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Daten und Fakten
zur gesundheitlichen Chancengleichheit in Deutschland
Jedes fünfte Kind wächst mit erheblichen psychosozialen Belastungen auf. Dies stellt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Situation im Gesundheitswesen 2009 fest. Zudem seien 15 bis 20 Prozent der Kinder von relativer Armut und allen daraus folgenden Schwierigkeiten und Defiziten an Teilhabe betroffen, so der Bericht.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der aktuelle 13. Kinder- und Jugendbericht, der bei 20 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland gesundheitliche Auffälligkeiten feststellt. Vor allem ein niedriger sozioökonomischen Status, geringe formale Bildung, Arbeitslosigkeit, der Status als Alleinerziehende und ein Migrationshintergrund, gepaart mit Armut, sind Lebenslagen und Faktoren, die Belastungen und Risiken begünstigen.
Daten des sozioökonomischen Panels belegen große Unterschiede bei der Lebenswartung in Abhängigkeit vom Einkommen: Männer des unteren Einkommensviertels sterben im Durchschnitt zehn Jahre eher als Männer im oberen Einkommensviertel. Bei Frauen beträgt der Unterschied fünf Jahre. Die Anzahl der Lebensjahre, die in gutem oder sehr gutem Gesundheitszustand verbracht werden, steht ebenfalls in einem engen Zusammenhang zum Einkommen. So haben Männer der höchsten Einkommensgruppe durchschnittlich 14,3 gesunde Lebensjahre mehr vor sich, als Männer der niedrigsten Einkommensgruppe. Bei den Frauen beträgt dieser Unterschied 10,2 Jahre (Lampert, Dunkelberg, 2007).
Laut bundesweitem Gesundheitssurvey haben Erwachsene im mittleren Lebensalter mit niedrigem Einkommen häufiger gesundheitliche Probleme. Zu den Krankheitsbildern, die verstärkt auftreten, zählen unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall, krankhaftes Übergewicht, chronische Bronchitis und Depression (Armutsbericht 2005, S. 131, unter Verweis auf das Telefonsurvey 2003 und Gesundheitssurvey 1998).
Männer mit Volks- oder Hauptschulabschluss leiden häufiger an Herzinfarkt, Angina pectoris, Arthrose und chronischem Rückenschmerz als Männer mit Fachhochschul- oder allgemeiner Hochschulreife. Bei Frauen mit Volks- oder Hauptschulabschluss treten häufiger Schlaganfall, Angina pectoris, Bluthochdruck, Diabetes, chronische Bronchitis, Arthrose und chronische Rückenschmerz auf (Armutsbericht 2005, S. 133, Telefonsurvey 2003). Auch die Häufigkeit von starken Schmerzen unterscheidet sich: Im Sozioökonomischen Panel klagten mehr als doppelt so viele Männer mit niedrigerem Schulabschluss über starke Schmerzen in den letzten vier Wochen als Männer mit Abitur (43 zu 19 Prozent). Bei den Frauen war das Verhältnis ähnlich, jedoch der Gesamtanteil jeweils noch höher (51 zu 27 Prozent). Langzeitarbeitlose Männer und Frauen sind bald doppelt so häufig von einer länger andauernden Krankheit oder Gesundheitsstörung betroffen wie erwerbstätige Männer und Frauen (Armutsbericht 2005, S. 138, Telefonsurvey 2003). Arbeitslose erhalten umgerechnet in Tagesdosen 25 Prozent mehr Medikamente als Menschen mit Beschäftigung, wie die Techniker Krankenkasse für 2005 errechnet hat.
Bei Kindern und Jugendlichen wirkt sich die soziale Benachteiligung oftmals auf ihre gesundheitliche Entwicklung aus. So kommen Beeinträchtigungen, von denen sich ein medizinischer Handlungsbedarf ableiten lässt, häufiger bei Kindern aus sozial schwächeren Familien vor. Hierzu zählen unter anderem Sprachauffälligkeiten, psychomotorische Defizite, Adipositas, Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung, psychische Erkrankungen sowie emotionale und soziale Störungen (Armutsbericht 2005, S. 139, Quelle sind Brandenburger Einschulungsuntersuchungen 2000 und 2002).
Laut KiGGS-Studie sind psychische Auffälligkeiten sogar bis zu vier Mal so häufig. Auch Unfallverletzungen und zahnmedizinische Probleme treten bei sozial benachteiligten Kindern vermehrt auf. (Armutsbericht 2005, S. 139, nach Einschulungsuntersuchungen in Berlin von 1998). Die HBSC-Studie zeigte: bei Kindern und Jugendlichen aus dem unteren Drittel des Wohlstandsniveaus waren verglichen mit dem oberen Drittel die gesundheitlichen Belastungen doppelt so hoch. Die Wold Vision-Kinderstudie 2007 hat mit einer repräsentativen Befragung von 8- bis 11-jährigen diese Befunde erhärtet: "Die schlechteren Startchancen von Kindern aus den unteren Herkunftsschichten prägen alle Lebensbereiche und wirken wie ein Teufelskreis. Wie ein ’roter Faden’ zieht sich eine Stigmatisierung und Benachteiligung dieser Kinder durch das ganze Leben hindurch".
Die aktuellen Berichte des Sachverständigenrates sowie der 13. Kinder- und Jugendbericht stellen zudem fest, dass sich viele Belastungen und Folgen von sozialer und gesundheitlicher Benachteiligung im Kindes- und Jugendalter festigen - und später im Erwachsenenalter ihre Folgen zeigen.
