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29.12.2011

Gesundes Altern durch bürgerschaftliches Engagement

Wie lassen sich noch mehr Ältere erreichen?

Dr. Karin Stiehr, Institut für Soziale Infrastruktur (ISIS), GbR

Schlagwörter: Forschung, freiwilliges Engagement, Kommentar

Ehrenamtlich Tätige wer­den seltener krank und le­ben länger. Diese The­se wird, ge­ra­de für ältere Ehrenamtliche, durch ei­ne Rei­he von plausiblen Er­klä­rung­en gestützt: Nach dem Aus­tritt aus dem Er­werbs­le­ben bietet ih­nen bür­ger­schaft­liches En­ga­ge­ment neue Rol­len und sinnvolle Auf­ga­ben. Darüber hinaus wer­den durch frei­wil­lige Ar­beit so­zi­ale Netzwerke erweitert und die persönliche Wei­ter­ent­wick­lung gefördert. Trotzdem stellt sich die Fra­ge, ob sich nicht die oh­ne­hin ge­sund­heit­lich stabileren Menschen frei­wil­lig en­ga­gie­ren, so dass es sich um die gegenteiligen Wirkmechanismen handelt: Nicht das En­ga­ge­ment würde in diesem Fall zur Ge­sund­heits­för­de­rung bei­tra­gen, son­dern der gute Ge­sund­heits­zu­stand zur Auf­nah­me ei­ner ehrenamtlichen Tä­tig­keit.


Eine Stu­die der Uni­ver­si­tät Wales ging mit ei­ner Meta-Analyse von 87 Fachartikeln der Fra­ge nach, wel­che Effekte ehrenamtliche Ar­beit zum ei­nen auf die Nut­zer von Gesundheitsdiensten hat und zum an­de­ren auf die ehrenamtlich Tätigen selbst. Zu den vorteilhaften Ergebnissen für Kli­en­tin­nen und Klienten gehörten au­ßer­or­dent­lich positive Effekte, wie seltenere Angstzustände, ein geringerer Be­darf an stationärer und ambulanter Be­hand­lung, verbesserte Beziehungen zwi­schen Pfle­ge­per­so­nal und Patienten und die Ent­las­tung pflegender Angehöriger. Da es das Ziel des En­ga­ge­ments ist, Nut­zer von Gesundheitsdiensten zu un­ter­stüt­zen, ist ein Nutzen aber letzt­lich erwartbar. Bestätigt wurden aber auch gesundheitsförderliche Aus­wir­kung­en auf die Ehrenamtlichen selbst. Dies galt un­ter an­de­rem für die Be­wer­tung des eigenen körperlichen und psychischen Ge­sund­heits­zu­stands, das Praktizieren ei­nes ge­sun­den Lebensstils, die Fä­hig­keit, mit Krank­heit­en umzugehen, die Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten so­wie so­zi­ale Ein­bin­dung, Selbst­ver­trau­en und Le­bens­qua­li­tät im Allgemei­nen (University of Wales Lampeter 2008).

Die konkrete Ur­sa­che für diese Wir­kung­en wird häufig im ‚Helper’s High’ gesehen, ein Hochgefühl, das Endorphine freisetzt, das Im­mun­sys­tem anspornt und so­mit Krank­heit­en abwehrt oder ih­ren Verlauf mindert (Luks/Payne 2001).

Freiwilligenarbeit ist nicht nur ei­ne Op­ti­on für fitte und gesunde Ältere, son­dern auch für Pflegebedürftige selbst. Ihnen wird oft un­terstellt, dass sie nicht in der La­ge oder da­ran in­te­res­siert seien, sich für an­de­re zu en­ga­gie­ren. Abgesehen von der in Heimen ge­setz­lich basierten Mitwirkung, die im Ide­al­fall von ehrenamtlichen Heimbeiräten aus dem Kreis der Be­woh­ner ausgeübt wird, hat hierzu auch ei­ne US-amerikanische Stu­die den Nutzen für die Engagierten be­legt. In diesem Kon­text stellten sich Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­ner von Pflegeheimen als ehrenamtliche Mentoren von Studentinnen und Studenten mit ei­ner an­de­ren Mut­ter­spra­che als Eng­lisch zur Verfügung und absolvierten mit ih­nen regelmäßige Konversationsstunden. Für die Teil­nah­me an der Stu­die gab es definierte Voraussetzungen für die Ehrenamtlichen, wie die Fä­hig­keit, ein Ge­spräch von we­nigs­tens ei­ner Stun­de füh­ren zu kön­nen, und Ausschlusskriterien, wie nicht kompensierbare Hörschwächen, Verhaltensauffälligkeiten oder ei­ne krankheitsbedingte Le­bens­er­war­tung un­ter sechs Monaten. Die Kan­di­da­tin­nen und Kandidaten wurden in ei­ne aktive Grup­pe und ei­ne Kontrollgruppe, die noch ei­ni­ge Monate bis zur Auf­nah­me ih­rer Tä­tig­keit war­ten sollte, un­terteilt. Bereits nach drei Monaten schätzten die aktiven Ehrenamtlichen ih­ren Ge­sund­heits­zu­stand und ih­re Lebenszufriedenheit deut­lich positiver als die Kontrollgruppe ein und berichteten seltener von Depressionen. Diese gesundheitsförderlichen Effekte er­wie­sen sich als nach­hal­tig und waren auch noch sechs Monate nach Be­en­di­gung des Projektes vorhanden (Yuen 2008: 72ff.).

