Mundgesundheit bei Kindern und Jugendlichen verbessern
Zahnkaries bei Kindern und Jugendlichen hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen. Mit dem Kariesrückgang kristallisierte sich aber auch eine Polarisierung des Kariesrisikos heraus: Vor allem Kinder und Jugendliche aus unteren Sozialschichten und mit Migrationshintergrund sind häufiger von Zahnerkrankungen betroffen.
Gesunde Zähne sind wichtig für das Wohlbefinden. Sie sorgen für eine klare Aussprache und ein „strahlendes Lächeln“. Eigentlich ist es ganz einfach, im Alltag die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Karies und Zahnfleischentzündung sich gar nicht erst entwickeln können.
Wirkungsvollste Vorbeugemaßnahmen sind:
- eine ausgewogene Ernährung mit wenig Süßigkeiten und Softdrinks, viel frischem Obst und Gemüse sowie fluoridiertes Speisesalz zum Kochen,
- zweimal tägliches Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta (vor allem abends vor dem Schlafengehen) sowie
- halbjährliche Kontrolluntersuchungen bei Zahnärztin oder Zahnarzt, um Zahnschäden frühzeitig behandeln zu können.
Zusätzlich können individuelle zahnärztliche Präventionsmaßnahmen wie Fluoridierung und Versiegelung der Zähne dabei helfen, Karies zu vermeiden. Was sich so einleuchtend anhört, ist im Alltag nicht immer einfach umzusetzen. Oft fehlt es an Zeit oder Geld für gesunde Mahlzeiten, ist in der Familie tägliches Zähneputzen kein Thema und wird der regelmäßige Gang zum Zahnarzt zu lange aufgeschoben. Insbesondere Familien in schwieriger sozialer Lage sind allein durch Aufklärungsbotschaften und Informationsmaterialien schwer erreichbar. Die Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys KiGGS zeigen, dass 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit niedrigem Sozialstatus weniger als zweimal täglich die Zähne putzen - gegenüber 17 Prozent derjenigen mit hohem Sozialstatus. Bei Familien mit Migrationshintergrund liegt der Anteil bei 42 Prozent. Ähnliches zeigt sich bei den zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen: Kinder mit niedrigem Sozialstatus bzw. Migrationshintergrund nehmen diese seltener wahr als sozial besser gestellte.
Wichtig zu wissen: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren zahlen keine Praxisgebühr!
In fast allen Bundesländern werden durch die Zahnärztlichen Dienste der kommunalen Gesundheitsämter in Schulen und Kindertagesstätten regelmäßige zahnärztliche Untersuchungen zur Früherkennung von Zahn-, Mund und Kiefererkrankungen und Maßnahmen der Gruppenprophylaxe durchgeführt. Diese Maßnahmen werden vor allem von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert, von den (Landes-) Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege/Zahngesundheit organisiert und in Zusammenarbeit mit Zahnärztlichen Diensten und niedergelassenen Zahnärzten durchgeführt. Die Gruppenprophylaxe ermöglicht es, alle Kinder und Jugendlichen zum Thema Mundgesundheit zu informieren und mit gesundheitspädagogischen Konzepten zur Vorsorge zu motivieren. Sie ist ein niedrigschwelliges Angebot, welches die Kinder in ihrem Lebensumfeld erreicht und einen Anstoß geben kann, beispielsweise tägliches Zähneputzen in den Tagesablauf der Kindereinrichtung einfließen zu lassen. So wird gesundheitliches Verhalten geprägt. Die Individualprophylaxe in der Zahnarztpraxis baut auf diese Basis auf. Orientiert an der individuellen Situation der Kinder werden dort weitere Maßnahmen wie Fissurenversiegelungen und Fluoridierungen individuell durchgeführt.
Die Familie ist für kleine Kinder das wichtigste Lebensumfeld. Ohne Einbindung der Eltern kann deshalb „Mundgesundheit von Anfang an“ nicht gelingen. Oft fehlen den Eltern jedoch Informationen darüber, was Zähne und Zahnfleisch gesund erhält oder die Sensibilität dafür, wie wichtig ein gesundes Gebiss für die Kinder ist. Die Vermittlung verständlicher, alltagsnaher Informationen über zahngesunde Ernährung und richtiges Zähneputzen an die Eltern ist deshalb ganz zentral. Darüber hinaus sollte es möglich sein, dass sie sich mit anderen Eltern austauschen (vgl. das Beispiel “Elternklassen und Mundgesundheit): Welche Tipps haben diese, ihre Kinder zum Zähneputzen zu motivieren? Was hilft, wenn das Kind nach Süßigkeiten quengelt?
Eltern in belasteten oder problematischen Situationen sind jedoch nicht leicht erreichbar, da sie beispielsweise an Elternabenden in der Kita oder in der Schule oft nicht teilnehmen. Deshalb ist es wichtig, auch Zugangswege im Quartier zu erschließen.
Um sozial benachteiligte Familien zu erreichen, benötigt man bedarfsgerechte, kultursensible und niedrigschwellige Angebote. Durch den Einsatz von Multiplikatoren gelingen Zugänge zu Eltern oft sehr gut.
Als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eignen sich Personen oder Institutionen und Träger,
- die bei der Zielgruppe bekannt sind und zu denen bereits ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wurde,
- die zur Mundgesundheit geschult sind und
- ggf. den gleichen Migrationshintergrund besitzen, um sprachliche und kulturelle Barrieren so gering wie möglich zu halten.
