Kapitel 4 - Gesundheitsrisiken durch Stress
Soziale und psychosoziale Belastungen, die über einen langen Zeitraum anhalten, können krank machen. Soziale Ausgrenzung, geringe Wertschätzung und Anerkennung, jede Form von Abhängigkeit, eingeschränkte Handlungsspielräume, fehlende Selbstbestimmungsmöglichkeiten und soziale Vereinsamung wirken sich einschneidend auf den Gesundheitszustand aus.
Viele Bedingungen können Stressreaktionen auslösen. Solche Stressoren sind z.B. „Unsicherheit oder Verlust des Arbeitsplatzes, drohender beruflicher Abstieg, Krisen oder Trennungserfahrungen in Partnerschaft oder Familie …“ (Siegrist und von dem Knesebeck 2007, S. 121). „Je ungünstiger die sozialökonomische Lage ist, desto häufiger treten die genannten psychosozialen Stressoren auf bzw. desto intensiver sind die von ihnen ausgehenden Stresswirkungen“ (ebd., S. 123).
Im Laufe eines Lebens summieren sich diese Risiken und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, physisch und/oder psychisch zu erkranken. Um die gesundheitlichen Risiken von Stress zu reduzieren, müssen Belastungen gesenkt (Stressoren reduzieren) und Bewältigungsmöglichkeiten verbessert werden (Ressourcen fördern). Auch Stressprävention kann dazu auf verschiedenen Ebenen ansetzen (vgl. in Heft 1 Kapitel 4 dieser Arbeitshilfen: Typen der Primärprävention).
Faktoren, die helfen, Stress zu reduzieren, sind individuelle Stärken (z.B. Selbstwirksamkeitsgefühl, persönliche Kompetenzen, Erfahrung) und soziale Unterstützung (z.B. durch Familie und andere soziale Netzwerke). Soziale Netze, Unterstützung und Gemeinschaft im Quartier sind Faktoren, die die gesundheitlichen Risiken von Stress mindern können. Verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen zielen darauf, diese Ressourcen zu fördern.
Aber auch im Rahmen der Jugendarbeit und der beruflichen Qualifizierung können verhaltensund verhältnispräventive Maßnahmen ergriffen werden.
„Stress (…) stellt ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und der Fähigkeit einer Person dar, mit der Situation umzugehen. Stress kann dann Auswirkungen auf die Gesundheit haben, wenn er zu einer chronischen Belastung wird, da Bewältigungsmöglichkeiten fehlen oder nicht ausreichend sind. Es kann zu Schädigungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Bluthochdruck, Arteriosklerose, Angina pectoris, Herzinfarkt, Störungen im Verdauungssystem, Diabetes und Asthma kommen.
Folgen können auch Essstörungen, Suchtverhalten oder andere gesundheitsriskante Verhaltensweisen sein“.
| Interventionsebene | Maßnahmen | Beispiele |
|---|---|---|
personelle Ebene / interpersonelle Ebene | Information, Aufklärung, Motivation und Verhaltensänderung, bzw. Gruppendynamisch wirksame Prozesse | Kurse zur Verringerung der mit Stress zusammenhängenden Gesundheitsrisiken (Ernährungs- u. Bewegungstraining, Raucherentwöhnung); Training zur Stärkung der Bewältigungskompetenz, z.B. im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements |
strukturelle Ebene im Setting | verhältnispräventive Maßnahmen | Verfahren der Organisations- und Personalentwicklung im Betrieb; partizipative Strukturen im Quartier |
strukturelle Ebene/ Bevölkerungsbezogen | verhältnispräventive Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene | gesetzliche Änderungen, Änderungen der Zuteilung öffentlicher Mittel |
(nach Siegrist und von dem Knesebeck 2007, S. 123 f.)
Bedeutende Stressfaktoren für Ältere sind Vereinsamung, existenzielle Ängste durch geringe Rente, Sorge um den Verlust der Wohnung, aber auch das Gefühl von Unsicherheit: Wie komme ich sicher über die Straße? Wie fülle ich ein Formular auf dem Amt aus? usw. Auch die Angst vor Kriminalität nimmt im Alter zu.