Die be­schrie­be­nen Vor­zü­ge ehren­amt­li­cher Ar­beit für älte­re Men­schen kön­nen sich auf brei­te­rer Ebe­ne nur dann ent­fal­ten, wenn för­der­li­che Rah­men­be­din­gung­en ge­ge­ben sind. Auch wenn die ge­sund­heits­för­der­li­chen Effekte des bür­ger­schaft­lichen En­ga­ge­ments als nach­ge­wie­sen be­trach­tet wer­den kön­nen, stellt sich die Fra­ge, ob die Zu­gän­ge zu ei­ner frei­wil­ligen Tä­tig­keit für al­le Grup­pen un­ter den Älte­ren glei­cher­ma­ßen ge­ge­ben sind. Längst sind die wech­sel­sei­ti­gen Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Bil­dungs­ni­veau, ma­te­riel­len Res­sour­cen, so­zi­aler In­te­gra­ti­on und ak­ti­ver Teil­ha­be be­kannt. Mit an­de­ren Worten: Wer ge­bil­det ist, weist in der Re­gel ei­nen durch­schnitt­lich höheren Grad an so­zi­aler In­te­gra­ti­on auf, und wer so­zi­al in­te­griert ist, wird sich mit höherer Wahr­schein­lich­keit bür­ger­schaft­lich en­ga­gie­ren oder, als an­de­re Aus­prä­gung des ‚aktiven Alterns’, be­reit zum le­benslangen Lernen sein.

Insbesondere die neuen Formen des Ehrenamts, al­so die selbstorganisierte Pla­nung und Durch­füh­rung von Projekten, stel­len große Ansprüche an die Engagierten und ber­gen das Ri­si­ko, manche Grup­pen un­ter den älteren Menschen auszuschließen. Mit Blick auf die Seniorenbildung steckt, so Kolland und Ahmadi, im Pro­zess der Selbstorganisation „ein Stück weit ei­ne Privilegierung je­ner gesellschaftlichen Grup­pen, de­nen Selbst­stän­dig­keit nicht fremd ist. Es wer­den da­mit Ungleichheitsverhältnisse stabilisiert, in de­nen jene, für die Fremdsteuerung die Nor­ma­li­tät des Alltags prägt, von vornherein benachteiligt sind“ (Kolland/Ahmadi 2010: 32). Die Ge­stal­tung von seniorenge­rechten Rah­men­be­din­gung­en in der Freiwilligenarbeit sollte des­halb ei­ne Rei­he von Aspekten be­in­hal­ten, die auch weniger privilegierten Grup­pen un­ter den Älteren ge­recht wer­den:

  • Niedrigschwellige Formen der An­spra­che und Mo­ti­vie­rung: Auf die Fra­ge, wel­ches der wich­tigste Grund für ihr Nicht-Engagement ist, ant­wor­ten ältere Menschen, sie seien bis­her nicht ge­fragt worden. Menschen in be­nach­tei­lig­ten Le­bens­la­gen, z. B. bildungsferne Ältere mit schwachen sozialen und familiären Netzwerken, bil­den hier ei­ne besondere Ziel­grup­pe.
  • Ge­le­gen­heit­en zur Wei­ter­ga­be von Wissen: Berufliches und persönliches Erfahrungswissen ist ei­ne spezifische Stär­ke älterer Freiwilliger. Sie trans­fe­rie­ren Wissen nicht nur zwi­schen Generationen und Kulturen, son­dern kön­nen im Rahmen von Senioreninitiativen auch kommunale Pla­nung­en, bei­spiels­wei­se im sozialen oder Gesundheitsbereich un­ter­stüt­zen; gute Er­fah­rung­en wurden in diesem Zu­sam­men­hang im europäischen Pro­jekt SenEmpower ge­sam­melt (www.senempower.eu).
  • An­ge­bo­te zur fachlichen Be­glei­tung und Re­fle­xi­on von Er­fah­rung­en: Unterschiedliche Grup­pen von Frei­wil­li­gen benötigen unterschiedliche Formen der Be­glei­tung und des Austausches von Er­fah­rung­en. Ein qualifiziertes organisationsinternes Frei­wil­li­genmanagement ist eben­so sinn­voll und wich­tig wie externe Qualifizierungsangebote.

Die För­de­rung des bürgerschaftlichen Engagements älterer Menschen sollte durch­weg be­rück­sich­ti­gen, dass nicht al­le Älteren bildungsprivilegiert und so­zi­al hoch in­te­griert sind; an­ge­sichts der gesundheitsförderlichen Aus­wir­kung­en dür­fen auch an­de­re Teilgruppen nicht aus den Au­gen verloren wer­den. Ausgestattet mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen, In­te­res­sen und Nei­gung­en kom­men Tä­tig­keit­en in al­len Sektoren der Freiwilligenarbeit für ältere Menschen in Fra­ge. Bei der Ent­wick­lung von Angeboten sind, so zeigt das Bei­spiel der ehrenamtlichen Mentoren im Al­ten­heim, der Kre­a­ti­vi­tät keine Gren­zen ge­setzt.


Kolland, F., Ahmadi, P. (2010). Bil­dung und aktives Altern. Be­we­gung im Ru­he­stand. Bie­le­feld: Bertelsmann

Luks, A., Payne, P. (2001). The Healing Power of Doing Good - The Health and Spi­ri­tu­al Benefits of Helping Others. New York: iUniverse.com

University of Wales Lampeter (2008). Volunteering and Health: What Impact Does It Really Have?. Fi­nal Re­port to Volunteering England: http://www.volunteering.org.uk/NR/rdonlyres/AB46F9EC-CADB-4ABB-AEFE-8A850F09AE32/0/FullRe­portLampeter2ndJuly2008.pdf, Zu­griff am 6. De­zem­ber 2011

Yuen, H., Huang, P., Burik, J., Smith, T. (2008). Impact of Participating in Volunteer Activities for Residents Living in Long-term Care Facilities. In: The American Jour­nal of Occupational Therapy, Volume 62, Number 1, 71-76

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