Kapitel 3 - Ein Stadtteil bewegt sich
Gesundheitsförderung nach dem Lebenswelt-Ansatz (Setting-Ansatz) bedeutet für den Stadtteil, dass die Bewohnerinnen und Bewohner befähigt werden, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Stärken zu erkennen und Einfluss auf die Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse nehmen zu können (vgl. zum Lebenswelt-Ansatz Heft 1). Kernprinzipien des Lebenswelt-Ansatzes sind auch im Programm Soziale Stadt zu finden (Partizipation, intersektorale Zusammenarbeit verschiedener Politiker etc.).
Bestandteil des Lebenswelt-Ansatzes ist die Annahme, dass die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an stadtteilbezogenen gesundheitsförderlichen Entscheidungen zu einer Stärkung des Gefühls der Verstehbarkeit, Machbarkeit, Sinnhaftigkeit und damit des Vertrauens, den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, führt. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl ist, desto gesünder dürfte eine Person sein bzw. desto schneller sollte sie gesund werden. Außerdem dürfte sie in der Lage sein, ihre Ressourcen flexibler einzusetzen.
Im Folgenden werden Methoden vorgestellt, die die Entwicklung des Stadtteils zu einem gesundheitsförderlichen Setting unterstützen können.
Das nachfolgende Beispiel der „Kiezdetektive“ aus Berlin zeigt, wie die frühe Einbeziehung der Zielgruppe Kinder und Jugendliche in den Prozess der Planung und Gestaltung erfolgen kann und die Beteiligung in nachhaltige partizipative Strukturen überführt werden können.
„Kiezdetektive“ in Berlin-Kreuzberg, Partizipation von Kindern und Jugendlichen
Trotz des niedrigsten Sozialindexes Berlins, höchster Arbeitslosenrate, zweithöchstem Anteil an Sozialhilfeempfängerinnen bzw. -empfängern und Migrantinnen bzw. Migranten, Wohnungen mit hoher Belegungsdichte und den daraus resultierenden Problemen verfügt der Bezirk über viele wertvolle Ressourcen. Hier setzt auch das Projekt zur Kinderbeteiligung „Kiezdetektive“ an - eine Idee, die vom Kinder- und Jugendbüro Marzahn entwickelt wurde. In enger Kooperation zwischen dem Gesunde-Städte-Netzwerk und der Lokalen Agenda 21 wurde 1999 begonnen, Kinder als Experten in eigener Sache in Planungs- und Entscheidungsprozesse zur nachhaltigen gesunden Stadtentwicklung und -gestaltung einzubinden.
Die Kinderbeteiligung ist als langfristiges Projekt angelegt. Die Kiezerkundungen, die Kinderversammlung und die Ergebniskontrolle werden als nachhaltige Planungs- und Kooperationsstruktur in bezirkliche Entscheidungsprozesse einbezogen.
Zunächst ermittelten die Kinder, welche Stadtgebiete „begehungsbedürftig“ sind und welche Fragestellungen bei der Begehung berücksichtigt werden - zum Beispiel nach Belastungen (Geräusche, Verkehrsgefahren, Gewaltbedrohung), aber auch nach Rückzugs- und Entspannungsräumen (Spielplätze, öffentliche Parks etc.). Die Begutachtung des ausgewählten Gebietes erfolgte dann gemeinsam mit den pädagogischen Betreuungskräften, wobei diese sich stets im Hintergrund hielten, sodass es allein den Kindern und Jugendlichen oblag, welche Probleme und „Schätze“ in die Listen aufgenommen wurden. Die Kinder dokumentierten ihre Beobachtungen in Form von Fotos, Notizen und selbst gemalten Bildern. Anschließend erfolgten die Auswertungen des gesammelten Materials (im Unterricht) und die Formulierung von Maßnahmen. Im nächsten Schritt wurde die Präsentation gestaltet und schließlich die Kinderversammlung durchgeführt.
Partizipationsmöglichkeiten bestehen nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern sowie den gesamten Stadtteil. So gelang es in FriedrichshainKreuzberg auf politischer Ebene, alle für die Umsetzung wichtigen Ressorts (Gesundheit und Soziales, Jugend und Familie sowie Stadtentwicklung) und auch den Bezirksverordnetenvorsteher in das Projekt einzubinden. Ebenso wurden die Projektergebnisse an öffentlichen Plätzen ausgestellt, sodass interessierte Bewohnerinnen und Bewohner Einblick nehmen und Verbesserungsvorschläge einbringen konnten. Auf so genannten Nachbarschafts-Talentbögen konnten die Bewohnerinnen und Bewohner festhalten, über welche spezifischen Fähigkeiten sie verfügen und inwieweit sie bereit sind, diese für eine positive Gestaltung des Stadtteils einzusetzen.