Die OECD-Studie "Growing Unequal" (2008) stellt fest: Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land. Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 übertraf jenen in den gesamten vorherigen 15 Jahren (1985 - 2000). 2005 waren mehr Erwachsene und Kinder einkommensarm als 1985 - d.h. diese lebten in einem Haushalt mit weniger der Hälfte des deutschen Medianeinkommens. Die Gesamtarmutsrate stieg von sechs Prozent auf elf Prozent, jene der Kinder von sieben Prozent auf 16 Prozent. Andererseits blieb die Armutsrate älterer Menschen während dieses Zeitraums stabil, bei etwa sieben Prozent für 66-74jährige und elf Prozent für jene über 75 Jahren.
Langzeitarmut (Armut während drei und mehr Jahren) ist hingegen ein Phänomen, das in Deutschland seltener als in anderen Ländern auftritt: etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, ein Prozentsatz, der der Hälfte dem OECD-Durchschnitt entspricht und nur in Dänemark und den Niederlanden noch niedriger ist.
"Soziale Ungerechtigkeit tötet Menschen in großem Maßstab". Mit dieser eindringlichen Botschaft wandte sich die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Bericht „Soziale Determinanten von Gesundheit“ im letzten Jahr an die Öffentlichkeit. Einkommen, Arbeit, Bildung und Teilhabe sind entscheidende Einflussfaktoren, um gesund aufwachsen und leben zu können, so die WHO.
Die bundesweite Praxisdatenbank des Kooperationsverbundes „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ gibt einen Überblick über die vielfältigen Angebote der Gesundheitsförderung, die sich an sozial benachteiligte Zielgruppen wenden. So können Projekte für ein breites Spektrum sozial benachteiligter Zielgruppen recherchiert werden: von Kindern bis hin zu älteren Menschen sowie in besonderen Lebenslagen wie Alleinerziehende, Arbeitslose, sozial Benachteiligte mit Migrationshintergrund oder Bewohnerinnen und Bewohner von sozialen Brennpunkten.
www.gesundheitliche-chancengleichheit.de
Quellen und Literatur:
BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) 2009: Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten, Ansatz - Beispiele - Weiterführende Informationen, 4. erweiterte und überarbeitete Auflage, Gesundheitsförderung Konkret Band 5. Köln: BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).
http://www.bzga.de/?uid=6e872391ca0915e8aba97b360e65360a&id=medien&sid=62&idx=1262
Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Gutachten 2009: Koordination und Integration - Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. http://www.svr-gesundheit.de
Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - 13. Kinder- und Jugendbericht 2009, verfasst durch eine Sachverständigenkommission im Auftrag von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=687
Erkennen - Bewerten - Handeln. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) und Empfehlungen für effektive Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Gemeinsame Veröffentlichung des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2008.
http://www.kindergesundheit-info.de/index.php?id=3558#14265
Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen unter Beteiligung des GKV Spitzenverbandes (Hrsg.) 2008: Leitfaden Prävention Gemeinsame und einheitliche Handlungsfelder und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Umsetzung von §§ 20 und 20a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 2. Juni 2008
http://www.gkv-spitzenverband.de/Praevention.gkvnet
OECD-Studie "Growing Unequal" 2008: http://www.oecd.org/document/54/0,3343,de_34968570_35008930_41530998_1_1_1_1,00.html
Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO „Soziale Determinanten von Gesundheit“ 2008: http://www.who.int/social_determinants/thecommission/finalreport/en/index.html
Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“(HBSC) 2008. Weitere Informationen unter http://www.hbsc-germany.de
Soziale Ungleichheit der Lebenserwartung in Deutschland. Lampert, Thomas/Kroll, Lars Eric/Dunkelberg, Annalena, Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2007.
http://www.bpb.de/publikationen/Q0UJAH,0,Soziale_Ungleichheit_der_Lebenserwartung_in_Deutschland.html
Kinder in Deutschland 2007. Die World Vision Kinderstudie
Lebenslagen in Deutschland. Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung. (Hrsg.), April 2005
http://www.bmas.bund.de/BMAS/Redaktion/Pdf/Lebenslagen-in-Deutschland-De-821,property=pdf ,bereich=bmas,sprache=de,rwb=true.pdf
Einfluss der Einkommensposition auf die Gesundheit und Lebenserwartung. Lampert, Thomas/Kroll, Lars Eric, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Discussion papers 527 http://www.diw.de/deutsch/produkte/publikationen/diskussionspapiere/docs/papers/dp527.pdf
Gesundheit in Deutschland. Mit 36 Tabellen. Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt. 1. Aufl., Juli 2006 - Robert Koch-Institut.
http://www.rki.de/cln_006/nn_1001054/DE/Content/GBE/Gesundheitsberichterstattung/GesInDtld/ gesundheitsbericht,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/gesundheitsbericht
Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS-Studie), Robert Koch-Institut 2006. Weitere Informationen zu der bisher nur in Teilen veröffentlichten Studie unter http://www.kiggs.de
Gesundheitsreport 2006 von der Techniker Krankenkasse. Darin Angaben zu Arzneimittelverordnungen nach Berufsgruppen umgerechnet in Tagesdosen
http://www.tk-online.de/centaurus/generator/tk-online.de/b01__bestellungen__downloads/ z99__downloads__bilder/pdf/gesundheitsreport__2006,property=Data.pdf
Telefonischer Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts zu chronischen Krankheiten und ihren Bedingungen. Deskriptiver Ergebnisbericht. Kohler, Martin Andreas/Ziese, Thomas. Dezember 2004. Robert Koch-Institut.
Jugendgesundheitssurvey. Internationale Vergleichsstudie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO / Hurrelmann, Klaus et al (Hrsg), Weinheim: München. Juventa 2003
Bundes-Gesundheitssurvey 1998. In: Das Gesundheitswesen. Sonderheft. 61. Jahrgang. Dezember 1999. Verlag: Thieme.
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