So finden Sie Partner:
Die Kontaktdaten der Landes- und regionalen Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege/ Zahngesundheit finden Sie auf der Internetseite der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege www.daj.de und in dieser Online-Version der Arbeitshilfen.
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder Kooperationspartner und Partnerinnen können sein (vgl. Fachheft 3, Kap. 5):
- Migrant/innen, die beispielsweise in Projekten wie den "Stadtteilmüttern" (vgl. Fachheft 4) oder bei der Arbeit der Quartiersmanagements zur Verfügung stehen (vgl. das Praxisbeispiel "Gesunde Zähne - Zahngesundheit im Stadtteil fördern")
- Akteure, die Angebote zur Stärkung der Elternkompetenz anbieten (z. B. Programme wie HIPPY, Rucksack oder Griffbereit)
- (Freizeit-)Gruppen im Stadtteil- oder Gemeinwesenzentrum (Elterncafés, Eltern-Kind-Treffpunkte)
- Moscheen, Kulturvereine
- Außerschulische Bildungsträger, z.B. die in Volkshochschulen angebotenen Deutsch- und Integrationskurse (vgl. das Praxisbeispiel “Elternklassen und Mundgesundheit) Multiplikator/innen sollten qualifiziert werden, Hinweise für die "zahngesunde" Gestaltung des Alltags zu geben und ihr Wissen an Familien in bedarfsgerechter, kultursensibler Weise vermitteln zu können.
Auch in der direkten Arbeit mit Kindern kann das Thema Mundgesundheit Einzug ins Quartier halten: Es sollte spielerisch, gestalterisch oder medial angegangen und in bestehende Freizeit- und Bildungsangebote im Quartier eingebunden werden.
- Familien- und Kinderfeste: Aktivitäten zur Mundgesundheit, z.B. durch Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes oder die (Landes-) Arbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege/ Zahngesundheit
- (Rollen-)Spiele und Geschichten rund um Mund und Zähne
- Multimedia-Angebote für ältere Kinder und Jugendliche.
Um das Thema Mundgesundheit im Stadtteil stark zu machen, braucht es kompetente Partnerinnen und Partner. Dies können niedergelassene Zahnärztinnen und Zahnärzte sein, die Zahnärztlichen Dienste in den kommunalen Gesundheitsämtern oder die Landesund regionalen Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege/Zahngesundheit. Diese bereiten Veranstaltungen vor und entwickeln Ideen für quartiersbezogene Angebote zur Mundgesundheit. In den Arbeitsgemeinschaften haben sich Krankenkassen, Zahnärzt/innen und Vertreter/innen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes zusammengeschlossen, um die Mundgesundheit bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Sie führen auch die Gruppenprophylaxe in Schulen und Kindergärten durch (s.o.).
Elternklassen und Mundgesundheit, Berlin
Mehrere Berliner Volkshochschulen bieten Elternklassen für Migrantinnen und Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen, die durch die üblichen Sprachkurse und über klassische gesundheitsfördernde Kurse nur schlecht erreicht werden. Seit 2008 kooperiert die Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnerkrankungen e.V. mit den Berliner Volkshochschulen, so dass zweimal jährlich Unterrichtseinheiten zum Thema Zahngesundheit angeboten werden können. Durch handlungsorientierte Übungen werden den Eltern praktische Fähigkeiten vermittelt und sie dabei gestärkt, zu Hause die Verantwortung für die Zahnpflege ihrer Kinder zu übernehmen.
Weitere Informationen unter www.lag-berlin.de.
Gesunde Zähne - Zahngesundheit im Stadtteil fördern, Osnabrück
Der Gesundheitsdienst Osnabrück findet seine Partner zur Verbesserung der Zahnund Mundgesundheit in sozial benachteiligten Quartieren: Im niedersächsischen Belm-Powe haben etwa 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner Migrationshintergrund. Dort bildet der Gesundheitsdienst etwa in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und dem Quartiersmanagement Frauen mit Migrationshintergrund zu „Zahnputztrainerinnen“ aus. Das Angebot richtet sich an Migrantinnen im Frauentreff. Sie geben ihre Kenntnisse an ihre und andere Familien im Quartier weiter. Im Osnabrücker Stadtteil Schinkel gibt es kein Quartiersmanagement; dort arbeitet der Gesundheitsdienst eng mit Kindertagesstätten und Schulen sowie dem Fachbereich Soziales der Stadt Osnabrück zusammen. Für die ersten Klassen einer Schule beginnt der Schultag mit dem gemeinsamen Zähneputzen. Nach einer Einführungsphase betreuen die Lehrkräfte das Projekt eigenständig.
Weitere Informationen über den Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück unter: www.osnabrueck.de.
Checkliste: Zahngesundheit im Quartier
- Wie steht es um die Zahngesundheit in meinem Quartier?
Hierzu sind Informationen aus der Gesundheitsberichterstattung und z.B. den zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen der Gesundheitsämter nützlich (vgl. Fachheft 2). - Gibt es Gruppen, die besonders betroffen sind und vorrangig angesprochen werden sollten?
- Mit welchen Schwierigkeiten ist bei der Ansprache dieser Zielgruppen zu rechnen?
- Wo im Quartier können diese Gruppen erreicht werden?
- Welche Kooperationspartner und Multiplikator/innen sollten einbezogen werden?
- Welche fachlichen Partner können in die Planung und Umsetzung einbezogen werden (z.B. die Landes- und regionalen Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege/Zahngesundheit oder der zahnärztliche Dienst des kommunalen Gesundheitsamtes)?