„Netzwerk Jugend“ vom Zentrum für Jugendberufshilfe in Osnabrück
Zielgruppe: junge Menschen bis 27 Jahre ohne Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt
Im Zentrum für Jugendberufshilfe in der Stadt Osnabrück gehen berufsbezogene Beratung und persönliche Betreuung von jugendlichen Arbeitslosen Hand in Hand. Das Zentrum erbringt zunächst hier im Auftrag der Arge Osnabrück die aktiven Leistungen nach dem SGB II.
Zusätzlich werden verschiedene Leistungen der Jugendsozialarbeit angeboten, die Bestandteil des Niedersächsischen Landesprogramms Pro-Aktiv-Center und der Jugendhilfe sind.
Auch die Handwerkskammer ist dabei, mit der im Einzelfall Eingliederungsvereinbarungen getroffen werden - so entstand zusammen mit weiteren Partnern, wie z.B. gemeinnützigen Trägern, Bildungseinrichtungen und Betrieben das „Netzwerk Jugend“.
Die Jugendlichen durchlaufen verschiedene Förderbausteine und erhalten eine sozialpädagogische und arbeitsmarktrelevante Rundumbetreuung. Ziel des Netzwerkes ist es, Eingliederungsmaßnahmen nach SGB II durch vorhandene Betreuungs- und Qualifizierungsmaßnahmen nach dem SGB VIII zu ergänzen und eine umfassende Vernetzung dieser Förderstrukturen zu erreichen.
Zum weiteren Angebot gehören:
- Möglichkeiten zur Verbesserung der Sprachkompetenz
- Praktika in Betrieben
- sowie Nachholen des Schulabschlusses
Insgesamt sollen folgende Ziele erreicht werden:
- Motivation wecken
- Defizite abbauen, um langfristig eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erreichen.
Die unterschiedlichen Angebote im Werkstattbereich bieten die Möglichkeit, die eigenen Stärken zu entdecken und zu einer realistischen beruflichen Planung zu gelangen.
Weitere Informationen unter www.osnabrueck.de/5619.asp
Mit Hilfe von Kompetenztrainings für Seniorinnen und Senioren sollen bei zunehmendem Stress durch Einschränkung und Behinderung Fertigkeiten und Fähigkeiten gefördert werden, die bei der Bewältigung von Alltagsanforderungen und der Erhaltung der Selbständigkeit helfen. Es geht dabei um Strategien, mit denen ältere Menschen altersbedingte Veränderungen kompensieren können, die nicht direkt beeinflussbar oder nicht reversibel sind (z.B. Möglichkeiten technischer Hilfsmittel im Haushalt). Herausgearbeitet werden eigene Handlungsmöglichkeiten.
Junger Service Ostersbaum, Wuppertal
Der Junge Service Ostersbaum ist eine Beschäftigungsmaßnahme für arbeitsuchende Frauen, die damit die Möglichkeit haben, sich für ihr späteres Berufsleben weiterzuqualifizieren. Der Junge Service versteht sich als Dienstleister im Rahmen der Nachbarschaftshilfe. Neben Familien mit Kindern und Alleinerziehenden wird v. A. älteren Menschen Hilfe angeboten, z.B. Hilfe im Haushalt, Erledigung von Einkäufen, Begleitung zu Ärzten, Ämtern usw., Begleitung bei Spaziergängen, Erledigung von Botengängen.
Weitere Informationen zu diesem Projekt unter www.sozialestadt.de/praxisdatenbank
Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Bewegung und Stress
Maßnahmen zur Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils sollten auch die zwischen Ernährung, Bewegung und Stress bestehenden Wechselwirkungen berücksichtigen.
| Positive Wirkungen | Negative Wirkungen |
|---|---|
Ernährung
| Ernährung
|
Bewegung
| Stress
|
Bewegung
| Stress
|
(nach BZgA 2007, S. 14)
Kinderprojekt „Unterwegs nach Tutmirgut“
von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Das Kinderprojekt „Unterwegs nach Tutmirgut“ richtet sich an Kinder zwischen 5 und 11 Jahren und entsprechende Multiplikatoren mit dem Ziel, flächendeckende gesundheitsförderliche Strukturen in den Lebenswelten von Kindern zu schaffen. Dabei stehen die Themen Ernährung, Bewegung und Stressregulation als Teile eines umfassenden Lebensstils im Vordergrund. Das Projekt beinhaltet 3 wesentliche Maßnahmen: eine Erlebnisausstellung, eine Musikshow und diverse Fortbildungen für Multiplikatoren.
