Kapitel 5 - Gesundheitsförderung, die ankommt: Der Lebenswelt-Ansatz
Menschen in schwieriger sozialer Lage (z.B. Empfängerinnen und Empfänger von Transferleistungen, Personen mit Migrationshintergrund oder Alleinerziehende) werden über andere Kommunikationskanäle und mit anderen Ansprachestrategien erreicht als sozial besser Gestellte. Durch rein verhaltensbezogene Interventionen, wie z.B. Kursangebote, sind kaum nachhaltige Wirkungen zu erwarten. Information, Aufklärung und Beratung sind Teil von Prävention, aber der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob der Verhaltenskontext bzw. die konkreten Lebensbedingungen beeinflusst werden (nach Rosenbrock, 2008).
Das „Regenbogen-Modell“ (vergleiche Kapitel 1) veranschaulicht, dass der individuelle Lebensstil stark von den Lebens- und Arbeitsbedingungen und dem sozialen Umfeld bestimmt wird. Der Erfolg gesundheitsfördernder Ansätze ist umso wahrscheinlicher, je mehr von Anfang an auch diese Rahmenbedingungen zum Gegenstand der Intervention werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat hierfür den Begriff des „Setting-Ansatzes“ geprägt. In Deutschland wird auch vom „LebensweltAnsatz“ gesprochen.
Schulprogramm
Fridtjof-Nansen-Schule, Hannover
In der Fridtjof-Nansen-Schule, im sozialen Brennpunkt Hannover-Vahrenheide, wird Gesundheitsförderung umfassend in den schulischen Alltag der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte integriert. Das zugrunde liegende Programm ist durch stark partizipative Elemente (z.B. Kinderparlament) sowie eine Öffnung des Schulsystems zum Stadtteil gekennzeichnet. Die ganzheitliche Förderung von Mädchen und Jungen, die als durchgängiges Prinzip gilt, beinhaltet die kindgerechte Rhythmisierung des Schulalltags, einige immer leicht verfügbare Bewegungsräume, Freiräume für die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Natur und vieles mehr. Ein Steuerungsausschuss sichert die Beteiligung von Lehrenden, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern an einem gemeinsamen kontinuierlichen Entwicklungsprozess der gesamten Schule hin zu mehr Gesundheit (Organisationsentwicklung). Kapitel 5 - Gesundheitsförderung die ankommt: Der Lebenswelt-Ansatz Menschen in schwieriger sozialer Lage (z.B. Empfängerinnen und Empfänger von Transferleistungen, Personen mit Migrationshintergrund oder Alleinerziehende) werden über andere Kommunikationskanäle und mit anderen Ansprachestrategien erreicht als sozial besser Gestellte. Durch rein verhaltensbezogene Interventionen, wie z.B. Kursangebote, sind kaum nachhaltige Wirkungen zu erwarten. Information, Aufklärung und Beratung sind Teil von Prävention, aber der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob der Verhaltenskontext bzw. die konkreten Lebensbedingungen beeinflusst werden (nach Rosenbrock, 2008).
Die Öffnung der Schule zum Stadtteil ist durch eine gemeinwesenorientierte Zusammenarbeit mit Institutionen aus dem sozialen Umfeld gesichert worden. Die Schule bietet mit dem Freilichtforum einen zentralen Kommunikationsort nicht nur für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, sondern auch für den umgebenden Stadtteil. Das Forum steht Stadtteilinitiativen kostenneutral offen und wird intensiv genutzt. Darüber hinaus sichert die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen - zum Beispiel Gemeindeunfallversicherungsverband, Beratungsstellen, Krankenkassen, Stadtteilforen etc. - die fachliche Einbindung und Weiterentwicklung
im Setting.
Weitere Informationen zu diesem Projekt in der Datenbank
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und unter www.fns-online.de
In einem vereinfachten Schema umfassen Interventionen innerhalb der Lebenswelt drei zentrale Aspekte:
- Sie stärken die Kompetenzen und Ressourcen der im Setting lebenden Personen (individuelle Ebene),
- sie entwickeln gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen (Ebene der Strukturbildung) und
- sie binden in diesen Prozess systematisch möglichst viele Personen(gruppen) in deren Lebenswelt ein (Partizipation).
Durch die gleichzeitige Berücksichtigung sowohl der individuellen wie auch der strukturellen Ebene ist die Umsetzung des LebensweltAnsatzes sehr anspruchsvoll. Insbesondere in der Lebenswelt Stadtteil wird die erfolgreiche Umsetzung nur gelingen, wenn viele Akteure an einem Strang ziehen.Dafür können auch bereits etablierte Netzwerke und Foren der Zusammenarbeit genutzt werden. Das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt ist ein zentraler Anknüpfungspunkt.
Ursprünglich als ein Ansatz der sozialen Städtebauförderung initiiert, gewinnt die Entwicklung einer sozialen Infrastruktur in den benachteiligten Stadtteilen zunehmend an Bedeutung.
Abbildung 5: Kompetenzstärkung, Strukturentwicklung und Partizipation als zentrale Elemente des Setting-Ansatzes (nach Kilian, Geene & Philippi, 2004)
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Die Themen „Gesundheit“ und „Gesundheitsförderung“ finden sich zwar noch immer am Ende der bearbeiteten Themenlisten, aber die Infrastruktur, die seit 1999 bis zum Jahr 2009 inzwischen 570 geförderten Programmgebieten in 350 Gemeinden aufgebaut wurde, bietet beste Voraussetzungen, diese Themen in die zahlreichen Aktivitäten zu integrieren, da sich hier die drei wesentlichen Elemente des Lebenswelt-Ansatzes wiederfinden:
- Das Programm Soziale Stadt wendet sich an sozial benachteiligte Zielgruppen, die den Auswirkungen der sozial bedingten ungleichen Gesundheitschancen in hohem Maße ausgesetzt sind (individuelle Ebene).
- Im Programm Soziale Stadt geht es primär um den Aufbau und die Weiterentwicklung der baulichen und sozialen Infrastruktur. Beides hat entscheidende Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner und bietet gute Ansatzpunkte, diesen Aspekt in den künftigen Aktivitäten der Arbeit vor Ort zu stärken (Ebene der Strukturbildung).
- Ein wichtiges Element der Arbeit im Programm „Soziale Stadt“ ist die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner der Programmgebiete in strategische Entscheidungen und Einzelprojekte. Auch dieses entspricht dem Basiskonzept von Gesundheitsförderung, das auf die Stärkung von Kompetenzen und Beteiligungsmöglichkeiten der Betroffenen setzt (Ebene der Partizipation).
Insbesondere der letzte Punkt, die Beteiligung der Zielgruppen, kann nur gelingen, wenn diese auch in die Lage versetzt werden, sich aktiv einzubringen. Oft wird es notwendig sein, diese Voraussetzungen erst zu schaffen. Dies ist Aufgabe und Ziel des Empowerments, das im nächsten Kapitel vorgestellt wird.
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