Kommunale Netzwerke in kleinen Kommunen unterschieden sich erheblich von denen in großen Städten: Es ist nicht klar, wer die Leitungsfunktion übernehmen sollte. Verantwortliche Ansprechpartner oder Ansprechpartnerinnen sind in Kommunen unterhalb der Kreisebene nicht vorgesehen. Gerade im Bereich des ÖGD kann immer noch gespart werden, weil anders als im SGB V § 28 wo festgelegt ist, dass die Behandlung nach den Regeln ärztlicher Kunst zu erfolgen hat, analoge fachliche Standards, die durch eine Profession festgelegt werden, nicht existieren und auch nicht eingefordert werden.
Kommunen, besonders solche mit Nothaushalt haben nur einen sehr eingeschränkten Gestaltungsspielraum und müssen gezwungenermaßen die freiwilligen Leistungen auf ein Minimum reduzieren. Die ständige Finanzknappheit in solchen Kommunen hat dazu geführt, dass als fachliche richtig und notwendig erkannte Maßnahmen wegen der prekären Haushaltssituation nicht umgesetzt werden können. Wenn Bewerbung um Fördermittel unterbleibt, weil der Eigenanteil nicht erbracht werden kann, frei werdende Stellen nicht mehr besetzt werden oder mit Personen mit nicht ausreichenden fachlichen Kenntnissen besetzt werden müssen, trägt das weiter zu Marginalisierung von Kommunen bei und Themen wie gesundheitliche Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit bleiben vor Ort auf der Strecke bleiben.
Es wurden häufig weder differenzierte Sozialraumanalysen durchgeführt (mit der sogar in kleinen Kommunen straßenbezogen gezeigt werden kann, wo Menschen mit wenig materillen Ressourcen leben und ein hohes Maß an Unterstützung brauchen). In der kleinen Kommune, in der ich seit mehr als einem Jahr im Rahmen von freiwilliger unbezahlter Tätigkeit Arbeitskreis leite, in dem alle wichtigen Akteure vertreten sind: Jugendamtsleiter, Vorsitzender der Bürgerstiftung, Kämmerin, Gesundheitsförderer vom Kreisgesundheitsamt, Vertreterin des Jobcenters, der Politikwerkstatt, Kinder- und Jugendärzte (niedergelassen und vom Kreisgesundheit), Mitarbeiterin der Tafel, Leiterin eine Grundschule, Vertreter der Bürgerschaft, der Arbeitsgruppe Sozialgespräch in dem Kirchen, verschiedene Träger und Institutionen, den Zielgruppen Personen in besonderen Lebenslagen sind) zeigen die Schuleingangsuntersuchungen, dass die Kinder aus dem oben erwähnten Einzugsbereich, in der vier verschiedene Kitas liegen schlechtere Untersuchungsergebnisse aufweisen als die der Kinder aus den anderen Kitas der Stadt. Unterschiede bestanden schon bei Eintritt in den die Kitas. Durch den Kitabesuch konnten die Differenzen allerdings nicht abgebaut sondern bestenfalls abgemildert werden. Da die Kinder aus diesen vier Kitas in eine Grundschule wechseln , ist es nicht verwunderlich, wenn aus dieser Grundschule anteilig mehr Kinder an die Förderschule oder Hauptschule wechseln, als aus anderen Grundschulen. Wie schon eine Untersuchung von 3 Kitas in der nahegelegenen Kreisstadt vor wenigen Jahren gezeigt hat, sind die Kitas in sozialen Brennpunkten im Verhältnis zu den anfallenden Aufgaben personell schlechter gestellt und zudem sit die räumliche und sächliche Ausstattung dort schlechter, wo die Kinder in beschränkten Wohnverhältnissen leben und nachmittags zum Spielen nicht in den eigenen Garten hinter dem Haus gehen können. Würde wirklich Bildungsgerechtigkeit angestrebt müssten zusätzlich Ressourcen gezielt für Bildungseinrichtungen in diesen Quartieren zur Verfügung gestellt werden.
Dass besonders geschultes Fachpersonal die Kinder besser fördern kann, hat sich in Mülheim gezeigt. Dort erbrachten die Schuleignungsuntersuchungen von Kindern , die in armen Stadtteilen leben überraschend gut Ergebnisse, die wohl darauf zurückgeführt werden können, dass die Erzieherinnen besonders geschult wurden und nach dem Early Excellence Ansatz arbeiten, dessen Verbreitung in der Bundesrepublik über die Dürr- Stiftung gefördert wird. Die unterschiedlichen Träger von vorschulischen Bildungseinrichtungen sind allerdings nicht dazu verpflichtet, ein bestimmtes pädagogisches Konzept umzusetzen. Immer noch wird allzu häufig die Erziehungskompetenz der Eltern in Frage gestellt, anstatt die Kinder ausreichend ergänzend zur Familie ausreichend zu fördern und zu fordern und ihnen optimale Bewegungsmöglichkeiten und gesundes Essen in der Einrichtung zu garantieren. Dies gilt ebenso für den Primarbereich, in dem entscheidende Weichen gestellt werden. In NRW werden Bildungsgrundsätze erprobt, die die Entwicklung von Kompetenzen der Kinder in den unterschiedlichsten Bereichen im Vor-und Grundschulbereich zum Ziel haben. Allerdings wird dabei das Thema des Herstellens von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit nicht berücksichtigt.
