Kapitel 5 - Partizipation der Zielgruppe
Gesundheitsförderung zielt darauf ab, Menschen zu befähigen und ihnen mehr Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen. Damit wird Partizipation (Beteiligung) zu einem zentralen Prinzip gesundheitsförderlicher Aktivitäten. Aber Partizipation ist auch ein Entwicklungsprozess. Alle Beteiligten müssen in diesem Prozess ihre Erfahrungen machen. Welche Stufen dabei durchlaufen werden können, wird auf den folgenden Seiten dargestellt.
„Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Durchlaufen eines leeren Rituals der Partizipation und dem Verfügen über die Macht, die man braucht, um die Ergebnisse des Prozesses zu beeinflussen.“
Sherry Arnstein 1969
(nach Wright, Block & von Unger 2007, S. 4)
Expertinnen und Experten haben oft (klare) Vorstellungen davon, was Zielgruppen brauchen, welche Probleme vorhanden sind und mit welchen Strategien diese bearbeitet werden sollten, um gesundheitsförderliche Strukturen und Prozesse zu initiieren. Um die Bedürfnisse einer Zielgruppe in Erfahrung zu bringen, ist ein partizipatives Vorgehen notwendig.
Die Beteiligung der Zielgruppe…
- erhöht die Chance, dass passgenaue Maßnahmen entwickelt werden,
- sichert die Akzeptanz der Interventionen und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie angenommen wird und Wirkungen entfalten kann,
- stärkt die demokratische Kultur,
- aktiviert die Betroffenen, für ihre eigenen Belange einzutreten und befähigt sie, dies auch in anderen Zusammenhängen zu tun,
- stärkt den sozialen Zusammenhang in den jeweiligen Lebenswelten (z.B. Schule, Betrieb, Nachbarschaft) und
- verhindert Fehlinvestitionen, da nicht am Bedarf der Zielgruppe vorbei geplant wird.
„Nach unserem Verständnis ist Partizipation kein Entweder/ Oder, sondern ein Entwicklungsprozess. In vielen Settings müssen zunächst Vorstufen der Partizipation realisiert werden, bevor eine direkte Beteiligung an Entscheidungsprozessen möglich ist. Allerdings muss die Anmahnung von Arnstein ernst genommen werden:
Viele Maßnahmen, die sich für partizipativ halten, bieten keine Möglichkeit für eine Beeinflussung der Entscheidungsprozesse durch die Bürger/innen und sind daher nicht als partizipativ einzustufen.“
Michael Wright, Martina Block und Hella von Unger 2007
Im Folgenden wird ein Modell vorgestellt, das es Ihnen ermöglicht einzuschätzen, welche Stufe der Partizipation in Ihrer Einrichtung bzw. in Ihrem Projekt erreicht wurde.
Das Modell zur Beurteilung der Partizipation sieht insgesamt neun Stufen vor
Stufe 9 | Selbstorganisation | Eine Maßnahme bzw. ein Projekt wird von Mitgliedern der Zielgruppe selbst initiiert und durchgeführt. Häufig entsteht die Eigeninitiative aus eigener Betroffenheit. Die Entscheidungen trifft die Zielgruppe eigenständig und eigenverantwortlich. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt bei der Zielgruppe. Alle Entscheidungsträger sind Mitglieder der Zielgruppe. | geht über Partizipation hinaus |
Stufe 8 | Entscheidungsmacht | Die Zielgruppenmitglieder bestimmen alle wesentlichen Aspekte einer Maßnahme selbst. Dies geschieht im Rahmen einer gleichberechtigten Partnerschaft mit einer Einrichtung oder anderen Akteuren. Andere Akteure außerhalb der Zielgruppe sind an wesentlichen Entscheidungen beteiligt, sie spielen jedoch keine bestimmende, sondern eine begleitende oder unterstützende Rolle. | Partizipation |
Stufe 7 | Teilweise Entscheidungskompetenz | Ein Beteiligungsrecht stellt sicher, dass die Zielgruppe bestimmte Aspekte einer Maßnahme selbst bestimmen kann. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt jedoch in den Händen von anderen, z.B. bei Mitarbeiter/innen einer Einrichtung | Partizipation |
Stufe 6 | Mitbestimmung | Die Entscheidungsträger halten Rücksprache mit Vertreter/innen der Zielgruppe, um wesentliche Aspekte einer Maßnahme mit ihnen abzustimmen. Es kann zu Verhandlungen zwischen der Zielgruppenvertretung und den Entscheidungsträgern zu wichtigen Fragen kommen. Die Zielgruppenmitglieder haben ein Mitspracherecht, jedoch keine alleinigen Entscheidungsbefugnisse. | Partizipation |
Stufe 5 | Einbeziehung | Die Einrichtung lässt sich von ausgewählten Personen aus der Zielgruppe (oft Personen, die den Entscheidungsträgern nah stehen) beraten. Die Beratungen haben jedoch keinen verbindlichen Einfluss auf den Entscheidungsprozess. | Vorstufen der Partizipation |
Stufe 4 | Anhörung | Die Entscheidungsträger interessieren sich für die Sichtweise der Zielgruppe. Die Mitglieder der Zielgruppe werden angehört, haben jedoch keine Kontrolle darüber, ob ihre Sichtweise Beachtung findet. | Vorstufen der Partizipation |
Stufe 3 | Information | Die Entscheidungsträger teilen der Zielgruppe mit, welche Probleme die Gruppe (aus Sicht der Entscheidungsträger) hat und welche Hilfe sie benötigt: Verschiedene Handlungsmöglichkeiten werden der Zielgruppe für die Beseitigung oder Linderung ihrer Probleme empfohlen. Das Vorgehen der Entscheidungsträger wird erklärt und begründet. Die Sichtweise der Zielgruppe wird berücksichtigt, um die Akzeptanz der Informationsangebote und die Aufnahme der Botschaften zu fördern. | Vorstufen der Partizipation |
Stufe 2 | Anweisung | Entscheidungsträger (oft ausgebildete Fachkräfte) nehmen die Lage der Zielgruppe wahr. Ausschließlich auf Grundlage der (fachlichen) Meinung der Entscheidungsträger werden die Probleme der Zielgruppe definiert und Vorgänge zur Beseitigung oder Linderung der Probleme festgelegt. Die Meinung der Zielgruppe zu ihrer eigenen Situation wird nicht berücksichtigt. Die Kommunikation seitens der Entscheidungsträger ist direktiv. | Nicht-Partizipation |
Stufe 1 | Instrumentalisierung | Die Belange der Zielgruppe spielen keine Rolle. Entscheidungen werden außerhalb der Zielgruppe getroffen, und die Interessen dieser Entscheidungsträger stehen im Mittelpunkt. Zielgruppenmitglieder nehmen eventuell an Veranstaltungen teil, ohne deren Ziel und Zweck zu kennen (Zielgruppenmitglieder als „Dekoration“). | Nicht-Partizipation |
Checkliste: Beteiligung der Zielgruppe
- Lässt das Konzept auch Ergebnisse des Beteiligungsprozesses zu, die nicht eingeplant sind?
- Welche Mittel (Zeit, Personal, Finanzen, Sachmittel) stehen zur Verfügung, um die Beteiligungsprozesse zu organisieren?
- Welche Personen bzw. Gruppen können/ müssen in den Beteiligungsprozess einbezogen werden?
- Welche Unterstützung benötigt die Zielgruppe, um sich beteiligen zu können?
- Welche erfolgreichen Beteiligungsstrukturen existieren bereits im Stadtteil und können für das Projekt genutzt werden?
- Welche neuen Beteiligungsstrukturen müssen angestoßen werden?