Über die Schulen werden die Kinder sowie deren Lehrkräfte und Familien mit Hilfe einer interaktiven Mitmachausstellung sowie einer Musikshow motiviert, sich mit der eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen. Eine Medienmappe für den Einsatz im Unterricht unterstützt die Lehrkräfte bei der Umsetzung im Schulalltag. Durch regelmäßige Schulungen werden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren qualifiziert, Gesundheitsförderung in ihrer Lebenswelt umzusetzen.
Die Erlebnisausstellung von „Unterwegs nach Tutmirgut“ wandert durch verschiedene Kindermuseen in ganz Deutschland und wird jeweils ein halbes Jahr an einem Standort angeboten. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Gesundheitsthemen, die für die Entwicklung von Kindern von immenser Bedeutung sind. Dazu zählen Ernährung, Bewegung, Lärmbelästigung, Entspannung und der Umgang mit Gefühlen, Konflikten und Stress.
Die Ausstellung ist eine kindliche Reise, die zum eigenen Wohlbefinden und Wohlfühlen dient, wobei im Vordergrund das Begreifen und Lernen durch eigene Erfahrung steht. Auf einer Reise durch ein Fantasieland gibt es für große und kleine Besucher viel zu entdecken, denn die Kinder wandern entlang eines spannenden Parcours mit unterschiedlichen Spielstationen und bekommen dabei zahlreiche Gelegenheiten zum Ausprobieren und Lernen, Entdecken und Erleben. Sie werden durch attraktive Spiel- und Mitmachangebote angeregt, sich spielerisch mit den eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen auseinander zu setzen und so ein Gefühl für positive und negative Körperempfindungen zu bekommen und damit umzugehen. Auf diesem Wege werden sie für ein gesundheitsbewusstes Umgehen mit dem eigenen Körper sensibilisiert. Die Musikshow, die seit 2007 durch Deutschland tourt und jeweils in der gleichen Region stattfindet wie die Erlebnisausstellung, lädt Kinder zum Hören, Zuschauen, Mitsingen und Mitmachen ein und motiviert diese spielerisch, sich mit ihrer Gesundheit auseinander zusetzen.
Die verschiedenen Angebote von „Unterwegs nach Tutmirgut“ bieten einen idealen Anknüpfungspunkt für die nachhaltige Positionierung des Themas und die Vernetzung der Akteure in Gebieten mit besonderem Entwicklungsbedarf.
Weitere Informationen unter www.tutmirgut.net
GUT DRAUF
Das Projekt zur Ernährung, Bewegung und Stressregulation für Jugendliche der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Ernährung, Bewegung und Stressregulation sind Teile eines umfassenden Lebensstils und haben eine Reihe von Wechselwirkungen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, diese Themen miteinander zu verbinden, um das Gesundheitsverhalten Jugendlicher nachhaltig und positiv zu beeinflussen. Und genau hier setzt das GUT DRAUF Projekt an.
Das Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) „GUT DRAUF: bewegen, entspannen, essen - aber wie!“ richtet sich an 14 bis 18jährige Jugendliche und an deren Multiplikatoren wie Animateure, Jugendarbeiter, Jugendreisebegleiter, Lehrer und Übungsleiter im Sport und Bewegungsbereich etc., die dazu befähigt werden sollen, GUT DRAUF Angebote umzusetzen. Die Teilnahme an einer GUT DRAUF Schulung ist Voraussetzung für die weitere Umsetzung von GUT DRAUF in Organisationen, Einrichtungen und anderen Umgebungen. Eine Schulung dauert 3 Tage und findet in einer GUT DRAUF-Jugendherberge oder einem anderen zentralen Schulungshaus statt.
Das Projekt beinhaltet Maßnahmen zur Bewegung, gesunden Ernährung und Stressregulation für Jugendliche. Das Hauptziel des Projektes ist die Vermittlung von gesundheitsgerechten, stimmigen Botschaften in den unterschiedlichsten Lebenswelten Jugendlicher wie zum Beispiel in der Freizeit oder auf Reisen. Außerdem werden nachhaltige Netzwerke zwischen den verschiedenen Aktionen in Schule und Freizeit aufgebaut. Somit leistet das Projekt einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsförderung dieser Jugendlichen. Umgesetzt wird GUT DRAUF in der offenen sowie verbandlichen Jugendarbeit, auf Jugendreisen und in Jugendunterkünften in Sportvereinen und an Schulen.
