Inhalt
Motivia - ein Hilfsprojekt für schulmüde Jugendliche in der Stadt Aachen
Träger des Projektes:
IN VIA, Verband Katholischer Mädchensozialarbeit e.V.
Richardstr. 7
52064 Aachen
Projektleitung: Hildegard Kaufmann
Handlungsfelder: Stärkung der Selbstwirksamkeit, Ernährung, Bewegung
Zielgruppe: schulverweigernde Jugendliche von Haupt- und Sonderschulen der Stadt Aachen im Alter von 12 bis 16 Jahren (Mädchen und Jungen)
Hintergrund
Das Phänomen der Schulverweigerung ist nicht neu, sondern so alt wie die Schule selbst. Neu, und daher von besonderer Relevanz, ist der quantitativ und qualitativ steigende Umfang der Schulverweigerung in den letzten Jahren und die Verknüpfung mit anderen, die Sozialisation negativ beeinflussenden Faktoren (wie z.B. Drogen, Gewaltbereitschaft, Ausländerfeindlichkeit usw.).
Schulverweigerung bedeutet jedoch nicht nur das „blaumachen“ einzelner Schulstunden, Schulverweigerung äußert sich durch massive, zum Teil monatelange Absenz von der Schule.
Untersuchungen zur Folge verlassen fast zehn Prozent eines Altersjahrgangs alljährlich die Schule ohne Abschluss und haben damit nur geringe Chancen, eine Berufsausbildung zu absolvieren und später ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit zu sichern.
Die Erfahrungen der Schulen in Aachen mit extremer Schulabsenz (Schulverweigerung) zeigten, dass klassische Interventionsmethoden wie z.B. Elterngespräche, Einschaltung des Jugendamtes, Bußgelder usw. in diesen Fällen oftmals nicht mehr zu einer Verbesserung der Situation führten. Vor diesem Hintergrund wurde das Modellprojekt Motivia ins Leben gerufen. Motivia ist eins von acht Bundesmodellen, wo ein neuer, innovativer Versuch zur Verbesserung der Lage schulverweigender Jugendlicher mit extremer Schulabsenz unternommen wurde.
Projektbeschreibung
Das Projekt Motivia startete als Modellprojekt im Januar 1998. Träger des Modells ist IN VIA, Verband Katholischer Mädchensozialarbeit e.V. in Aachen. Nach einer vierjährigen Modellförderphase durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde die Anschlussfinanzierung ab 2002 vom Jugendamt der Stadt Aachen über §29 KJHG (Hilfen zur Erziehung) übernommen.
Motivia verfolgt das grundlegende Ziel, die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen psychisch zu stabilisieren und ihnen Kompetenzen zu vermitteln, so dass
- soziales und kognitives Lernen ermöglicht wird,
- tragfähige Beziehungen (z.B. zu den Eltern, im sozialen Umfeld, in Lerngruppen usw.) aufgebaut werden können und
- die Entwicklung einer realistischen „reifen“ Persönlichkeit möglich ist.
Um dies zu erreichen, wird ein ganzheitlicher und lebensraumorientierter Ansatz bei der Arbeit mit den Kindern verfolgt, wobei die Elternarbeit eine ganz entscheidende Rolle spielt. Dadurch und durch die genannten Projektziele geht ein klarer Gesundheitsbezug des Projektes hervor, denn durch die Verwirklichung dieser werden die Jugendlichen in ihrer persönlichen Handlungskompetenz gestärkt, welches sich positiv auf ihre Bewältigungs- und Gesundheitsressourcen auswirkt. Zudem hat die Stärkung des Selbstbewusstseins einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Jugendlichen und ist somit unabdingbar für die Erreichung des Zieles eines Hauptschulabschlusses und einer Persönlichkeitsbildung. Überdies wird das Bewusstsein der Jugendlichen für gesunde und vollwertige Ernährung sowie der Erlernung von Alltagsbewältigungskompetenzen in Form eines Hauswirtschaftsunterrichts gefördert.
Das Projekt Motivia stellt für die Jugendlichen einen Coach für ihr persönliches soziales Netzwerk aus Schule, Elternhaus, Jugendamt, Peer-Groups, Sozialraum und vielen weiteren beteiligten Institutionen (z.B. Polizei, mögliche Arbeitgeber usw.) dar und ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft die letzte Chance vor ihrem endgültigen sozialen und persönlichen Scheitern.
Zielgruppe des Projektes sind schulpflichtige Mädchen und Jungen im Alter von 12 bis 16 Jahren die von Haupt- und Sonderschulen der Stadt und des Kreises Aachen betreut werden. Die Zielgruppe ist gekennzeichnet durch längere Schulabsenz und das Scheitern sämtlicher bisheriger Maßnahmen gegen diese Schulverweigerung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammen in der Regel aus einem zerrütteten Elternhaus und zeigen Symptome der Vernachlässigung sowie starke Verhaltensauffälligkeiten und ein geringes Selbstwertgefühl. Zudem sind einige von ihnen nach außen hin durch Gewalttätigkeit, Drogendelikte und andere Straftaten aufgefallen.