Weitere Informationen zu diesem Projekt unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de
und unter www.sozialestadt.de/praxisdatenbank/suche/ausgabe.php?id=85
„Diese sozialen Erhebungen sind genauso erforderlich wie Planungskosten in der städtebaulichen Sanierung. Bei verkehrstechnischen und baulichen Verfahren hinterfragt niemand die Planungskosten. Befragungen der Bevölkerung werden oftmals als zu teuer angesehen, obwohl sie maßgeblich die Akzeptanz von Vorhaben erhöhen könnten.“
Helene Luig-Arlt, Büro für Stadtteilmanagement, Langballig (Schleswig-Holstein)
Stadtteile mit vielen sozialen Problemlagen benötigen eine besondere Vorgehensweise, um die Lebensverhältnisse der Menschen im Quartier zu verbessern. Prävention und Gesundheitsförderung sind wesentliche Elemente dieses Prozesses.
Die Beteiligung der Bevölkerung ist ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung. Dafür müssen entsprechende Methoden und Verfahren eingesetzt werden. Sie ermöglichen es, dass bei der Projekt- und Maßnahmeplanung dem Bedarf und den Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung getragen wird. Dadurch können Fehlplanungen und Fehlinvestitionen vermieden oder reduziert werden.
Eine Planungsmethode für die Entwicklung eines Stadtteils, bei der die Bevölkerung einbezogen wird, ist die Aktivierende Befragung.
Aktivierende Befragung
Das Hauptinteresse dieser Methode liegt in der Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger, sich selbst um die eigenen Belange zu kümmern, um mehr Bürgerbeteiligung in der Gemeinwesenarbeit zu initiieren. Entscheidend ist dabei, den durch die Befragung in Gang gesetzten Prozess der Beteiligung fortzusetzen, und dass im Anschluss an die Befragung Versammlungen und weitere Aktivitäten folgen. Dadurch soll im Gegensatz zur Ohnmacht ein Prozess der Handhabbarkeit von Problemen eingeleitet werden. Im Sinne der Gesundheitsförderung entspricht dieses Vorgehen der Strategie „Selbstbefähigung durch Partizipation“. Die Methode der Aktivierenden Befragung ist deshalb besonders geeignet, Bedarfsermittlungen im Bereich der Gesundheitsförderung im Setting Stadtteil durchzuführen.
Auf den Anfang kommt es an!
„Die umfangreiche Voruntersuchung gibt eine gute Grundlage für die spätere Aktivierungsarbeit. Die Kombination von subjektiven (eigene Erhebung) und objektiven (vorhandene Daten, Statistiken etc.) Faktoren helfen, ein Gebiet weitaus umfassender zu erfassen und zu begreifen.“
„Wir haben darauf geachtet, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Erwartungen geweckt werden. Es sollte ja erst die Auswertung der Untersuchung ergeben, in welchem Quartier letztendlich aktiviert werden soll.“
Brigitta Kammann, Büro für Gemeinwesenarbeit der Evangelischen Gemeinde zu Düren, nach:
www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierendebefragung/praxisbeispiele/ voruntersuchung/104103/
Merkmale einer Aktivierenden Befragung:
- Es wird nach dem Ablaufplan fachlich vorgegangen.
- Es wird mit offenen Fragestellungen gearbeitet.
- Die Beteiligten werden systematisch vorbereitet und trainiert.
- Die entstandenen Aktivitäten werden weiterhin begleitet und unterstützt.
Quelle: www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierende-befragung/104060/
Die Kosten einer Aktivierenden Befragung sind abhängig von der Befragungsgröße: Gebiet, Anzahl der Befragten und damit Zeit. Wichtig ist, die Kapazitäten nach der Bewohnerversammlung einzuplanen, um die Aktivierten bei ihrer Selbstorganisation unterstützen zu können.
Die Aktivierende Befragung ist lohnend, wenn nachher auch Interesse an und Freiraum für selbst organisierte neue Aktivitäten besteht und auch personelle Kapazitäten da sind, diese bei Bedarf zu begleiten.
Die Vorgehensweise bei einer Aktivierenden Befragung
1. Schritt > Voruntersuchung
Voruntersuchungen zum Stadtteil liefern erste wichtige Informationen, auf denen die Befragung aufbauen kann. Voruntersuchungen können mit Hilfe von Ortsbesichtigungen, Statistikauswertungen, Gesprächen mit Expertinnen und Experten sowie Bewohnerinnen und Bewohnern erfolgen.