GUT DRAUF bietet einen guten Anknüpfungspunkt für die nachhaltige Positionierung des Themas und die Vernetzung der Akteure in Gebieten mit besonderem Entwicklungsbedarf.
Weitere Informationen unter www.gutdrauf.net
„Für die Menschen in Deutschland stellt Lärm eine der am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen dar. Am häufigsten fühlen sie sich durch Straßenlärm belästigt.“
„Lärmstörungen verstärken entscheidend die Wahrscheinlichkeit von Schlafstörungen. Sie sind ebenfalls einen Risikofaktor für Herz- Kreislauf-Erkrankungen und stressbezogene Symptome. Besonders bedeutsam ist die nächtliche Lärmbelästigung.“
LARES-Studie 2005
(www.apug.de/leben/wohnen/housing-and-health.htm)
Stressfaktor Lärm
Sozial benachteiligte Stadtteile können charakterisiert sein durch ein höheres Verkehrsaufkommen und wenige Zonen, die Lärm „schlucken“ (Parks, Bäume usw.). Schlechte Wohnsubstanz (z.B. mangelnder Lärmschutz) in diesen Quartieren kann das Problem zusätzlich verstärken.
Im Folgenden werden Möglichkeiten vorgestellt, wie im Rahmen des Programms Soziale Stadt unter den Stichpunkten Verkehrsberuhigung, Grünflächengestaltung und Umgestaltung von Wohngebieten gegen Lärm vorgegangen wurde.
Beispiel Verkehrsberuhigung
„Aktionen gegen Lärm“, Fasanenhof / Möhringen
In Aktionskreisen organisierte Bewohnerinnen und Bewohner eines Stadtteils, der von Autobahn, Bundesstraße, Umgehungsstraße und Flugplatz umfasst ist, erhielten Unterstützung bei verschiedenen Aktionen. Z.B. wurden kommunale Entscheidungsträger über die vorherrschende Situation aufgeklärt.
Erreicht werden konnten eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema, die Verlegung der Umgehungsstraße und die Errichtung von Tempo-30- Zonen.
Beispiel Mehr Grünflächen
Gestaltung einer Grünfläche hinter der HaWoBau / Hattersheim
Unter Beteiligung der Anwohnerschaft wurde eine Grünfläche mit Spiel- und Begegnungsmöglichkeiten geplant, gestaltet und dadurchaufgewertet.
Beispiel Umgestaltung von Wohngebieten
Gesamtmaßnahme Lessingstraße, Rosenheim - städtebauliche Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfeldes
Unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger wurden die Innenhöfe zu Wohnhöfen umgestaltet, was die Wohnqualität erhöhte. Zusätzliche Maßnahmen des Lärmschutzes waren: eine verbesserte Straßenführung mit Begrünung und die Abgrenzung der Wohnhäuser von der Strasse (durch Neubau eines Parkdecks).
Weitere Informationen über die Aktionen unter www.sozialestadt.de/praxisdatenbank.
Checkliste: Stressbewältigung im Quartier
- Welche Stressfaktoren, Hindernisse, Einschränkungen usw. ergab die Bestandsaufnahme (soziale Vereinsamung, hoher Lärmpegel usw.)?
- Wie können die Zielgruppen in die Bestandsaufnahme von Stressfaktoren im Quartier eingebunden und aktiviert werden (Spaziergänge, Versammlungen, Befragungen usw.)?
- Welche Ideen zum Abbau von Stressfaktoren gibt es?
- Wie lassen sich diese Ideen umsetzen und wer kann dabei helfen?
- Welche Einrichtungen, Vereine, Institutionen usw. bieten Programme zur Stressbewältigung an?
- Wer gehört an einen Runden Tisch o.Ä. zum Thema „Lärm“ usw.?
- Wie können Entscheidungsträger für das Thema sensibilisiert werden?
- Wer sind geeignete Ansprechpartner?
Tipps zum Weiterlesen
[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]
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