wird das übergeordnete Gesamtziel der Maßnahme formuliert. Hierbei ist es ratsam, SMART-Kriterien anzuwenden, um sicher zu stellen, dass das Ziel spezifisch, messbar, angemessen, realistisch und terminierbar ist (siehe Heft 3 dieser Arbeitshilfen). Die Realisierbarkeit eines Ziels in einem bestimmten Zeitrahmen wird von den Beteiligten oft unterschiedlich eingeschätzt. Es gilt, eine Einigung zu erzielen und eine konsensfähige Balance zwischen Ambitionen und Realismus zu finden.
4. Welche Wege führen zum Ziel?
Sobald das übergeordnete, langfristige Gesamtziel fest steht, werden die kurz- und mittelfristigen Ziele geklärt, also die Meilensteine, die auf dem Weg zum Gesamtziel liegen. Es werden Annahmen darüber getroffen, wie die Meilensteine zusammenhängen und wie und warum sie zum Gesamtziel beitragen. Folgende Fragen helfen bei der Bestimmung der (angenommenen) Wirkungswege:
- Welche Bedingungen und Voraussetzungen sind für das Erreichen des Gesamtziels notwendig?
- Wie trägt die Intervention zur Linderung des Gesundheitsproblems der Zielgruppe bei?
- Warum trägt die Intervention zur Linderung des Gesundheitsproblems der Zielgruppe bei?
- Wie hängen die Meilensteine miteinander und mit dem langfristigen Ziel zusammen?
5. Welches Gesamtbild entsteht?
Oft gibt es mehr als einen Wirkungsweg. Die einzelnen Wirkungswege und Meilensteine werden in ein Gesamtbild der Intervention integriert. Sofern die ZiWi-Methode im Rahmen der Konzeption einer neuen Intervention eingesetzt wird, wird nun eine präventive bzw. gesundheitsfördernde Maßnahme konzipiert.
6. Wie kann der Erfolg der Intervention
überprüft werden? (Indikatoren) Um den Erfolg der Intervention (und die Stimmigkeit der angenommenen Wirkungswege) zu überprüfen, werden Indikatoren für die Erreichung des Gesamtziels und der Meilensteine formuliert. Indikatoren sind messbar (lat. indicare = anzeigen). Im Idealfall entsprechen sie „ZWERG“-Kriterien, d.h. sie sind
- Zentral bedeutsam (aussagekräftig für das Ziel/den jeweiligen Meilenstein),
- Wirtschaftlich (mit angemessenem Aufwand zu erheben),
- Einfach (allgemein verständlich und nachvollziehbar),
- Rechtzeitig (sie führen zeitnah bzw. zu einem angemessenen Zeitpunkt zu Ergebnissen) und
- Genau (verlässlich und spezifisch) Indikatoren
für die Akzeptanz einer Präventions-Aktion könnten zum Beispiel Besucherzahlen und Publikumsreaktionen wie Beifall oder Rückmeldungen sein.
7. Schriftliche Niederlegung des Bildes (Fließtext)
Das Gesamtbild der Intervention wird in einem Text zusammengefasst. Das Ausformulieren bietet die Möglichkeit, über die einzelnen Elemente und deren Zusammenspiel zu reflektieren. Der Fließtext bildet eine gute Grundlage für Anträge und andere Texte, in denen ein Projekt seine Arbeit darstellen möchte.
Tipps zum Weiterlesen
[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]
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