Von uns durchgeführte Befragungen von Jugendlichen , die wir durchgeführt haben zeigen zudem, dass kleine Städte, selbst wenn sie im Grünen liegen und Welt vordergründig noch in Ordnung zu sein scheint, Jugendlichen nicht ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten bieten, da der öffentlich Raum nicht deren Bedürfnissen Rechnung trägt und kaum Orte vorhanden sind, in denen diese sich aufhalten und verweilen können ohne gleichzeitig etwas verzehren zu müssen . Veränderungen sind wiederum an den Einsatz von Mitteln gebunden, die nicht zur Verfügung stehen. Besonders Jugendliche, aus armen Familien verfügen zudem nicht über die notwendigen Mittel, um kulturelle Angebote in Nachbarkommunen oder nahegelegenen größeren Städten nutzen zu können. Die Schließung von Schwimmbädern, Sportplätzen, mangelnde Ausstattung von Büchereinen etc. wirkt besonders nachteilig für diese Jugendlichen aus. Befragungen von Schulklassen in haben gezeigt, dass gerade HauptschülerInne, -aber nicht nur diese - sich eine schöne, saubere Schule, keine kaputten Spielplätze, eine saubere Stadt und mehr Schutz durch die Polizei vor Gewalt wünschen. Sie möchten nicht ständig verjagt werden und auch nicht ihre Plätze mit Alkohol konsumierenden Suchtkranken teilen müssen.
Speziell auf die Bedürfnisse von jungen, bildungsfernen Eltern zugeschnittene in räumlicher Nähre zum Wohnviertel stattfindende Qualifizierungsangebote, die eine weitgehende Flexibilität ermöglichen und kultursensibel sind können aufgrund gesetzlicher Vorgaben vom Jobcenter nicht finanziert werden und nur dann angeboten werden, wenn über Stiftungen Geld eingeworben werden.
Gesundheitsförderung und Prävention in der Kommune ist ein Thema, für das sich viele Akteure begeistern lassen und an dem sie bereit sind mitzuarbeiten. Wenn allerdings wegen der beschriebenen strukturellen Probleme und mangelnden Ressourcen nur wieder Projekte mit einem kontextuell verkürzten Ansatz auf den Weg gebracht werden führt dies langfristig zu Enttäuschung. Es kann nicht erwartet werden, dass für Koordinationstätigkeiten unbezahlte Freiwillige zur Verfügung stehen, die durch geschicktes Agieren Zugang zu Fördertöpfen erschließen. Die vielen ausgeschriebenen Wettwerbe verdecken, den dahinter liegenden Mangel zu verbergen. Ohne Zweifel können Prozesse optimiert werden und bestehende lokale Konkurrenzsituationen und ein Nebeneinanderherwursteln durch geschickte Moderation in eine fruchtbare Zusammenarbeit umgewandelt werden. Auch sind Personalentwicklungsmaßnahmen sinnvoll und notwendig um die Arbeit der einzelnen Institutionen zu verbessern.
Instrumente, die dazu verhelfen, mit Kennzahlen zu Steuern wurden zwar von der Bertelsmanns-Stiftung zur Verfügung gestellt. Jedoch hängt der Einsatz dieser oder anderer ähnlicher Instrumente immer noch vom Good Will ab. Und auch dann wissen wir noch nicht, in welchen Familien Eltern chronische körperlich oder psychisch krank und oder behindert sind, welche Eltern ihren Kindern nicht vorlesen können, weil sie selbst in der Schule nicht die Chance hatten ausreichende Lesekompetenz zu erwerben, also ein Einsatz von sozialpädagogischer Familienhilfe aus Kostengründen nicht auf eine bestimmte Anzahle von Stunden begrenzt werden kann usw.
Es ist also vor allen Dingen auch notwendig Transparenz herzustellen. Bundesgesetze und Ländergesetze aufeinander abzustimmen, nicht immer wieder eine neue Sau durchs Dorf zu treiben, sondern Ausschreibungen aufeinander abzustimmen und dort über Koordinierungsstellen Unterstützung anzubieten, wo Aufgaben von eine kleinen Kommune nicht alleine geleistet werden können.
Die Liste der strukturellen Hindernisse bei der Umsetzung des Ziels „ Gesund Aufwachsen“, dem Aufbau kommunaler Präventionsketten, der Gesundheitsförderung in der Kommune sind lang und sollten nicht unterschätzt werden. Seit Jahren wurde auf dem Kongress Armut und Gesundheit zu Recht das Ende der „Projektitis“ gefordert. Die Voraussetzungen für ein Strategisches Managen, Steuerung unterstützt durch Kennzahlen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Stakeholder, Aufhebung der Versäulung von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssystem und Kooperation in kommunalen Gesundheits- und Bildungskonferenzen, ausreichende Finanzausstattungen durch die Festlegung von Standards, die auch Kommunen im Nothaushalt ermöglichen freiwillige Leistungen auszuweiten, müssen Schritt für Schritt entwickelt werden und sind auch bei der Stadtentwicklung zu berücksichtigen.