Die Auswertung dieser Informationen kann auf der Basis von Häufigkeiten erfolgen oder aber in Bezug auf die Zielsetzung zur Bildung von Schwerpunkten genutzt werden.
2. Schritt > Hauptuntersuchung
(Fragebogenentwicklung und Befragung)
Die Hauptuntersuchung basiert auf den Ergebnissen der Voruntersuchung. In der Regel werden eine schriftliche Befragung mittels Fragebögen und/oder eine mündliche Befragung mit Hilfe von Leitfäden (wichtige Fragen, die eine Fokussierung des Interviews herbeiführen sollen) durchgeführt. Informationen zur Entwicklung eines Fragebogens finden sich auf www.quint-essenz.ch
3. Schritt > Auswertung und Aktivierung
Die Auswertung der Befragung kann in Form von Häufigkeiten oder aber in Bezug auf die offenen Fragen als verdichtete Beschreibung in Hinblick auf die aus der Voruntersuchung herausgearbeiteten Themen erfolgen.
Viele Untersuchungen schließen im Unterschied zu der Aktivierenden Befragung mit dem Ergebnisbericht und/oder einer Präsentation ab. Bei einer Aktivierenden Befragung erfolgt im dritten Schritt die Diskussion der Ergebnisse mit den Befragten. Im Sinne einer Aktivierung wird eine konkrete Aktion oder Bildung von Interessengruppen der Beteiligten angestrebt.
Wichtig ist die Art der Befragung
Offene Fragen sind in der Aktivierenden Befragung aussagekräftiger. Sie eröffnen die Möglichkeit, nach den Gründen und Wünschen der Befragten zu fragen. Werden geschlossene Fragen verwendet (Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind), so sollten sie ergänzt werden: „Wenn ja, warum?“, „Wenn nein, warum nicht?“
Beispielfragen:
Welche Veränderungen würden Ihrer Meinung nach den Stadtteil aufwerten?
Was gefällt Ihnen nicht im Stadtteil?
Worauf sollte bei der Befragung geachtet werden?
Ein wichtiger Schritt ist die Schulung bzw. Vorbereitung der Befragenden, die die Interviews im Stadtteil durchführen sollen.
„Zuviel auf einen Streich“, Befragung in Hamburg-St. Pauli
Es war hilfreich, die Befragungssituation vorher im Rollenspiel zu üben, die Mehrsprachigkeit der Befragenden zu gewährleisten und einen Testlauf durchzuführen.
Weitere Informationen hierzu unter:
www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierende-befragung/praxisbeispiele/
Beispiel für die Anwendung der Methode bei geringen zeitlichen und personellen Ressourcen:
Büro für Gemeinwesenarbeit der Evangelischen Gemeinde zu Düren
„Über »kleine Aktivierende Befragungen« sollen neue Personen den Zugang zu den Aktivitäten, Arbeitsgruppen, Gremien und Räumlichkeiten der Organisation finden. Zusammengefasst sind die Ziele der »kleinen« Aktivierung: die Lebendigkeit und Offenheit der Organisation bewahren, die Zufriedenheit und Motivation von Aktiven stärken und aufrechterhalten, neue Menschen im Viertel, ihre Sichtweisen, ihre Interessen kennen lernen und mögliche Anknüpfungspunkte für gemeinsames Handeln herausfinden, neue interessierte Menschen aus dem Viertel für die aktive Mitarbeit in der bestehenden Bewohnerorganisation (z.B. Interessengemeinschaft, Nachbarschaftsverein) gewinnen.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zur Erreichung der oben genannten Ziele »kleine Aktivierende Befragungen« ohne großen Personalaufwand und aufwändige öffentlichkeitswirksame Aktionen sehr wirkungsvoll sind. Es ist zu berücksichtigen, dass es bei unseren »kleinen Aktivierenden Befragungen« um Aktivierungsarbeit mit bereits im Viertel vorhandenen Strukturen, wie z.B. Bewohnervereinen, geht. Sie können gemeinsam mit einzelnen Bewohner/innen, einer/m Praktikant/in oder Kolleg/in durchgeführt werden. Dazu müssen der zeitliche Umfang (ca. drei bis fünf Wochen) und die besondere Zielgruppe der Befragung auf ein realistisches Maß beschränkt werden.“
Quelle und weitere Informationen hierzu unter
www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierendebefragung/praxisbeispiele/
Tipps zum Weiterlesen
[ Tipps zum Weiterlesen finden Sie hier ]
Links zu den Themen „Bedarfserhebung im Quartier“ und „Aktivierung“
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