Aus der Analyse des einzelnen Jugendlichen heraus orientiert sich jede Arbeit im Projekt sowohl hinsichtlich ihres inhaltlich-curricularen als auch hinsichtlich des räumlich-zeitlichen Rahmens an der individuellen Persönlichkeit und der subjektiven Situation des schulverweigernden Jugendlichen. Um die Defizite der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu beseitigen wird konsequent an den Stärken und Fähigkeiten angesetzt.
Die Arbeit der beteiligten Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie der Lehrerinnen und Lehrer im Projekt gliedert sich in fünf Arbeitsbereiche, die alle wechselseitig miteinander verknüpft sind.
Die sozialpädagogische Betreuung, Begleitung und Beratung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellt das Zentrum der Förderung im Projekt MOTIVIA dar. Eine speziell in dieser Thematik vom Jugendamt Aachen geschulte Sozialpädagogin und ein Sozialpädagoge erstellen mit dem Jugendlichen einen eng mit dem Jugendamt abgestimmten Hilfe- und Förderplan. Zum Konzept der sozialpädagogischen Begleitung gehören folgende Elemente:
- Begleitung des Unterrichtsablaufes im Sinne von Krisenintervention und Begleitung der Gruppenprozesse
- Schriftliche Ausarbeitung des individuellen Hilfe- und Förderplans in Kooperation mit dem Jugendamt und der Schule
- Einzelfallhilfe und -beratung der Jugendlichen im Hinblick auf den Hilfeplan, Lebens- und Familienkrisen, Behörden usw.
- Planung und Durchführung sozialer und geschlechtsspezifischer Gruppenarbeit mit lebens- und gesundheitsrelevanten Themen
- Elternberatung und -kooperation („Elternverträge“)
- Koordination der Berufsvorbereitung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- Zusammenarbeit mit dem Jugendamt (Hilfeplan) und der Schule, Pflege und Ausbau der Kooperationsbeziehungen des Projektes
Der Unterricht findet in den Projekträumen von Motivia statt und wird durch Lehrerinnen und Lehrer der kooperierenden Schulen sichergestellt. Er wird ständig durch die Sozialpädagogen und -pädagoginnen des Projektes begleitet und unterstützt. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten ganz eng mit den Sozialpädagoginnen und -pädagogen zusammen.
Die Betreuung der 12 Jugendlichen findet in der Gesamtgruppe und / oder in Kleingruppen statt, wobei immer eine Sozialpädagogin bzw. ein Sozialpädagoge anwesend ist.
Die Lehrer und Lehrerinnen orientieren sich am geltenden Lehrplan der Sonder- bzw. Hauptschule. Durch die Struktur des Projektes wird ein kontinuierlicher Schulbesuch und ggf. ein gültiger Schulabschluss sichergestellt. Der Unterricht kann durch folgende Merkmale beschrieben werden:
- individuelle Vorgehensweise, keine starren Zeitpläne, flexible Vermittlung der Inhalte
- projekt- und handlungsorientiertes Arbeiten
- kurze Lernphase entsprechend der individuellen Konzentrationsfähigkeit
Dem ganzheitlich-motivierenden Ansatz des Projektes folgend unterstützen kreativ-, freizeit-, sport- und erlebnispädagogische sowie gesundheitszentrierte Angebote die Projektziele. Diese Angebote werden nach Analyse individueller Problemfelder von der sozialpädagogischen Betreuung zusammen mit professionellen Honorarkräften meist für Kleingruppen ausgearbeitet. Jedes dieser Angebote setzt sich konkrete Ziele, z.B. Stärkung der Teamfähigkeit bei Sportangeboten, Stärkung des Gesundheitsbewusstseins durch Ernährungsangebote oder Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse durch Kreativangebote.
Für den Kreis Aachen hat sich aus diesem Konzept in Kooperation mit den Jugendämtern im Kreis ein zweites Projekt mit Sitz in Alsdorf entwickelt. Seit September 2006 gibt es zudem die Gruppe Motivia plus, die mit ESF - Mitteln im Rahmen des Modellprogramms „Schulverweigerung - die 2. Chance“ gefördert wird. Unterschied zu den bereits bestehenden Projekten ist eine Intensivierung des Case-Managements und die Einrichtung einer Koordinierungsstelle, die die Hilfeplanung im Netzwerk bündelt. Außerdem wird vor dem Ziel der Reintegration in die Regelschule der Fokus auf jüngere Schülerinnen und Schüler ab dem sechsten Schulbesuchsjahr gelegt.
>>> Projektbeschreibung (PDF-Datei, 79 KB)
Nähere Informationen sowie die Kontaktdaten zu den Projektverantwortlichen erhalten sie beim Regionalen Knoten NRW.
Zurück zur Projektübersicht